Interview zur Debatte um Sterbehilfe: „Giftbecher hinstellen ist nicht die Antwort“

Der Fuldaer CDU-Bundestagsabgeordnete Michael Brand. Foto: dpa

Michael Brand (38) von der CDU will die Tür zur organisierten Sterbehilfe schließen und fordert mehr Hospize. Eine große Gruppe Bundestagsabgeordneter aller Fraktionen dürfte dabei in der morgigen Debatte hinter ihm stehen. Unser Berliner Korrespondent Werner Kolhoff sprach mit Michael Brand.

Herr Brand, warum ist eine Gesetzesänderung überhaupt nötig? Reicht die derzeitige Rechtslage in Deutschland nicht aus?

Michael Brand: Die aktive Tötung auf Verlangen soll nach allen Vorschlägen, die es derzeit im Bundestag gibt, weiter strafbar sein und die Beihilfe zur Selbsttötung straffrei bleiben wie bisher. Insofern ändert sich tatsächlich nichts. Wir wollen mit unserem Vorstoß aber klarstellen, dass die organisierte Beihilfe strafrechtlich verboten wird. Denn es gab in den letzten Jahren ungute Entwicklungen. Da ist zum einen das Entstehen von Organisationen, die ein Geschäft mit dem Tod machen wollen. Es gibt auch einzelne Ärzte, die regelrecht damit werben.

Wie helfen Sie Ärzten, die von verzweifelten todkranken Patienten gebeten werden, ihnen beim Sterben zu helfen? Derzeit handeln sie in einer rechtlichen Grauzone.

Brand: Wir wollen kein Sonderstrafrecht für Ärzte. Die Bundesärztekammer sieht das genauso, denn die Ärzte wollen nicht in den Geruch kommen, nicht für das Leben, sondern für den Tod zu arbeiten. Ich sehe natürlich, dass es manchmal Grenzsituationen gibt. Aber Gesetze können nicht jeden Einzelfall regeln. Die Beihilfe zur Selbsttötung bleibt straffrei, für den nahen Angehörigen wie auch für den Arzt.

Wie haben Sie den assistierten Selbstmord der jungen Amerikanerin Brittany Maynard empfunden?

Brand: Wenn ein junger Mensch selbst aus dem Leben scheidet, lässt einen das sprachlos zurück. Die Selbsttötung ist nie ein Akt der Freiheit, kein ermutigendes Signal, sondern der Verzweiflung. Es ist vielleicht auch ein Ausdruck der Tatsache, dass sich die Betroffenen zur Seite gedrängt fühlen oder gar glauben, anderen zur Last zu fallen.

Was ist die Alternative?

Brand: Oft wollen diejenigen, die mit dem Gedanken spielen, ihrem Leben ein Ende zu bereiten, das gar nicht wirklich, oft ändert sich dieser Wunsch auch wieder, wenn sie aufgefangen werden. Den Giftbecher hinstellen und Tschüss, das kann nicht die Antwort sein. Sondern die Antwort muss sein, dass man den Menschen Nähe bietet, alle notwendigen Therapien und auch eine intensive Palliativmedizin in der letzten Phase. Jeder Mensch hat das Recht, an einer helfenden Hand zu sterben statt durch die Hand eines anderen.

Sehen Sie die Chance, dass es im Bundestag zwischen jenen, die eine liberale Regelung wollen, und Ihnen am Ende einen gemeinsamen Vorschlag geben wird?

Brand: Wir werden am Donnerstag im Bundestag eine erste, offene Orientierungsdebatte haben und erst im nächsten Herbst eine Entscheidung fällen. Ich kenne bei diesem Thema keine Parteien. Auch die Kategorien liberal und nicht liberal treffen hier nicht. Unser Vorschlag ist ein Weg der Mitte, und ich setzte darauf, dass dieser Ansatz geteilt wird und eine breite Mehrheit findet. Er verbietet nicht alles, aber lässt auch nicht alles zu. Vor allem öffnet er nicht eine Tür, die wir am Ende nicht mehr zukriegen. In Belgien ist man inzwischen so weit, dass auch Kinder unter die Sterbehilfe fallen können; in Holland betrifft es bereits Demenzkranke. Das darf bei uns nicht passieren.

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