Interview: Arbeitsmarktforscher über qualifizierte Arbeitskräfte

Arbeitsmarktforscher: „Wir brauchen Zuwanderung“

Immer öfter setzen Jugendliche auf eine Ausbildung im Handwerk und immer öfter haben sie ausländische Wurzeln: Im Bild Dachdecker Emre Eren. Fotos: dpa

Lehrstellen bleiben unbesetzt, Unternehmen klagen über Fachkräftemangel: Deutschland braucht hochqualifizierte Arbeitskräfte, sagt Klaus F. Zimmermann, Direktor des Instituts zur Zukunft der Arbeit in Bonn. Er schlägt Zuwanderung nach einem Punktesystem vor.

Wird in Deutschland über Zuwanderung debattiert, fällt oft das Argument: Wir müssen an die Sozialkassen denken. Ist dies das entscheidende Argument für Zuwanderung? 

Klaus F. Zimmermann: Wir brauchen Zuwanderung, weil die Arbeitsbevölkerung schrumpft. Und es wird zu viele Rentner geben, die niemand mehr finanzieren kann. Zuwanderung könnte den Übergang erleichtern. Grundsätzlich müssen wir darüber nachdenken, wie wir das Rentensystem retten können. Wir brauchen aber auch Fachkräfte, um all die Stellen zu besetzen, für die es künftig keine Bewerber gibt. Deutschland hat generell Schwierigkeiten, Kräfte auf dem weltweiten Arbeitsmarkt anzuwerben.

Es gibt bereits die Blue-Card. Reicht sie nicht aus? 

Zimmermann: Wir haben ein offenes Zuwanderungssystem für Akademiker, aber es kommen sehr wenige. Die Blue-Card richtet sich generell an Fachkräfte aus Drittstaaten. Die meisten, die die Card aber bislang genutzt haben, waren bereits in Deutschland oder kamen aus einem EU-Land.

Es ist oft die Rede von Hochqualifizierten, die angeworben werden sollen. Wer gilt als hochqualifiziert? 

Zimmermann: Hochqualifiziert sind Menschen mit Hochschulabschluss. Aber auch jene, deren Einkommen über 45.000 Euro im Jahr liegt. Einen leichteren Zugang zum Arbeitsmarkt haben auch jene Zuwanderer, die in sogenannten Mangelberufen arbeiten - etwa in der Pflegebranche. Kurzum: alles Menschen, die einen Arbeitsplatz finden, und um die sich von Behördenseite niemand kümmern muss.

Was bedeutet dies für unbesetzte Stellen in Handwerksbetrieben? 

Zimmermann: Sie gehen derzeit leer aus, weil sie keinen Zugang zum internationalen Arbeitsmarkt haben. Handwerker sind strategisch im Nachteil. Deshalb sollten sich die Handwerkskammern besser organisieren und stärker vernetzen. Und es lohnt sich auch, für das deutsche Ausbildungssystem zu werben. Es ist eine gute Qualifikation.

Wie sieht es mit der Anerkennung von Abschlüssen aus? 

Zimmermann: Das ist ein Problem. Jemand gilt in seinem Land als ausgebildeter Arzt, sein Abschluss wird aber nicht anerkannt, weil er nicht die Voraussetzungen mit bringt, die für einen Abschluss in Deutschland nötig wären. Seit zwei Jahren gibt es leichte Verbesserungen, ob sie ausreichen, ist unklar. Generell gilt, dass die formale Qualifikation an Bedeutung verliert. Wichtig ist künftig, was man kann.

Wie viele Menschen müssten jährlich kommen?

Zimmermann: Derzeit brauchen wir vielleicht 50 000 Hochqualifizierte pro Jahr, es kommen aber nur 5000. Langfristig könnten es bis zu 500 000 Fachkräfte insgesamt sein, das erscheint aber unrealistisch. Denn man darf nicht vergessen, wer zum Arbeiten kommt, verlässt Deutschland häufig auch wieder.

Warum ist Fachkräftemangel so gefährlich? 

Zimmermann: Fehlen Fachkräfte, dann geht die Produktion zurück. Es würde weniger Fachpersonal geben, das sich um geringer Qualifizierte kümmert. Sie bleiben arbeitslos oder werden es. Aber auch sie müssen eine Chance am Arbeitsmarkt bekommen.

Wie soll Zuwanderung in der Praxis geregelt werden? 

Zimmermann: Für Hochqualifizierte haben wir einen relativ guten Zugang. Es reicht, wenn man ein Jobangebot hat. Weltweit ist dies nicht so recht bekannt. Wir haben noch immer das Image, kein Einwanderungsland zu sein. Da stellt sich die Frage: Wie können wir besser für uns werben?

Wie könnte dies geschehen? 

Zimmermann: Für Fachkräfte im Ausland ist das Verfahren bislang recht intransparent, weil man nicht weiß, wann man eine Chance hat. Kanada und Australien setzen auf ein Punktesystem. Wer einwandern will, geht auf die Internetseite der Staaten. Dort werden Fragen nach Alter, Ausbildung, Abschlüssen, Sprachkenntnissen und dergleichen gestellt. Am Ende kann sich jeder selbst ausrechnen, ob er eine Chance auf ein Visum hat. Aber so etwas gibt es in Deutschland nicht.

Deutschland könnte auf die Flüchtlinge zugehen und sich Hochqualifizierte aussuchen. Warum geschieht dies nicht? 

Zimmermann: Hätten wir einen vernünftigen Zuwanderungskanon, würde sich mancher Wirtschaftsflüchtling überlegen, ob er sein Leben riskiert und die Strapazen auf sich nimmt oder ob er einen Antrag schreibt. Anders ist es bei Kriegsflüchtlingen. Wir haben die Verpflichtung, sie aufzunehmen. Sind unter ihnen Qualifizierte, sollte Deutschland die Chance nutzen. Kriegsflüchtlinge, die einen Asylantrag stellen, sollten die Möglichkeit haben, auf einem anderen Kanal auch ihre Fähigkeiten anzubieten und wenn möglich, aus dem Asylverfahren aussteigen.

Wäre ein Punktesystem ein probates Mittel gegen Fremdenfeindlichkeit? 

Zimmermann: Solch ein System gibt auch ein Signal an alle Deutschen. Zuwanderung würde transparent, jeder könnte einsehen, warum wer nach Deutschland kommt.

Zur Person: 

Prof. Klaus F. Zimmermann (62) ist seit 1998 Direktor des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn. 1300 Ökonomen aus 45 Ländern sind Teil des weltweiten IZA-Forschernetzwerks. Bekannt wurde der Professor für Volkswirtschaftslehre als Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW, 2000 bis 2011). Der gebürtige Göppinger (Baden-Württemberg) hat die Weltbank und den Präsidenten der EU-Kommission beraten. Zudem hat er noch einen Lehrstuhl an der Universität Bonn. Er ist verheiratet und Vater zweier Kinder.

Vorschlag für Punktesystem:

• Sofort handeln: Zuwanderungsgesetze ändern, Spracherwerb fördern.

• Transparenz schaffen: Onlineportal für Zuwanderer einrichten.

• Zuwanderer auswählen: Punkte-System einführen.

• Zuwanderung begrenzen: Quotensystem etablieren.

•Qualifikation nutzen: Bildungsabschlüsse anerkennen und Studienabsolventen halten.

• Kurzfristigen Bedarf decken: Befristete Arbeitsmigration organisieren.

• Auf Kinder setzen: Frühkindliche Integration fördern.

• Zuwanderungsstandort Europa stärken: White-Card-Initiative starten.

• Ursachenforschung betreiben: Auswanderung aktiv entgegenwirken.

• Kompetenzen bündeln: Migrations- und Integrationsministerium schaffen. Quelle: Zimmermann/IZA

Von Martina Hummel

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