Interview mit Buchautor Laabs zu NSU-Prozess: „Es wird etwas vertuscht“

Blick auf den einstigen Tatort: An der Holländischen Straße 82 betrieb Halit Yozgat ein Internetcafé. Foto: Archiv

Der Journalist Dirk Laabs hat ein umfassendes Werk zum NSU verfasst. Am Mittwochabend läuft seine Doku "Der NSU-Komplex" in der ARD (21.45 Uhr). Wir haben ihn interviewt.

Herr Laabs, trotz der langen Zeit sind viele Details der Tat und der Motive schleierhaft. Warum haben Sie Hoffnung, dass der Fall jemals aufgeklärt wird?

Dirk Laabs: Ich habe noch die Hoffnung, weil der Ex-Verfassungsschützer Andreas Temme und seine ehemaligen Vorgesetzten immer noch dabei helfen können, den Vorgang aufzuklären. Für die Wahrheit ist es nie zu spät.

Sie haben sich in Ihrem Buch intensiv mit den NSU-Morden auseinandergesetzt. Inwiefern unterscheidet sich der Mord an Halit Yozgat von den anderen?

Digital-Reportage: Der Fall Yozgat - Die lange Suche nach Antworten

Laabs: Er unterscheidet sich dadurch, dass mehrere Personen während der Tat anwesend waren - und einer der Personen ein Verfassungsschützer war, der seit jetzt zehn Jahren zu lügen scheint. Und damit durchkommt. Bislang jedenfalls.

Sie sprechen von Andreas Temme. Ist er der Schlüssel, um den Fall aufzuklären?

Laabs: Er ist einer der Schlüssel. Es gibt aber sicher viele Fragen, die er nicht beantworten kann.

Woran liegt es, dass in zehn Jahren so wenig Erkenntnisse zu Tage gefördert werden konnten?

Laabs: Vor den Untersuchungsausschüssen und vor dem Oberlandesgericht in München schweigen im wesentlichen zwei Lager: Ehemalige oder immer noch aktive militante Neonazis - und diverse Verfassungsschützer. Zudem fehlt den Aufklärern insbesondere in den Parlament noch immer der Einblick in zentrale Akten. Hier mauern diverse Stellen.

Es gibt dubiose Telefonate nach der Tat zwischen Mitarbeitern des Verfassungsschutzes und Temme: Darin heißt es: Ich sage ja immer: Nie vorbeifahren, wenn man von sowas weiß. Was lösen solche Sätze bei Ihnen aus?

Laabs: Diese Sätze zeigen, dass hier etwas vertuscht wird - in einer demokratischen Gesellschaft ist es aber nicht tragbar, dass sich Geheimdienste der Aufklärung einer Mordserie verweigern.

Welche Nachlässigkeiten der Behörden oder Ungereimtheiten sind für Sie besonders gravierend in dem Fall?

Laabs: Abgesehen von dem Verhalten des Landesamts für Verfassungsschutz Hessen und des hessischen Innenministeriums zu der Zeit, ist der Umstand, dass die Mordkommission sehr schnell eine rechte Spur aufgenommen hat, die genau in das Umfeld des rechten V-Mannes von Temme führte, noch nicht ausreichend beleuchtet. Warum sie so schnell den richtigen Riecher hatten, können nur die Mordermittler von damals erklären.

Welche Rolle spielte Kassel für den NSU?

Laabs: Kassel spielt die Schlüsselrolle, hier überschneiden sich zwei Linien: Die Linie der rechten Mörder und die Linie des Verfassungsschutzes, der die Szene seit den frühen 1990ern Jahren systematisch umwandert hat.

War das NSU-Trio selbst aktiv in Kassel?

Laabs: Bislang gibt es nur unbestätigte Gerüchte, die besagen, dass sich Zschäpe, Mundlos oder Böhnhardt in Kassel aufgehalten. Denkbar ist es, bewiesen noch nicht.

Es wurde eine Karte in der Zwickauer Wohnung gefunden, die Beate Zschäpe in Brand steckte: Darauf waren Strecken eingezeichnet, die den Fahrtrouten von Temme entsprachen.

Laabs: Ich bewerte den Vorgang ein wenig anders. Die Karte zeigt nicht notgedrungen die Fahrtroute von Andreas Temme - es sind einige zentrale Orte und mögliche Ziele des NSU auf der Karte eingezeichnet, die sich entlang von Teilen der Fahrtroute von Temme befinden.

Also nur Zufall?

Laabs: Es könnte tatsächlich ein Zufall sein. Dennoch ist immer noch zu klären, warum der öffentlich nicht recherchierbare Funkkanal des Hessischen Innenministeriums auf einem Zettel notiert worden ist, der Böhnhardt und Mundlos zugerechnet werden kann. Dieser Funkkanal ist auf einem Zettel zu erkennen, auf dessen Rückseite eine Skizze des Kassler Tatortes gezeichnet war. Es muss hier genauer geprüft werden, welche Stellen Zugang zu diesem Funkkanal hatten, wer ihn benutzt hat. Vielleicht gibt es ja eine harmlose Erklärung für diesen Vorgang.

Zur Person

Dirk Laabs, 1973 in Hamburg geboren, ist investigativer Journalist und Filmemacher. Er ist Autor des Buches „Heimatschutz - der Staat und die Mordserie des NSU“ über den NSU (mit Stefan Aust). Laabs studierte Philosophie und Politische Wissenschaften und lebte zwei Jahre in Israel. Nach seiner Ausbildung an der Henri-Nannen-Journalisten-Schule in Hamburg arbeitete er für die Los Angeles Times, die FAZ, die Financial Times , Stern und Spiegel. Laabs lebt in Hamburg. (mho)

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