Internationaler Suchdienst in Bad Arolsen unter Druck: Wurden Forscher behindert?

Bad Arolsen. Der Internationale Suchdienst des Roten Kreuzes in Bad Arolsen erfuhr in den vergangenen Jahren eine dramatische Veränderung. Nun gibt es Vorwürfe.

Das Image wurde überarbeitet: Weg von der oft letzten Anlaufstelle von Hinterbliebenen von Opfern des NS-Regimes, die nach ihren Verwandten suchten, hin zu einem Archiv, das Forscher aus der ganzen Welt, die sich mit dem Nazi-Regime beschäftigen, bedient.

Die Wandlung geschah einigermaßen lautlos - doch nun kracht es rund um das Archiv in dem barocken Kurbad: Werden dort Forscher bewusst blockiert? Legt man Wissenschaftlern Steine in den Weg, statt zu helfen? Die Vorwürfe wiegen schwer und fanden bereits ein internationales Echo: Die „Jüdische Allgemeine“ überschrieb einen Artikel kurz und knapp „Blondel blockiert“. Der Schweizer Jean-Luc Blondel ist der Direktor der Bad Arolser Institution. Die Linke startete im Bundestag eine Anfrage. Mit den Antworten war man nicht zufrieden. Die Abgeordnete Ulla Jelpke: „Es gibt Klärungsbedarf“.

Den Stein ins Rollen brachte der Berliner Historiker Bernhard Bremberger. Er forscht zurzeit im Auftrag des Bezirks Neukölln über verschiedene Zwangsarbeiterlager in Berlin-Neukölln - und fühlt sich in seiner Arbeit durch das ITS in Bad Arolsen behindert. Zwar hatte sich Bremberger schon mehrfach auf den Weg nach Bad Arolsen gemacht, um dort vor Ort im Archiv zu forschen. „Ich kann nicht wochenlang dort leben, um meine Arbeit zu machen.“ Doch die erhalte er nicht in ausreichendem Maße, sagt Bremberger.

900 Stück habe er bis jetzt für rund 500 Euro bekommen, doch er will mehr, viel mehr. Für Direktor Jean-Luc Blondel ist das zuviel: „Wir wollen nicht restriktiv sein, aber wir können nicht alles herausgeben.“ In einem Gespräch mit unserer Zeitung nennt er ein Beispiel: „Wenn jemand die Anfrage stellt, er möchte über Buchenwald forschen und brauche das gesamte Material, dann geht das nicht. Die Frage muss schon präziser gefasst werden“. Blondel bezeichnet Bremberger als einen Einzelfall, was dieser bestreitet. Und der ITS-Chef erklärt mögliche Pannen mit Anfangsschwierigkeiten. Von einer ersten Anweisung, generell nur 100 Kopien herauszugeben, ist Blondel abgerückt.

Man hat in Bad Arolsen inzwischen auch eingesehen, dass bei der Umwandlung zum Archiv Fehler gemacht wurden. So benutzt das ITS eine eigene Begrifflichkeit, mit der Archivare und Forscher auf der ganzen Welt nichts anfangen können. Ein Beispiel: Jede noch so kleine Unterlage bekommt beim ITS eine Nummer und ist damit ein „Bestand“. Das kann ein Aktenblatt, das können aber auch hunderte Seiten sein. Nur: Komplette Bestände gibt das ITS nicht heraus. Aus den Fehlern will man lernen: Im Oktober wird es in Bad Arolsen einen internationalen Archivar-Kongress geben, von dem man Hilfe erwartet.

Von Frank Thonicke

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