Interview zum Burkini-Urteil

Interview zum Burkini-Urteil: „Für die Kinder ist das normal“

Aus religiösen Gründen kann sich ein muslimisches Mädchen aus Frankfurt nicht vom Schwimmunterricht befreien lassen. Um ihren Bekleidungsvorschriften gerecht zu werden, könnte sie einen Ganzkörperbadeanzug tragen, entschied das Bundesverwaltungsgericht.

Wir sprachen mit Dr. Houaida Taraji (47). Sie ist die Beauftragte für Frauen und Familie des Zentralrates der Muslime in Deutschland (ZMD), dessen Vorstand sie angehört.

In dem Fall, den das Bundesverwaltungsgericht zu entscheiden hatte, begründete das muslimische Mädchen seine Weigerung am Schwimmunterricht teilzunehmen mit religiösen Vorschriften. Was steht genau dazu im Koran?

Dr. Houaida Taraji: Dass die Frau nach Eintreten der Pubertät ihre Reize bedecken soll, so dass nur Gesicht und Hände sichtbar sind. Der im Grundgesetz verankerte Grundsatz der Glaubens-und Religionsfreiheit ist ein hohes Gut und sollte akzeptiert werden. Es gibt schon ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahr 1993, dass eine Befreiung vom gemischten Schwimmunterricht erlaubt. Seitdem hat sich aber viel getan. Der Ganzkörperbadeanzug ist inzwischen als eine gute Lösung akzeptiert. Wichtig ist auch, dass die Umkleidekabinen nach Geschlechtern getrennt sind.

Es ist bei Christen so, dass religiöse Vorschriften im Alltag nicht immer hundertprozentig exakt eingehalten werden. Könnte man in diesem Fall den Koran nicht lockerer auslegen?

Taraji: Jeder Gläubige muss mit seinem Gewissen vereinbaren, wie er das handhabt. Es steht so im Koran, aber was der Einzelne daraus macht, bleibt ihm selbst überlassen.

Das Mädchen vor Gericht argumentiert, dass es nicht gezwungen werden könne, den Kompromiss Ganzkörperbadeanzug zu übernehmen. Außerdem verbiete es seine Religion, halbnackte Jungs zu sehen. Ist das eine Frage, die viele muslimische Eltern beschäftigt?

Taraji: Es handelt sich in der Tat um einen Einzelfall. Was das Kind sehen soll, müssen natürlich die Eltern entscheiden. Ich persönlich sehe das nicht so eng. Ich habe vier Kinder. Die nehmen alle am Sport- und Schwimmunterricht teil.

In welcher Kleidung?

Taraji: Meine Töchter tragen Ganzkörperbadeanzüge. Auch mein Sohn ist islamisch korrekt angezogen, also keine enge Badehose. Für die Kinder ist das ganz normal, das gehört für uns dazu. Es wäre ja schizophren, wenn wir uns sonst mit einem Kopftuch bedecken und im Schwimmbad plötzlich ausziehen.

Gibt es entsprechende Vorschriften auch für Männer?

Taraji: Ja, für Jungs gilt ebenfalls, dass sie eigentlich nicht am gemischten Schwimmunterricht teilnehmen und sich geeignet kleiden sollen.

Spielt es bei den Abwägungen der Eltern eine Rolle, dass sie ihr Kind möglicherweise absondern? Eltern ist doch meist daran gelegen, dass ihr Kind mit anderen klarkommt.

Taraji: Na, vor allem möchten die meisten, dass ihr Kind schwimmen lernt! Das gilt auch für den Sportunterricht. Sport ist gesund, und Schwimmen können ist wichtig.

In diesem Fall hat offenbar die Schule ebenfalls keinen Kompromiss finden können.

Taraji: In diesem Zusammenhang möchte ich den pädagogischen Auftrag ansprechen. Eltern und Lehrer sind gehalten, Kompromisse zu finden, um den Schulfrieden nicht zu gefährden. Der Ganzkörperbadeanzug sollte nicht dazu führen, dass ein Kind gemobbt oder ausgeschlossen wird. Wenn das Kind sich nicht wohl fühlt, wird es am Schwimmunterricht nicht teilnehmen wollen.

Von Tatjana Coerschulte

Rubriklistenbild: © picture-alliance/ dpa

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