Kinderlebensmittel

Interview zur Ernährung: Süßes ist gelegentlich in Ordnung

Ein Junge nimmt eine Packung Smarties aus dem Schrank: Foodwatch kritisiert Kinderlebensmittel scharf. Ernährungsexperte Thomas Ellrott aus Göttingen sieht kein Problem darin, diese Produkte gelegentlich zu erlauben. Foto: Oliver Berg dpa/lnw

Göttingen. Knapp 14,5 Milliarden Euro setzte die Süßwaren-Industrie 2014 um. Kinderlebensmittel sind ein riesiger Umsatzposten. Doch wie ungesund sind Schokolade, Gummitiere und Co. für Kinder? Ein Interview.

Von der Verpackung lachen Mickey Maus, braun-gelbe Kühe mit Sonnenbrille oder grüne Monster. Da greifen Kinder gerne zu. Eine Aufschrift wie „Calcium und Vitamin D für gesunde Knochen“ oder „mit Milch und Honig“ suggeriert auch den Eltern: Da steckt viel Gesundes drin. Foodwatch widerlegt das. Die meisten Kinderlebensmittel seien schlichtweg ungesund. Gegen Kinderlebensmittel in Maßen spricht laut Thomas Ellrott nichts. Er leitet das Institut für Ernährungspsychologie an der Universitätsmedizin Göttingen.

Etwa jedes sechste Kind in Deutschland ist zu dick. Wer ist schuld daran? 

Dr. Thomas Ellrott: Übergewicht ist eine Folge des Lebensstils. Dazu zählen der Kalorienverbrauch, die Kalorienaufnahme, aber auch Stress, soziale Einbettung und genetische Faktoren.

Was halten Sie von Lebensmitteln, die Hersteller speziell für Kinder entwickeln, wie zum Beispiel Fruchtzwerge?

Ellrott: Eigentlich brauchen Kinder derartige Lebensmittel nicht, da sie keine Nährstoffe liefern, die nicht auch andere Produkte in ausreichender Menge enthalten. Auf der anderen Seite erfüllen solche Produkte kindliche Bedürfnisse wie Spaß und Identifikation. Ein Pluspunkt sind auch die vergleichsweise kleinen Portionsgrößen. So spricht nichts dagegen, solche Produkte gelegentlich zu verwenden, wenn die Basisernährung stimmt.

Was sind die größten Fehler, die Eltern bei der Ernährung ihrer Kinder machen können? 

Ellrott: Viele Eltern denken, sie müssten Kindern lang und breit erklären, dass Brokkoli gesund ist und Schokolade ungesund. Dann würden ihre Sprösslinge schon gesünder essen. Das ist ein Trugschluss, denn kindliches Essverhalten wird nicht durch Wissen und Informationen gesteuert. Viel entscheidender ist, was die Eltern selbst authentisch tun. Essen sie Brokkoli mit Genuss, dann werden auch die Kinder gern Brokkoli essen. Das praktische Lernen vom Vorbild ist entscheidend.

Wie kann man Kinder jetzt noch überzeugen, Obst und Gemüse zu essen? 

Ellrott: Immer Obst und Gemüse mit anbieten, am besten in einer für Kinder attraktiven Form, zum Beispiel gewaschen und geschnitten. Wenn alles nicht funktioniert, hilft manchmal ein Gemüseverbot für die Kinder, denn alles Verbotene wird für sie erst richtig interessant.

Welche Folgen hat es, wenn Kinder zu viele Pommes und Süßigkeiten essen? 

Ellrott: Ob ein Kind übergewichtig wird oder einen Mangel an lebensnotwendigen Nährstoffen hat, hängt von

der Gesamtauswahl an Lebensmitteln ab. Selbst wenn Fastfood und Süßes 20 Prozent der Kalorien liefern, so liefern alle anderen Lebensmittel das absolute Gros an Kalorien und Nährstoffen. Man kann immer nur die Gesamternährung bewerten. Einzelne Produkte stellen nur eine vergleichsweise kleine Teilqualität dar.

Wie viel Süßes ist erlaubt?

Ellrott: Die Mengenangaben unterscheiden sich. Während die Deutsche Gesellschaft für Ernährung zu „Zucker in Maßen“ rät, hat die Weltgesundheitsorganisation jüngst empfohlen, nicht mehr als fünf bis zehn Prozent aller Kalorien in Form von Zucker zu essen. In jedem Fall gilt, dass der Spielraum für Süßes umso größer ist, je körperlich aktiver die Kinder sind. Hocken Kinder den ganzen Tag vorm Bildschirm, ist der Spielraum dagegen gering. Das gilt vor allem für Zucker in flüssiger Form, also Limonaden, Eistees, Säfte und Nektare. Hier kommen rasch größere Zuckermengen zusammen.

Welche Nährstoffe brauchen Kinder für eine gesunde Entwicklung? 

Ellrott: Es gibt über 40 lebensnotwendige Nährstoffe. Für ein gesundes Aufwachsen ist entscheidend, dass diese Nährstoffe im richtigen Verhältnis zueinander vorliegen. Man kann das sehr schön mit einem Fass vergleichen, das aus 40 Fassdauben besteht. Keine darf viel kürzer als die anderen sein, sonst ist das Fass nicht in Ordnung. Übrigens gibt es kein einzelnes Lebensmittel, das alle Nährstoffe im perfekten Verhältnis enthält. Um das zu erreichen, müssen wir viele verschiedene Lebensmittel kombinieren.

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