Jörg Krämer, Commerzbank-Chefvolkswirt

Interview zu angeblicher Deflation: "Gespenst an Wand gemalt"

Dr. Jörg Krämer

Die Europäische Zentralbank soll die Geldschleusen öffnen und die Staatshaushalte mit der Notenpresse finanzieren. Das wäre der Wunsch vieler Südeuropäer – sie setzen daher auf niedrigere Zinsen. Heute entscheidet die EZB über den Zinssatz.

Politiker und Zentralbanker aus den Krisenländern warnen vor einer Deflation im Euro-Raum. Müssen wir uns sorgen?

Jörg Krämer: Überhaupt nicht. Ich weiß nicht, was man dagegen haben kann, wenn Preise mal nicht so schnell steigen.

Welche Strategie steckt hinter diesen Warnungen? 

Krämer: Deflation gehört zu den Begriffen in der Wirtschaftspolitik, die am meisten missbraucht werden. Man malt das Gespenst der Deflation an die Wand, hofft dass jeder zur Salzsäule erstarrt und verschreckt der Forderung zustimmt, dass die EZB auf breiter Front Staatsanleihen aller Mitgliedsländer aufkauft. Man nutzt also eine scheinbare Deflationsgefahr, um moralisch zu rechtfertigen, dass die EZB mit der Notenpresse Staatsausgaben vor allem in den Krisenländern finanziert.

Sind Staatsanleihen nicht auch anders zu finanzieren? 

Zur Person: Dr. Jörg Krämer

Der Chefvolkswirt der Commerzbank, Dr. Jörg Krämer (47), studierte Volkswirtschaft in Bonn und Münster. Der Vater von zwei Söhnen ist Mitglied im EZB-Schattenrat, einem 2002 auf Initiative des Handelsblattes gegründeten Expertengremium von 15 renommierten europäischen Volkswirten.

Bevor er 2006 Chefvolkswirt der Commerzbank wurde, arbeitete er in ähnlicher Funktion bei anderen Großbanken.

Krämer: Mittlerweile schon. Im Sommer 2012 hatte die EZB ein Sicherheitsnetz gespannt und gesagt, dass sie im Fall der Fälle unbegrenzt Staatsanleihen einzelner Krisenländer kaufen wird. Zusammen mit der Null-Zins-Politik hat diese faktische Versicherung der EZB bei den Investoren für eine starke Nachfrage gesorgt. Die Krisenländer können ihre Staatsanleihen platzieren, obwohl sie hoch verschuldet sind - mittlerweile zahlt der italienische Finanzminister sogar weniger Zinsen als vor Ausbruch der Staatsschuldenkrise.

Wie gefährlich ist die niedrigere Inflation im Euro-Raum? 

Krämer: Ich halte sie nicht für gefährlich. Die Verbraucherpreise fallen in den einzelnen Krisenländern auch deshalb, weil die Länder - mit Ausnahme Italiens - die Lohnexzesse der Boomjahre rückgängig gemacht und dadurch ihre Lohnstückkosten gesenkt haben. Einen Teil davon geben die dortigen Unternehmen nun an die Verbraucher weiter, indem sie die Preise etwas senken. Damit gewinnen sie Wettbewerbsfähigkeit zurück.

Die Zinsen sind aus deutscher Sicht zu niedrig. Sollte die EZB ihre Politik auch an deutschen Interessen ausrichten? 

Krämer: Die EZB darf ihre Geldpolitik weder allein an den deutschen Interessen ausrichten noch zu sehr an denen der Südeuropäer. Sie müsste sich am Durchschnitt des Euroraums ausrichten. Die EZB kümmert sich aber vor allem um die Länder, in denen es brennt. Sie haben die Mehrheit im EZB-Rat.

Wie wirkt sich die lockere Geldpolitik der EZB in Deutschland auf der Wirtschaft aus? 

Krämer: Deutschland dürfte in den kommenden Jahren überdurchschnittlich wachsen. Günstige Kredite fachen immer mehr die Bereitschaft an zu investieren. Das heißt aber auch, dass Arbeitskräfte knapp werden und die Arbeitskosten rascher steigen - zumal die Regierung den Mindestlohn einführt. Deutschland dürfte in den kommenden Jahren schleichend an Wettbewerbsfähigkeit einbüßen. Kommt in ein paar Jahren eine neue Krise, dann könnten wir - wie zu Beginn des Jahrhunderts - als kranker Mann Europas aufwachen. Dann bräuchten wir neue Agenda-Reformen.

Wer ist verantwortlich? 

Krämer: Sicherlich auch die Große Koalition. Sie rollt derzeit die Schröder-Refomen zurück. Rente mit 63, Mindestlohn, bindende Tarifabschlüsse für Unternehmer, die in keinem Arbeitgeberverband sind - all dies schwächt die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen.

Senkt die EZB den Zins? 

Krämer: Ich denke nicht, sie dürfte ihr Pulver trocken halten und den Leitzins bei 0,25 Prozent belassen.

Von Martina Wewetzer

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