Albrecht Glaser

Interview mit AfD-Bundesvize aus Niedenstein: „Wähler suchen Gegenmacht“

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Albrecht Glaser

Kassel. Die AfD gilt nach den Landtagswahlen in den drei Bundesländern als die Gewinnerin unter den Parteien. Wir sprachen mit Albrecht Glaser, einem von drei stellvertretenden Bundessvorsitzenden, über die Entwicklung.

Herr Glaser, in allen drei Bundesländern hat die AfD zweistellige Ergebnisse erzielt. Was sind die Gründe für diesen Erfolg? 

Albrecht Glaser: Der Erfolg liegt am Versagen der Bundesregierung.

Der Erfolg ist also nicht in der eigenen Partei zu suchen? 

Glaser: Zunächst einmal ja, es ist die Auflehnung der Menschen, die begreifen, dass die Regierung konsequent gegen sie Politik betreibt. Die Folge ist: Sie suchen sich eine Gegenmacht, die sie bei uns gefunden haben.

Der AfD wird häufig der Vorwurf gemacht, sie habe neben dem Ruf nach „Grenzen zu“ kein Programm und spiele in der Flüchtlingsfrage mit den Ängsten der Menschen. Was sagen Sie dazu? 

Glaser: Das ist eine schlechte Polemik. Denn erstens hat die Bundesregierung das Problem doch erzeugt. Kein Land in Europa hat die Ungeheuerlichkeit besessen zu sagen: Grenzen gibt es eigentlich nicht mehr, es kann jeder rein. Zweitens hat die Regierung für dieses selbst erzeugte Problem keine Lösung. Und drittens haben wir natürlich eine Lösung.

Nämlich? 

Glaser: Die Bundesregierung sagt doch: Grenzen zu schließen ist gut - nur weiter außen. Jetzt erkläre mir mal einer, wo der Unterschied liegt, die Grenzen außen oder eben doch an der deutschen Grenze zu schließen, weil es international einfach nicht klappt. Wir unterscheiden uns vom Rezept und moralisch nicht vom Ansatz der Bundesregierung. Am Ende sagen wir aber: Die Kontrolle funktioniert an den Grenzen Europas nicht, also müssen wir es national machen.

Ist die AfD eher Ausdruck des Problems im Lande oder Ausdruck einer kommenden Lösung? Oder anders gefragt: Welche Lösungen bietet die AfD an? 

Glaser: Die hohen Stimmenanteile sind die Aufforderung der Wähler, nach Lösungen zu suchen. Wir werden nicht dafür gewählt, dass wir schon Lösungen haben. Aber wir werden Teil der Lösung sein. Sie sehen ja auch schon, dass es wirkt. Überall sagen die Spitzenpolitiker: Oh, jetzt müssen wir etwas tun. Die Schließung der relevanten deutschen Außengrenzen muss der Anfang sein.

Im April steht ein Parteitag an, auf dem die AfD ein Programm diskutieren will. Wo liegen die Schwerpunkte des Programms? 

Glaser: Die Priorität ist die Erneuerung der Demokratie in Deutschland. Das heißt beispielsweise: Volksabstimmungen nach schweizerischem Modell. Wir wollen die Demokratie in ihren Strukturen erneuern, weil wir glauben, dass man so viele Probleme der vergangenen Jahre hätte verhindern können. An zweiter Stelle stehen die Themen Europa und Euro. Entweder wird der Vertrag von Maastricht eingehalten, also Einhaltung der Verschuldungsggrenzen und des Schuldenübernahmeverbots („no bail out), oder Deutschland verlässt den Euro.

Rechtspopulismus ist das Schlagwort, das meist im Zusammenhang mit der AfD fällt. Was entgegnen Sie? 

Glaser: Wer wie die Bundesregierung 2,2 Billionen Euro Schulden anhäuft, der betreibt eine populistische Politik: Er kauft Stimmen. Ich wehre mich dagegen, dass der AfD Populismus vorgeworfen wurde. Wo konkret soll er denn liegen?

Einige ihrer Parteikollegen scheren da aber aus. Björn Höcke sprach mit Blick auf Afrika und Europa über verschiedene Fortpflanzungstypen. Das erinnert an Rassentheorien aus dem NS-Regime. 

Glaser: Das war eine sachliche Unkorrektheit. Das hat jedoch nichts mit Populismus zu tun. Und mit Rassismus hat das auch nichts zu tun.

Der Fall Höcke ist also ein Einzelfall? 

Glaser: Das sind einzelne Vorkommnisse und sprechen nicht für die ganze Partei. Das wäre so, als ob man die Grünen nach der Drogen-Affäre von Volker Beck als „Drogisten“ bezeichnen würde.

Zur Person:

Albrecht Glaser (74), in Worms geboren, studierte Rechts-, Staats- und Verwaltungswissenschaften und Geschichte unter anderem in Tübingen. 1970 der CDU beigetreten, arbeitete er als Dozent, später als Bürgermeister, zwischen 1995-2002 als Stadtkämmerer in Frankfurt und schließlich als Geschäftsführer der ABG Frankfurt Holding, einer Wohnungsbaugesellschaft. 2013 verließ der verheiratete Vater von vier Kindern aus Protest die CDU und trat der AfD bei. Im Mai 2015 wure er erneut in den Vorstand der AfD Hessen gewählt, seit Juli 2015 ist Glaser einer von drei stellvertretenden Bundesvorsitzenden.

Glaser lebt in Niedenstein (Schwalm-Eder-Kreis).

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