Interview zur Ausbildung in Pflegeberufen: „Wir bilden schlecht aus"

Immer mehr Menschen werden pflegebedürftig, die Branche sucht nach Fachkräften. Der Arbeitsdruck ist so hoch, dass im Pflegealltag die Ausbildung vernachlässigt wird. Ein Interview. 

Pflegeexpertin Johanna Knüppel im HNA-Gespräch.

Wie ist die Situation in der Pflege-Ausbildung? 

Johanna Knüppel: Die Situation ist dramatisch. Wir haben zu wenige Pfleger in Krankenhäusern und Heimen. In der Altenpflege fehlen sogar noch mehr Fachkräfte als in der Krankenpflege. Ein weiteres Problem ist: Wir bilden schlecht aus. Die Ausbilder haben nicht genug Zeit für ihre Schüler. Wenn das so weiter geht, werden wir immer weniger junge Menschen für diesen Beruf begeistern können. Das ist fatal.

Woran liegt es, dass die Ausbilder nicht genug Zeit für die Auszubildenden haben?

Knüppel: An der mangelnden Arbeitskraft. In Pflegeheimen, in der ambulanten Pflege und in den Krankenhäusern wird in großem Umfang immer mehr Personal abgebaut. Gleichzeitig nimmt die Zahl der Patienten und der Fälle zu. Dadurch bleibt die praktische Anleitung der Auszubildenden auf der Strecke.

Was meinen Sie damit?

Knüppel: Die Schüler bekommen häufig nur irgendwelche Routinearbeiten zugeteilt. Dabei werden sie allein gelassen und nicht beaufsichtigt. Sie bekommen keine Rückmeldung, aus der sie schließen können, ob sie ihre Arbeit richtig machen. Zudem wissen wir, dass ein Ausbilder manchmal bis zu 10 Schüler gleichzeitig betreut – das kann nicht gutgehen.

Wie viele Schüler kann denn ein Pfleger realistischerweise betreuen? 

Knüppel: Bei fünf Schülern ist ein Praxisanleiter in Vollzeit ausgelastet, wenn die Ausbildung vernünftig und effizient sein soll. Natürlich hängt es auch vom Einzelfall ab, denn ein Schüler im ersten Lehrjahr braucht mehr Aufmerksamkeit als ein Schüler kurz vor dem Abschluss.

Aber es gibt doch Lehrpläne für die Ausbildung? 

Knüppel: Ja, aber die Schüler berichten uns oft, dass diese nicht eingehalten werden. Stattdessen werden sie oft nach kurzer Zeit abberufen und auf andere Stationen geschickt, auf der sie schon mal gearbeitet haben. Da kennen sie sich aus und können dann die Personallücken kompensieren. Das hat mit einer vernünftigen Ausbildung nichts mehr zu tun.

Welche Folgen haben die Mängel in der Ausbildung für die Patienten?

Knüppel: Die Patienten erleben häufig Helfer und Auszubildende, die ohne Aufsicht irgendwelche Tätigkeiten übernehmen, dafür aber eigentlich noch nicht qualifiziert sind. Das ist ein Risiko für die Patienten. Da, wo nicht vernünftig angeleitet wird, passieren mehr Fehler und auch gravierende Fehler.

Sie beklagen, dass gegen Gesetze verstoßen wird. Welche sind das?

Knüppel: In einigen landesrechtlichen Regelungen ist vorgeschrieben, dass Praxisanleiter mehrere Stunden pro Woche freigestellt sind, um sich um ihre Schüler zu kümmern. Das wird in vielen Einrichtungen nicht eingehalten. Zudem erhalten Krankenhäuser für das Betreiben einer Krankenpflegeschule und jeden Schüler einen Zuschlag. Dieses Geld wandert in der Regel in den allgemeinen Topf und wird dann benutzt, um zum Beispiel einen defekten Aufzug zu reparieren, statt es für die Ausbildung zu verwenden. Die Schulen sind abhängig von den Krankenhäusern, an die sie angeschlossen sind. Daher ziehen sie den Betreiber des Krankenhauses nicht zur Rechenschaft.

Was fordern Sie, damit sich die Situation verbessert?

Knüppel: Die dreigeteilte Ausbildung, bestehend aus Krankenpflege, Kinderkrankenpflege und Altenpflege muss zu einer gemeinsamen zusammengeführt werden. Das ist momentan auch der Wille der Politik. Dieser generalistische Pflegeberuf muss so gestaltet werden, dass er Perspektiven nach oben bietet. Desweiteren muss die Praxisanleitung für Auszubildende  fester  Bestandteil des Klinikalltags sein. Die Ausbilder müssen besser fortgebildet und besser bezahlt werden.

Rubriklistenbild: © dapd

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