Inflationsrate niedrig, gefühlte Preise hoch: Die Sache mit der Teuerung

Kassel. Die EZB hält die Zinsen niedrig, auch mit dem Ziel, die Wirtschaft anzukurbeln. Die Inflationsrate sei zu niedrig, die Angst vor weiter sinkenden Preisen geht um. Doch die meisten Verbraucher fühlen das Gegenteil: Der Alltag wird teurer. Von Jörg S. Carl

Beinahe täglich fühlt er sich veralbert, der Verbraucher - zum Beispiel im Backshop, im Supermarkt, an der Tankstelle, auf den Rechnungen für Miete und Nebenkosten. Die Erfahrungen des Alltags lehren: Das Leben wird teurer. Der Kunde fragt sich, wie das denn sein kann. Er hört und liest doch ständig, dass die Preise fallen oder jedenfalls kaum steigen, selten zuvor sei die Teuerungsrate - im Juni 1,0 Prozent - so niedrig gewesen. Drei Gründe, warum die Inflationsstatistik den Alltag nicht abbilden kann.

Der Warenkorb: Mit ihm ermittelt das Statistische Bundesamt die Veränderung der Preise. Dieser Warenkorb ist von den Statistikern mit Produkten und Dienstleistungen gefüllt, von denen sie annehmen, ein fiktiver Durchschnittskonsument würde sie kaufen. Darin sind zum Beispiel Lebensmittel, Wohnkosten, Energiekosten, Reisen, Genussmittel und Kulturangebote enthalten. Alle fünf Jahre wird die Gewichtung der im Warenkorb enthaltenen Produkte angepasst. Der Statistiker nennt das die Veränderung des „Wägungsschemas“, weil sich im Lauf der Zeit die Anteile der Ausgaben für Güter und Dienstleistungen verschieben.

Beispiel: Der Anteil der Lebensmittel im Rechenmodell Warenkorb wurde in der Vergangenheit deutlich verringert. Mittlerweile macht er anteilig für die Inflationsberechnung nur noch zehn Prozent der Ausgaben des Durchschnittskonsumenten aus.

Das erklärt für den real existierenden Kunden die womöglich großen Abweichungen: Wer nur ein niedriges Einkommen zur Verfügung hat, gibt einen deutlich größeren Anteil seines Geldes für Lebensmittel aus, als die Statistiker für ihr Rechenmodell Warenkorb annehmen. Die gefühlte persönliche Inflationsrate unterscheidet sich also von der durchschnittlich ermittelten. Kritiker nennen das: Dem Verbraucher Sand in die Augen streuen. Die tatsächliche erlebte Teuerung sei viel höher als die errechnete Inflationsrate.

Die Qualitätsfrage: Für die Statistiker ist ein Produkt nicht teurer geworden, selbst wenn man dafür mehr bezahlt. Beispiel: Jede neue Generation von technischen Geräten kann mehr als die Vorläufer - hochauflösendere Bilder, mehr Funktionen, stromsparendere Arbeitsweise. Die neuen Produktlinien kosten üblicherweise mehr als die alten, aber die Inflationsstatistiker rechnen die Qualitätssteigerung dagegen. Folge: Man zahlt zwar mehr dafür, aber in die Teuerungsrate fließt dies nicht oder kaum ein, weil der Kunde ja mehr Qualität fürs Geld bekommen hat. Kritiker ärgert das: So würde Teuerung verschleiert.

Die Produktauswahl: Jeden Monat werden 300.000 Preise der gleichen Produkte ermittelt. Die Statistiker haben nach eigenen Angaben die Vorgabe, nur den Preis des meistverkauften Produktes einer Produktlinie aufzunehmen. Beispiel: Das normale Brötchen wird in der Bäckerei am meisten verkauft. Wenn sein Preis gleich bleibt, bleibt auch die Teuerungsrate gleich. Wenn aber der Preis etwa für das Sesambrötchen erhöht wird, fließt dies nicht in die Berechnung der Teuerungsrate ein. Kritiker meinen, die Ermittlung von 300 000 Preisen reiche nicht aus, um die wahre Teuerungsrate abzubilden, es handele sich nur um eine Stichprobe.

Dem hält das Statistische Bundesamt im Gespräch mit unserer Zeitung entgegen: Die Preise würden in so vielen Geschäften ermittelt, dass sehr wohl eine gültige Aussage getroffen werden könne. Und zum Beispiel Brötchen sagt man dort: Die Annahme, dass Bäckereien alle Brötchenarten verteuern, nur das normale nicht, sei Humbug. Auch sei zu bezweifeln, dass in jeder Bäckerei das normale Brötchen das meistverkaufte sei.

Unseren Autor erreichen Sie per Mail hier: jsc@hna.de

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