Interview mit Lehrerverbandspräsident Josef Kraus

Inflation von Top-Abiturnoten: „Das sind ungedeckte Schecks“

Wieder in der Diskussion: Wert und Gerechtigkeit des Abiturs in Deutschland.

Der Streit über Wert und Gerechtigkeit des Abiturs ist wieder voll entbrannt. In den Bundesländern gibt es eklatante Unterschiede bei Abiturnoten. Zumal immer häufiger die Eins vor dem Komma steht. Darüber und über den neuen Beschluss der Kultusminister auf dem Weg zum Zentralabitur sprachen wir mit Lehrerverbandspräsident Josef Kraus.

In einem Onlineforum hat ein schwäbischer Schüler geschrieben, er könne ja zum Abitur noch schnell in den Norden. Dann würden die Noten besser. Hat er recht? 

Josef Kraus: Wir haben leider quer durch die Republik noch nicht einen einheitlichen Anspruch, was Abitur und die Anforderungen und auch die Strenge oder Milde bei der Notenvergabe betrifft.

Woran liegt das? Man hat sich doch in manchen Ländern auf einen gemeinsamen Aufgabenpool verabredet.

Kraus: Dieser Aufgabenpool umfasst nur einen minimalen Anteil des ganzen Abiturgeschehens. Das ist nur Augenwischerei und Schaufensterpolitik, zumal sind an dem Pool ja auch nicht alle Bundesländer beteiligt. Was Anforderungsniveau und Verbindlichkeit von Lehrplaninhalten und Prüfungsverfahren betrifft, ist in den letzten Jahrzehnten quer durch die 16 Länder zu viel auseinandergelaufen.

2017 kann laut Beschluss der Kultusministerkonferenz (KMK) erstmals in 14 Ländern am gleichen Tag das Matheabitur geschrieben werden. Zudem können sich die Länder dann aus einem gemeinsamen Aufgabenpool in Deutsch, Mathematik, Englisch und Französisch bedienen. Ist das der entscheidende Schritt zum bundesweiten Zentralabitur? 

Kraus: Es ist ein kleiner Schritt in die richtige Richtung. Diese Art von - hoffentlich anspruchsvoller - Vereinheitlichung der Aufgabenstellung deckt aber nur einen winzigen Teil einer Abiturgesamtleistung ab. Der nächste Schritt müsste sein, dass auch für die vier Schulhalbjahre vor dem Abitur anspruchsvolle einheitliche Vorgaben folgen; denn in diesen vier Halbjahren werden zwei Drittel der Abiturleistung erbracht.

In Thüringen ist der Anteil der Einser-Absolventen deutlich höher als in Niedersachsen. Sind die Thüringer begabter? 

Kraus: Ich gehe davon aus, dass die Anstrengungsbereitschaft und die Intelligenz deutschlandweit gleich verteilt sind. Letztlich steckt dahinter eine gewaltige Ungerechtigkeit. Im Grunde fängt es schon beim Zugang zum Gymnasium an. Es gibt Bundesländer, die dabei großzügigere, liberalere Regelungen haben als andere. Da würde ich mir mehr Einheitlichkeit wünschen. Eine Einheitlichkeit allerdings, die in einem föderalen Wettbewerb zustande kommt. Ich wünsche mir ein Schulsystem, wo 16 Länder um die beste Lösung ringen. Das wäre ein Wettbewerbsföderalismus und nicht ein Föderalismus, den wir in den letzten Jahren hatten, wo sich die Länder eher auf Ebene des Kompromisses auf unterstem Anspruchslevel wiederfinden.

Aber viele Bürger finden einen Bildungszentralismus wie in Frankreich gerechter. Dort spitzen auf Kommando aus Paris die Abiturienten die Bleistifte für zentral gestellte Klausuren. 

Kraus: Das ist nur die halbe Wahrheit. Man darf nicht übersehen, dass die Abschlusszeugnisse in Frankreich einen relativ geringen Wert haben. Wer dort zur Hochschule will, muss eine Aufnahmeprüfung machen. Außerdem kann man bei einer 80-prozentigen Abiturientenquote sagen: Wenn jeder Abitur hat, hat keiner mehr Abitur. Ungerecht ist, wenn man Unterschiedliches gleich behandelt und über einen Kamm schert.

Wie kann man dafür sorgen, dass es nicht zu solchen Notendiskrepanzen kommt. Schließlich geht es um Zugangsgerechtigkeit beim Studium. 

Kraus: Der erste Schritt ist, dass man endlich quer durch die Länder transparent macht: Was ist die Abiturdurchschnittsnote, was ist die Übertrittsquote usw. Zweitens müsste man einmal den Zusammenhang zwischen Abiturnote und Länderherkunft und Hochschulnote bzw. Abbrecherquote aufzeigen. Meine Hypothese ist, dass die Länder mit großzügigen Abiturregelungen wahrscheinlich in der Statistik der Studienabbrecher überrepräsentiert sind.

Die KMK wurde oft gescholten. Was sollte sie besser machen? 

Kraus: Ich wünsche mir, dass sie endlich Beschlüsse fasst, wo der Maßstab nicht das jeweils langsamste Land ist. Sondern dass man vielleicht mal darüber nachdenkt, dass man in der KMK vom Einstimmigkeitsprinzip weggeht und etwa zu Zwei-Drittel-Mehrheitsregeln kommt. Im Moment ist die Realität so, dass an einem einzigen Land - das war oft genug zum Beispiel Hamburg - strengere Regelungen gescheitert sind.

Wir haben in den letzten Jahren einen sprunghaften Anstieg von Einser-Abiturienten verzeichnet. Sind die Schüler alle besser geworden?

Kraus: Nein. Die Politik hat konzeptionslos die Verkürzung der Gymnasialzeit durchgezogen. Zugleich wollte sie mit sehr liberalen prüfungsrechtlichen Vorgaben beweisen, dass das achtjährige Gymnasium etwas Sinnvolles ist und auch noch bessere Abiturnoten zur Folge hat. Dann haben wir parteiübergreifend eine Politik, die auf Gefälligkeit setzt nach dem Motto: Wenn die Eltern das wünschen, befriedigen wir es. Die Hochschule oder der Markt wird es schon richten. Aber unterm Strich ist es Betrug an den Schülern. Wenn alle eine Eins vor dem Abitur-Komma haben, dann hat keiner mehr eine Eins vor dem Komma. Weil dann entweder der Markt oder die Hochschule sagen: Das sind ungedeckte Schecks. Wir machen unsere eigenen Auswahlverfahren.

Zur Person

Josef Kraus (65) ist seit 1987 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes. Kraus, der mehrere Bücher verfasst hat ("Ist die Bildung noch zu retten", "Helikopter-Eltern") ist seit 1995 Oberstudiendirektor am Maximilian-von-Montgelas-Gymnasium Vilsbiburg (Kreis Landshut). Er ist seit 41 Jahren verheiratet und hat einen erwachsenen Sohn. Der Lehrerverband ist die Dachorganisation der Verbände der Lehrer an Gymnasien, Realschulen, Berufs- und Wirtschaftsschulen und vertritt 160.000 Lehrer in Deutschland.

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