Interview: Dalai-Lama-Besuch ist "die ideale Projektionsfläche"

Dalai Lama

Der Dalai Lama besucht Hessen und wird im Landtag empfangen. Was macht den Mann und seine Lehre so anziehend? Wir fragte den Theologen Friedmann Eißler.

Herr Eissler, warum mögen so viele Menschen den Dalai Lama?

Friedmann Eissler: Man kennt den Dalai Lama vor allem lächelnd. Ich glaube, dass viele diese scheinbare Gelassenheit und Leichtigkeit mit einer eigenen Sehnsucht sehen. Der Dalai Lama ist eine ideale Projektionsfläche für eigene Sehnsüchte und Wünsche.

Warum gelingt das den christlichen Kirchen weniger gut?

Eissler: Wir leben in einer Zeit starker Individualisierung und Pluralisierung. Das heißt: Die individuelle Beziehung zur Religion, also das, was Religion mir sagt und gibt, ist wichtig. Hier bietet der Dalai Lama eine mundgerecht zurechtgestutzte Spiritualität. Es ist keine dogmatische Spiritualität, wie sie im Christentum erlebt wird, sie verpflichtet auch zu nichts. Es ist im Grunde eine vage, angenehme Sache. Es geht darum, sich selbst und das eigene Dasein zu meditieren. Da muss man nicht „an etwas glauben“. Der Dalai Lama hat die Botschaft: Das Wichtigste im Leben sind Liebe und Glück. Wer wollte das nicht? Die Frage ist nur: Was ist darunter zu verstehen? Wie fremd und kompliziert die Welt des tibetischen Buddhismus‘ eigentlich ist, wird weithin gar nicht gesehen.

Das heißt, die Zuneigung zum Dalai Lama ist Ausdruck einer gewissermaßen vagabundierenden Spiritualität, die morgen schon wieder eine ganz andere Heimat finden könnte?

Eissler: Das kann man durchaus so beschreiben. Menschen suchen gerade auch angesichts der Zwänge ihres Alltags die Freiheit des Glaubens – oft in der Esoterik, in religiösen Szenen. Der Dalai Lama, der ja eigentlich das religiöse Oberhaupt der Tibeter ist, bis vor kurzem auch das politische, wird im Grunde als ein spiritueller Fitnesstrainer gefeiert, als lächelnder Popstar. Dass er selbstverständlich auch Orakel und Trance-Medien anruft, wird in der westlichen Wahrnehmung ausgeblendet. Das ist das Merkwürdige: Was man hier in anderen Zusammenhängen als rückständig und als mittelalterlich ablehnen würde, will man beim Dalai Lama nicht sehen.

Immerhin steht er für Gewaltfreiheit...

Eissler: Nicht wirklich, in der Geschichte des Buddhismus gibt es genau so auch Gewalttätigkeiten wie anderswo. 1996/97 gab es in Tibet die bis heute nicht ganz aufgeklärte Dorje-Shugden-Affäre um eine Schutzgottheit, deren Verehrung der Dalai Lama verboten hatte. Da ist es sogar zu Morden gekommen, von denen man nicht weiß, wem sie anzulasten sind. Der Dalai Lama ist damals sehr harsch gegen Vertreter der anderen, eher volkstümlichen Richtung vorgegangen. Es kam auch zur Spaltung seiner Tradition von anderen Richtungen.

Hat die Begeisterung für den Dalai Lama bei uns mehr als eine private Bedeutung?

Der Theologe Dr. Friedmann Eißler (46) bearbeitet für die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin Fragen zum Islam und anderen nichtchristlichen Religionen. Außerdem befasst sich der verheiratete Vater von drei Kindern mit neuen religiösen Bewegungen, östlicher Spiritualität und interreligiösem Dialog. www.ekd.de/ezw

Eissler: Religion ist bei uns gesellschaftlich erwünscht. Das ist verfassungsrechtlich klar. Es sind circa 250 000 Menschen in unserer Gesellschaft buddhistischen Glaubens. Viele sind in der Deutschen Buddhistischen Union organisiert. Das ist ein wachsender Teil in der religiösen Landschaft Deutschlands. Allerdings muss man sehen, dass hier häufig eine individuelle, privatisierte Religiosität gefördert wird. Sie zielt weniger auf gesellschaftliches Engagement als auf persönliche Erleuchtung.

Sehen Sie das kritisch?

Eissler: Man kann sich auf den Standpunkt stellen: Jeder ist seines Glückes Schmied. Christliche Traditionen haben jedoch immer auch Wert auf soziale Verantwortung gelegt. Da sehe ich hier ein Defizit. Wir haben aber umgekehrt in diesen Szenen eine eher weichere Spiritualität nicht die religionspolitischen und sozialen Sprengstoffe wie etwa im islamischen Bereich. Dort ist die große Attraktion die klare ethische Orientierung, Rationalität im Glauben dem einen Gott gegenüber und gerade auch im salafítischen Islam in kleinen Gruppen ein starkes Gegenüber zur Gesellschaft. Das bietet unter Umständen ein Umfeld für Radikalisierung und Gewaltbereitschaft.

Von Tibor Pézsa

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