Interview: Experte Thomas Klie ist gegen Sterbehilfe

Altersforscher gegen Sterbehilfe: "Gefahr, dass unser 'Mitleid' tödlich wird"

Aktive Sterbehilfe, also die Tötung auf Verlangen, ist in Deutschland verboten. Aber es steht eine Gesetzesreform an, im Bundestag ist eine schwierige Ethikdebatte zu erwarten. Wir sprachen mit dem Altersforscher Thomas Klie über Sterbehilfe, Selbstbestimmung und Angst vor Demenz.

Von Tibor Pézsa

Herr Klie, mehr als zwei Drittel der Menschen in Deutschland befürworten laut einer Umfrage Sterbehilfe. Was wissen Sie über die Gründe?

Thomas Klie: Die Befürchtung vieler Menschen ist, neben der Angst vor Schmerzen, die Verwiesenheit auf die Hilfe anderer Menschen. Auch nicht mehr der zu sein, der man einmal war, ängstigt viele. Sie sehen ihre Würde und Selbstachtung bedroht, wenn sie ein „Pflegefall“ wären. In unserer Gesellschaft zählt Autonomie (Unabhängigkeit/Selbstständigkeit). In einer oberflächlichen Betrachtung ist sie in den Vordergrund unseres Menschenbildes gerückt.

Das heißt: Wer leidet und schwach ist, passt nicht dazu?

Klie: Ja, es fällt uns schwer, unser Leben mit der Angewiesenheit auf andere, in seiner Endlichkeit und Verletzlichkeit, zu akzeptieren. So etwas passt nicht zum modernen, stets gut funktionierenden Menschen.

Warum finden Sie es „eitel“, wenn der Theologe Hans Küng öffentlich bekennt, dass sein Leben nicht mehr lebenswert sei, wenn er erblinden würde?

Thomas Klie

Klie: Ich finde diese Haltung eitel, wenn sie öffentlich bekundet wird. „Ich will nicht als sabbernder Greis in Erinnerung der Nachwelt bleiben“, sagte sein Freund Walter Jens - beide große Persönlichkeiten unserer Zeit. Die Verletzlichkeit passt nicht zum Selbstbild. Diese Eitelkeit ist gefährlich, da sie – ohne es zu beabsichtigen – in der Lage ist, jenen Menschen die Würde abzusprechen, die als „Pflegefall“ leben und unter diesen Bedingungen Ja zu ihrem Leben sagen.

Allein steht er damit nicht. Einer unserer Leser schrieb uns: „Wenn Sie das Leben nennen: Zwei- bis dreimal am Tag gewendet werden, nur noch starr in eine Richtung gucken, gewickelt und vor sich hinvegetieren?“

Verstehen Sie die Angst vor so einem Schicksal? Klie: Selbstverständlich. Diese Bilder machen Angst und passen in eine stetige mediale Aufbereitung von Skandalen in der Pflege. Dazu kommt noch die oft kommunizierte begrenzte Leistungsfähigkeit unseres Sozialstaates. All das macht wenig Mut, zu so einem Leben Ja zu sagen. Aber Vorsicht, das ist die Außensicht.

Welche Sicht gibt es noch?

Klie: Manche mögen vielleicht einem Wachkomapatienten kein Leben mehr zusprechen oder Menschen mit Demenz die Würde absprechen. Aber wir wissen aus vielen Forschungen, dass Menschen unter diesen Bedingungen durchaus Wohlbefinden erleben können. Wir können den Anblick nicht ertragen, und dann besteht die Gefahr, dass unser „Mitleid“ tödlich wird. So kann sich eine Vorstellung und Norm durchsetzen, die generell das Lebensrecht in solchen Lebenskonstellationen abspricht: Euthanasie (absichtliche Herbeiführung des Todes bei unheilbar Kranken) und assistierter Suizid (Hilfe zur Selbsttötung) als Gnadentod für Menschen, von denen andere meinen, das sei kein lebenswertes Leben mehr. Aber das hatten wir schon einmal vor gar nicht so langer Zeit.

Sie sehen einen Zusammenhang zwischen Sterbehilfe und der Tötung von Behinderten durch die Nazis?

Klie: Im Reden von damals und heute finden sich deutliche Parallelen. Man sprach von „Menschenhülsen“, von „Idioten“, davon, dass man es nachfolgenden Generationen nicht zumuten könne, neben diesen „Verblödeten“ ein Berufsleben zu fristen. Die Menschlichkeit einer Gesellschaft zeigt sich darin, wie viel Solidarität sie mit dem verletzlichen, dem vulnerablen Menschen üben kann.

Aber wenn ein Mensch nun einmal für sich selbst sagt, ich will das nicht?

Klie: Das respektiere ich. Dafür aber soziale, politische und rechtliche Akzeptanz zu schaffen - das ist gefährlich. Denn damit öffnen wir das Fenster in Wirklichkeit nicht für den freiwilligen Tod, sondern für den erwarteten Tod.

Sehen Sie dies durch die Erfahrungen in den Benelux-Ländern bestätigt, wo Sterbehilfe legal ist?

Klie: Ja. Natürlich ist die Euthanasie dort jetzt nicht eine der häufigsten Todesursachen geworden. Aber wir finden Tötungshandlungen an Menschen vor, die selber nicht mehr einwilligen konnten, an Menschen, die nicht einmal sterbenskrank waren, sondern einfach nur unter den Bedingungen einer schweren Demenz lebten. Unter den Vorzeichen des Mitleids und der „Selbstbestimmung“ wird der Lebenswert verneint und das Leben beendet. Es sind sogar Fälle dokumentiert, in denen Ärzte Selbsttötungen bei beginnender Demenz unterstützten.

Wann finden Sie eine Patientenverfügung sinnvoll?

Klie: Neben den wenigen Konstellationen mit sehr präzisen Vorwegnahmen von Behandlungsoptionen kann in ihnen festgelegt werden, welche Personen an den wichtigen Entscheidungen, die ich nicht mehr selbst treffen kann, beteiligt sein sollen. Diese personale Verantwortung für einen anderen ist zentral. Sonst steht man in Gefahr, dass die Patientenverfügung einen letztlich einer Institution ausliefert, die selbst interpretiert, was in der Verfügung steht.

Viele ältere Menschen wollen anderen nicht zur Last fallen. Haben Sie da Verständnis?

Klie: Sicher. Aber stellen Sie sich eine Gesellschaft vor, in der es begründungsbedürftig wird, weiterleben zu wollen. Wenn wir die Option schaffen, freiwillig aus dem Leben zu gehen. Wenn wir die Erwartung in die Familien hineinprojizieren: Falle uns nicht zur Last.

Meinen Sie damit nur alte Menschen?

Klie: Nein. Wir wären dann am Ende gesellschaftlicher Solidarität mit allen Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind. Ich halte die Diskussion über das Recht auf einen frei gewählten Tod für eine Ablenkung von einer anderen Diskussion, die wir dringend führen müssen.

Was schlagen Sie vor?

Klie: Die Politik muss Voraussetzungen schaffen, dass wir in unserer Gesellschaft einen intelligenten Mix aus familiärer Solidarität und professioneller Hilfe finden. Es geht darum, dass wir anderen Menschen auch unter den Bedingungen beispielsweise einer schweren Demenz Bedeutung schenken. Gesundheit sollten wir nicht nur als Abwesenheit von Krankheit begreifen.

Sondern?

Klie: Gesundheit ist die Kraft zum Menschsein in Krankheit. Das ist eine Sicht, die einer Gesellschaft des langen Lebens angemessen ist. Auf Hilfe angewiesen zu sein, kann in ganz besonderer Weise eine intensive Beziehungserfahrung sein. Übrigens auch für die Helfer.

Es entscheiden sich wenige Menschen für den Pflegeberuf.

Klie: Wir erleben eine gefährliche Diffamierung von Pflegeberufen, der wir entgegentreten müssen. Pflege ist ein Beruf, der viele Menschen ausfüllt. Altenpflegerinnen bleiben deutlich länger im Beruf als andere Berufsgruppen. Dass wir Pflegenden den Respekt versagen, ist im Übrigen das Gegenstück unseres mangelnden Respekts für Pflegebedürftige. Schon in die Schulen gehört es, sich Menschen in ihrer Verletzlichkeit zu öffnen, Erfahrungen zu vermitteln, Fremdheit abzubauen und so die Voraussetzungen zu schaffen für die Wahl eines Berufes, der sich Menschen widmet.

Zur Person

Der Altersforscher und Sozialexperte Dr. Thomas Klie (58) ist Professor für öffentliches Recht und Verwaltungswissenschaft an der Evangelischen Hochschule Freiburg. Der verheiratete Vater dreier Kinder, der aus Hamburg stammt, untersucht für die Bundesregierung die Rolle des ehrenamtlichen Engagements vor dem Hintergrund des demografischen Wandels.

In seinem vor wenigen Tagen erschienenen Buch „Wen kümmern die Alten?“ (Pattloch, 256 Seiten, 18 Euro) stellt Klie ein Konzept für eine menschenwürdige Versorgung alter Menschen vor.

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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