Interview zur Griechenland-Krise: Spieltheorie von Tsipras ist tragisch

Thomas Straubhaar. Foto: dpa

Eine Lösung der Griechenland-Krise ist weit entfernt. Thomas Straubhaar, Wirtschaftsprofessor der Uni Hamburg schlägt ein Referendum vor, mit dem die Tsipras-Regierung für klare Verhältnisse sorgen soll.

Herr Straubhaar, wie beurteilen Sie den aktuellen Verhandlungsstand bei der Griechenland-Rettung? 

Ich kann natürlich nicht hinter die Kulissen schauen, aber als intensiver Beobachter stelle ich fest, dass das Gerede von einem bevorstehenden Verhandlungsdurchbruch ganz dem Lehrbuch der ökonomischen Spieltheorie der Tsipras-Regierung entspricht. Und die besagt, wenn kein Kompromiss in Sicht ist, dann behaupte das Gegenteil, um die andere Seite unter Druck zu setzen und ihr im Fall des Scheiterns den Schwarzen Peter zuschieben zu können.

Athen spielt also mit gezinkten Karten? 

Ja, daran besteht kein Zweifel. Die Reform-Bereitschaft der griechischen Regierung tendiert gegen Null. Tsipras war von Anfang an auf Konfrontation statt Kooperation mit den internationalen Gläubigern gepolt. Geld gegen Reformen, diese Vereinbarung mit der Vorgängerregierung ist dadurch hinfällig geworden. Das ist umso tragischer, als in Griechenland schon bescheidene Fortschritte sichtbar waren, die nun aber wieder zunichte gemacht worden sind.

Bislang hat Griechenland seine Verbindlichkeiten jeweils fristgemäß zurückgezahlt, ohne die dafür noch ausstehenden Kredittranchen aus dem zweiten Hilfspaket in Höhe von 7,2 Milliarden Euro zu benötigen. Wie lange geht das noch gut? 

Allenfalls noch ein paar Wochen. Denn im Juni stehen größere Rückzahlungen an. Schon in der Vergangenheit wurden ja alte Kredite mit neuen bedient.

Mit dieser Methode wird Griechenland aber nicht auf die Beine kommen. 

Das stimmt, kann aber trotzdem helfen, den Schaden für die Gläubiger zu minimieren. Bei einem pleitebedrohten Unternehmen läuft das genauso. Da wird neues Geld eingespeist, um zunächst wenigstens die Zinsen für die alten Kredite davon zu bezahlen. Das gilt dann, wenn Hoffnung besteht, dass der Schuldner mindestens einen Teil der Altforderungen irgendwann zurückzahlen kann.

Kann man diese Hoffnung bei Griechenland noch ernsthaft haben? 

Was ist denn die Alternative? Angenommen, wir überlassen Griechenland sich selbst. Dann sind alle Forderungen der Gläubiger einschließlich Deutschlands praktisch komplett abzuschreiben. Obendrein ginge es Griechenland noch viel schlechter als vorher. Soll Europa diesem Elend dann nur zuschauen? Wir müssen alles tun, um den worst case zu vermeiden.

Aber Sie sagen doch selbst, dass die griechische Regierung es offenbar genau darauf anlegt. 

Die einzige, auch moralisch saubere Lösung besteht nach meiner Ansicht darin, ein Referendum in Griechenland abzuhalten. Darin muss die Tsipras-Regierung ihre Politik zur Abstimmung stellen und die Konsequenzen daraus benennen, nämlich einen Austritt aus dem Euro und die Einführung einer eigenen Währung. Gibt es dafür keine Mehrheit, sind Neuwahlen zwingend erforderlich. Die EU sollte ein drittes Hilfspaket, über das ja längst diskutiert wird, oder eine Streckung der Kreditrückzahlungen vom Ausgang eines solchen Referendums abhängig machen.

Könnte Europa mit einem Grexit leben? 

Für Griechenland wäre das die absolute Katastrophe. Das Land würde auf unabsehbare Zeit in der Krise bleiben. Für die europäischen Gläubiger wäre es ein Ende mit Schrecken. Und das ist zumindest im Finanzsektor besser als ein Schrecken ohne Ende.

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