Autoexperte: Werte weichen auch bei anderen ab

Interview zum Abgas-Skandal bei VW: Einzelfall oder folgen andere Hersteller?

Seit Tagen steht der Volkswagen wegen des Abgas-Skandals in der Kritik. Ist dies ein Einzelfall oder werden andere Hersteller folgen? Wir fragten den Autoexperten Prof. Stefan Bratzel.

Alles redet derzeit über die Problem-Diesel von Volkswagen. Haben andere Autokonzerne diese Sorgen nicht? 

Stefan Bratzel: Es gibt Hinweise von unabhängigen Institutionen wie dem ICCT (International Council on Clean Transportation), die stichprobenhaft festgestellt haben, dass Prüf- und Realwerte auch bei anderen Herstellern eklatant voneinander abweichen. Das muss überprüft werden. Ich gehe davon aus: Da kommt noch mehr zum Vorschein.

Ist das ein Problem der deutschen Autohersteller oder der gesamten Branche? 

Aktuelles zu VW im Ticker.

Bratzel: Ich glaube, dass das Thema über die deutschen Hersteller hinaus reicht. Da muss nun wirklich sehr intensiv nachgeforscht werden. Alle Hersteller sollten die Karten auf den Tisch legen, um das Thema nicht zu einer unendlichen Geschichte zu machen.

Sie appellieren auch an andere Hersteller klar Schiff zu machen? 

Bratzel: Man muss in diesen Zeiten sehr vorsichtig mit Unterstellungen und Vorwürfen sein, aber man sollte in allen Konzernen prüfen, ob etwas dran ist. Momentan ist die Aufmerksamkeit so groß, dass es nur eine Frage der Zeit ist - falls etwas dran ist -, bis es herauskommt. Zumal in vielen Ländern derzeit intensiv nachgeforscht wird.

Und dann?

Bratzel: Die Prüfverfahren müssen überdacht werden. Die Abgaswerte müssen künftig am Realverbrauch und nicht am Prüfverbrauch auf dem Prüfstand gemessen werden. Und es muss möglich werden, dass verschiedenste Prüforganisationen zufällig Fahrzeuge aus dem Bestand nehmen können.

Werden Abgaswerte in Deutschland lässiger gehandhabt als anderswo? 

Bratzel: Seit Jahren warnen Umweltverbände vor höheren Abgaswerten, das wurde ignoriert. Es gibt Vorgaben, die sind nun mal einzuhalten. Wenn sich die Luft in den Städten trotz grüner Plakette nicht verbessert, dann muss das einen Grund haben. Einer könnte die Diskrepanz der Messwerte sein.

Warum wird bei den Abgasen getrickst? Ist es eine Kostenfrage oder stößt deutsche Ingenieurskunst an Grenzen? 

Bratzel: Umweltschutz kostet Geld. Die Hersteller haben auch schon sehr viel investiert. So hat sich der Spritverbrauch enorm verbessert. Dieselautos sind ohnehin teurer als Benziner. Wer kauft sie, wenn sie noch teurer werden? Geld spielt sicherlich eine Rolle dabei. Für mich stellt sich aber die Frage, ob die Dieseltechnologie noch eine Zukunft hat. Die Komplexität der Aggregate ist gestiegen. Die Reinigung der Abgasemissionen wird immer komplexer, um die Grenzwerte noch zu erreichen.

Ist dies auch eine Antwort auf die Frage nach den Grenzen der Ingenieurskunst? 

Bratzel: Ich glaube, man muss einen Technologiewechsel einleiten. Momentan stehen wir am Übergang vom Verbrennungs- zum Elektromotor mit dem Zwischenschritt der Hybridisierung. Ich denke, der Verbrennungsmotor kommt an seine Grenzen.

Wie lange wird uns das Thema noch beschäftigen? 

Bratzel: Sicherlich einige Wochen. Aber auch das Verkehrsministerium, das Umweltministerium und das Kraftfahrtbundesamt sind in der Pflicht. Hier hat es ein Politikversagen gegeben. Das wurde bislang noch zu wenig diskutiert.

Verkehrsministerminister Alexander Dobrindt (CSU) ist doch schon aktiv geworden. 

Bratzel: Man ist schon schuldbewusst, denn dass Fehler gemacht wurden ist offensichtlich. Es hat viele Hinweise gegeben. Denen wurde aber nicht nachgegangen.

Würden Sie sich privat jetzt einen Diesel kaufen? 

Bratzel: Ganz aktuell wäre ich vorsichtig. Ich bin mit meinem alten Auto sehr zufrieden.

Zur Person: 

Prof. Stefan Bratzel (48), Direktor des Center of Automotive Management, studierte Politikwissenschaften an der FU in Berlin. Er begann seine Karriere als Produktmanager für Smart. Seit April 2004 ist er Dozent an der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch-Gladbach und Leiter des Instituts Center of Automotive Management. Er ist Vater dreier Kinder.

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