„Laminieren ist das schlimmste“

Internationale Suchdienst macht historische Akten haltbar

Bad Arolsen. Die Zeit nagt an den Akten aus der NS-Zeit. Um sie zu erhalten, wird jedes einzelne von 30 Millionen Dokumenten des Internationales Suchdienstes konserviert. Das Geld dafür ist knapp, doch die Zeit drängt.

Ein eingerissenes Stück Papier, vergilbt - und doch so wertvoll. In den Archiven des Internationalen Suchdienstes (ITS) im nordhessischen Bad Arolsen liegen rund 30 Millionen Dokumente aus der NS-Zeit über Inhaftierte in Arbeits- und Konzentrationslagern. Oft ist das Papier 60, 70 Jahre alt und der Zahn der Zeit nagt an den Dokumenten. „Mit zunehmendem Alter zerstören Säuren das Papier, es vergilbt und wird brüchig“, erzählt Nicole Dominicus, die Leiterin der Archivverwaltung des Suchdienstes. Deshalb wird derzeit jedes einzelne Blatt bearbeitet. Auch in diesem Jahr sind es Tausende Originaldokumente aus der NS-Zeit, die konserviert werden sollen.

In den Archiven lagern berühmte Dokumente: Von einer Transportkarte von Anne Frank etwa oder der Liste, mit deren Hilfe der Fabrikant Oskar Schindler einst etwa 1200 Juden vor dem Tod rettete, sind zudem Duplikate angefertigt worden, damit die Originale nicht mehr so oft angefasst werden.

Der Bestand aus dem Konzentrationslager Buchenwald ist bereits konserviert. „Die Dokumente sind auf schlechtem Papier gedruckt. Das war aber normal im Zweiten Weltkrieg“, sagt Geschäftsführer Alexander Geschke von der Preservation Academy Leipzig (PAL). Die Unterlagen aus Bad Arolsen werden nach Leipzig gebracht und dort nicht nur entsäuert, sondern auch restauriert. Kleine Risse werden geschlossen oder sehr dünnes, sogenanntes Japan-Papier, hinter die Originaldokumente geklebt. Es hat etwa ein Zehntel der Breite eines normalen Blatts Papier. Alte Klebebänder werden entfernt, Schimmel bekämpft.

PAL ist spezialisiert auf die Entsäuerung von Papier. Pro Jahr werden hier rund 200 000 Bücher entsäuert, nicht nur aus Nordhessen. Das Unternehmen mit rund 25 Mitarbeitern ist bereits seit Jahren für den ITS tätig. Hunderttausende Objekte seien bereits bearbeitet worden, sagt Geschke. Die Bundesregierung stellt dem Suchdienst pro Jahr etwa 200 000 Euro für die Konservierung der ITS-Unterlagen zur Verfügung. Seit dem Jahr 2000 ist knapp ein Zehntel des Bestandes repariert worden. Bis etwa 2018 soll das Projekt abgeschlossen sein.

Die Akten werden bereits in Bad Arolsen vorbereitet. Bevor es nach Leipzig geht, werden Trennblätter zwischen die einzelnen Dokumente gelegt, damit Stempel nicht auf andere Blätter übertragen werden. Dokumentare überprüfen, ob es sich um Originale oder Fotokopien von damals handelt. „Jedes einzelne Papierstück wird in die Hand genommen“, sagt Dominicus.

In Leipzig werden die Unterlagen in eine Maschine gesteckt, die mit Magnesiumcarbonat geflutet wird. Die Chemikalie neutralisiert das Papier. Mit dem Anheben des PH-Wertes wird es langfristig vor dem Verfall geschützt. Anschließend geht es zum Ausdünsten, dann wird restauriert. „Jeder Umschlag wird individuell bearbeitet. Risse kitten ist eine Sache von Minuten““, betont Anja Grubitzsch, ebenfalls Geschäftsführerin bei PAL.

Vor allem in den 1960er Jahren wurden die Aktenblätter laminiert - im guten Glauben, sie so zu erhalten. Heute weiß man: Die Weichmacher darin zerstören das Papier langsam, aber sicher. „Laminieren ist das Schlimmste. Das war gut gemeint, aber ist aus heutiger Sicht nicht mehr geeignet. Deshalb ist man davon wieder angekommen“, erzählt Geschke. „Da lauert noch viel Arbeit“, betont Grubitzsch.

Alle Dokumente, die nach Leipzig gebracht werden, wurden vorher digitalisiert. Es gehe nicht nur um Dokumente aus der Kriegszeit, sondern auch aus der Zeit danach von Vertriebenen und ehemaligen Zwangsarbeitern. „Die Aufgabe ist, die Informationen im Original zu bewahren - für die Geschichte, die Nachwelt oder die Forschung“, erzählt Archivverwaltungsleiterin Dominicus. Für einen Familienangehörigen eines früheren KZ-Häftlings sei es ein bedeutender Unterschied, ob er eine Kopie oder das Original einer Häftlingskarte in der Hand halte, sagt Dominicus. „Das ist erhaltungswürdig.“ (dpa)

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