Interview zum AfD-Erfolg im Osten: „Das flache Land ist abgehängt“

„Die Lebenschancen sind immer noch geringer als im Westen“: Leer stehende Häuser im Dorf Fischbeck (Landkreis Stendal). Foto:  dpa

Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt hat die rechtspopulistische AfD 24,2 Prozent der Stimmen geholt. Vor fünf Jahren noch erhielt dort die Linke 23,7 Prozent. Was dieses Wahlverhalten bedeutet, erläutert Wolfgang Renzsch, Politik-Professor an der Uni Magdeburg.

64 Prozent der AfD-Wähler in Sachsen-Anhalt haben erklärt, die AfD gewählt zu haben, weil sie von anderen Parteien enttäuscht seien. Vor fünf Jahren haben die Menschen dort mit der gleichen Begründung das Gegenteil gewählt, nämlich die Linken. Kann man Wahlen allein mit Protest bestreiten?

Prof. Dr. Wolfgang Renzsch: Manchmal schon. Der Wechsel von links außen nach rechts außen ist nicht neu. Solche Wechsel hatten wir schon vor 1933. Der weltweit berühmteste Wechsler war Benito Mussolini. Er war vor dem Ersten Weltkrieg ein wichtiger Funktionär der Zweiten Sozialistischen Internationale, nach dem Krieg wechselte er nach rechts außen. Wir wissen auch, dass in Deutschland bei den Wahlen vor 1933 viele Stimmen für die NSDAP von Personen kamen, die vorher KPD oder SPD gewählt hatten.

Nun hätte man gehofft, dass solche extremen Wechsel in Deutschland überwunden sind, eben aufgrund der Lehren aus unserer Geschichte.

Renzsch: Diese Lehren aus der deutschen Geschichte sind in der alten Bundesrepublik ganz anders verarbeitet worden als in der DDR. In der DDR hat man das weitgehend unter den Teppich gekehrt, nach dem Motto: Wir waren die Guten, die Bösen sitzen alle im Westen, sollen die sich darum kümmern. Der Nationalsozialismus ist in der DDR nicht aufgearbeitet worden. Wir wissen zum Teil sogar aus Stasi-Unterlagen, dass es in der DDR ganz klar einen rechtsradikalen Bodensatz gab.

Den gibt es im Westen auch, der bestimmt aber nicht die Wahlergebnisse.

Renzsch: In der Frühphase der Bundesrepublik kam das aber schon zum Tragen. Ich würde auch nicht sagen, dass die AfD-Wähler in Sachsen-Anhalt alle braun sind. Es gibt hier vor allem bei Älteren ein sehr konservatives Weltbild, das fast an die Weimarer Republik erinnert. Das liegt auch daran, dass sich hier manche abgeschottet haben, erst in der Nazi-Zeit, dann in der DDR, wie eingekapselt. Zum Zweiten: Ein Teil der rechten Führungspersonen kommt aus dem Westen, die finden hier eine Gefolgschaft, die sie im Westen nicht mehr finden.

Es heißt, die Protestwähler seien die, die von der Wende enttäuscht sind. Aber die Wende ist 25 Jahre her, da ist doch inzwischen eine ganz neue Generation herangewachsen.

Renzsch: Ja, aber die Lebenschancen in Ostdeutschland sind immer noch deutlich geringer als im Westen. Vielleicht nicht in den Städten wie Magdeburg, Dresden oder Schwerin, aber das flache Land ist abgehängt worden. Dort sieht es ja teilweise sogar heute noch aus wie zur DDR-Zeit, während die Städte modernisiert worden sind. Auf dem Land, da sind die Qualifizierten, Mobilen inzwischen weggegangen - die noch dort sind, fühlen sich abgehängt. Für mich ist das der Grund, warum die Rechten im ländlichen Süden Sachsen-Anhalts die meisten Erfolge haben.

Welches Staatsverständnis haben Protestwähler? Was ist mit der Eigenverantwortung?

Renzsch: Die ist in Ostdeutschland noch immer weniger ausgeprägt als im Westen. Die Erwartung, dass der Staat bestimmte Dinge wie etwa den Arbeitsplatz zu regeln hat, ist immer noch stark ausgeprägt.

Zeigen sich in diesem Staatsverständnis Defizite, die es nach der Wende in der politischen Bildung und im Schulunterricht gegeben hat?

Renzsch: Es hat große Anstrengungen in der politischen Bildung gegeben, es war aber nicht genug. Die Hochschulen sind erneuert worden, aber in den Schulen musste man ja mit den alten Lehrern weitermachen. Da hat es teilweise so etwas wie eine Umpolung der Inhalte gegeben, aber die Denkstruktur blieb die gleiche. Man kann in Ostdeutschland auch heute noch Sozialkundelehrer werden, ohne jemals etwas von der Europäischen Integration gehört zu haben. Es gibt noch immer Nachholbedarf.

In der Flüchtlingsfrage sagen in Sachsen-Anhalt die Wähler der anderen Parteien größtenteils: Deutschland packt das. Die AfD-Wähler dagegen sagen zu 92 Prozent: Deutschland packt das nicht. Eine komplett andere Wahrnehmung - wie kommt die zustande?

Renzsch: Man ist, was Ausländer angeht, im Osten skeptischer als im Westen. Sachsen-Anhalt hat bis jetzt 4000 Flüchtlinge aufgenommen, es funktioniert eigentlich recht gut. Aber die Lebenserfahrung in Ost und West ist unterschiedlich. Im Westen gab es die Gastarbeiter und andere Zuwanderer. Im Osten hat man dagegen mit Ausländern keine Erfahrung, mit Ausnahme von Vietnamesen und Mosambikanern.

Wie soll der Rest der Republik mit diesem Wahlverhalten umgehen?

Renzsch: Ich bin doch optimistisch, dass dieser Protest wieder vorbeigeht. Die Chancen, dass Angela Merkel Erfolg haben wird mit einer europäischen Lösung, sind nicht so schlecht. Wir müssen uns aber mit der sozialen Spaltung der Gesellschaft befassen. Viele AfD-Wähler kommen auch aus dem Nichtwählerbereich: bildungsfern, prekäre Lebens- und Arbeitsverhältnisse, schlechte Wohnverhältnisse. Beim Wachsen des Wohlstands in Deutschland ist eine ganze Gruppe abgehängt worden. Diese Menschen haben Angst, noch mehr zu verlieren. Darum muss die Politik sich kümmern.

Zur Person

Prof. Dr. Wolfgang Renzsch (66) ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität Magdeburg. Gebürtig aus Völksen (Region Hannover), hat Politik und Germanistik in Hannover, Göttingen und London studiert. Promotion und Habilitation zum Thema Finanzausgleich an der Uni Göttingen, von 1979 bis 1992 Mitarbeiter im Forschungsinstitut der Friedrich-Ebert-Stiftung. Von 1992 bis 1994 im Finanzministerium des Landes Brandenburg, seit 1994 an der Uni Magdeburg.

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