Experte sieht keine Alternative zur Ausweitung des Rettungsschirms

Interview mit Finanzwirtschaftler Hickel: „Trotz allem nützt uns der Euro“

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Rudolf Hickel

Zur Not sollte man dem Euro-Rettungsfonds noch mehr Geld geben, sagt Ökonom Rudolf Hickel. Die Verkleinerung der Euro-Zone wäre nach seiner Einschätzung viel teurer. Interview mit dem Finanzwirtschaftler.

Herr Hickel, am Donnerstag stimmt der Bundestag darüber ab, ob der Fonds zur Euro-Stabilisierung (EFSF) ausgeweitet wird. Würden Sie trotz der riesigen Summen immer noch sagen, dass Deutschland vom Euro profitiert?

Rudolf Hickel: Unbedingt. Die Kosten eines Scheiterns der Euro-Zone sind kaum zu ermessen. 42 Prozent der deutschen Exporte gehen in unsere Nachbarländer mit gemeinsamer Währung. Würden mehrere dieser Staaten ausscheiden, verlören wir massiv an Einkommen und Arbeitsplätzen. Die Stabilisierung des Euro ist die günstigere Variante.

Für wie wahrscheinlich halten Sie es inzwischen, dass Griechenland in der Euro-Zone und die Währung stark bleiben?

Hickel: Vor drei Monaten war ich noch sicher, dass das klappt. Mittlerweile habe ich Zweifel. Denn wie man am Sonntagabend im Fernsehen bei Günther Jauch beobachten konnte, hat auch Bundeskanzlerin Angela Merkel das Grundproblem nicht begriffen. Es reicht nicht, nur immer wieder die Summen für die Euro-Rettung aufzustocken. Wir kaufen Zeit, aber die müssen wir auch nutzen.

Worin besteht das Grundproblem, das die Euro-Retter ignorieren?

Hickel: Mehr Geld und ein stahlhartes Sparprogramm sind keine ausreichende Lösung. Das ist ökonomisch nicht zu Ende gedacht. Griechenland geht binnenwirtschaftlich durch die Einsparprogramme in die Knie. Die massiven Proteste in Athen richten sich auch dagegen, dass die Menschen keine Perspektive sehen, wie sie aus der Misere herauskommen können. Das Land braucht eine Aussicht, aber auch eine mittelfristige Sanierung und wirtschaftliche Gesundung.

Was müssten die Regierungen tun, wenn sie eine tragfähige Lösung erarbeiten wollten?

Hickel: Im Haushalt der Europäischen Union stehen Milliarden Euro bereit, die Griechenland abrufen könnte, um Investitionen in Infrastruktur und Arbeitsplätze zu finanzieren. Allerdings fehlt der Regierung in Athen das Geld, um die übliche Selbstbeteiligung an diesen Investitionen zu leisten. Hier sollte die EU jetzt großzügig sein und das Geld freigeben - auch ohne griechische Kofinanzierung.

Das klingt doch wieder nur nach mehr Geld.

Hickel: Eben nicht. Geld für Wachstum ist etwas anderes, als Schulden zu finanzieren. Also muss der Aufbau moderner Wirtschaftsstrukturen forciert werden. Zum Abbau des Schuldenberges braucht Griechenland einen Schuldenschnitt. Man sollte Athen etwa 50 Prozent seiner Verbindlichkeiten erlassen und damit die jährlichen Zinslasten halbieren. Mehr kann der Staat in der augenblicklichen Lage nicht bewältigen.

Also lag FDP-Wirtschaftsminister Philipp Rösler nicht falsch, als er von der geordneten Insolvenz Griechenlands sprach?

Hickel: Da kann ich leider nur raten. Rösler hat ja nicht erläutert, was er mit seinem Begriff meinte. Vermutlich hat er die Öffentlichkeit bewusst im Unklaren gelassen, um Ängste gegen den Euro zu schüren.

Offenbar denken die Euro-Regierungen darüber nach, dem EFSF nicht nur Milliarden Euro, sondern bald Billionen zur Verfügung zu stellen. Würde dadurch nicht der innere und äußere Wert der Währung endgültig untergraben?

Hickel: Damit muss man sehr vorsichtig umgehen. Einerseits wäre es richtig, dem Euro-Fonds eine unbegrenzte Kreditlinie bei der Europäischen Zentralbank einzuräumen. Damit erhielten die Investoren auf den Finanzmärkten das Signal, dass der Fonds jedes Land absichern kann. Spekulation gegen einzelne Staaten würde sich nicht mehr lohnen. Die Schuldenkrise wäre wohl gestoppt.

Die Euro-Zone könnte sich damit praktisch unbeschränkt verschulden. Welcher Investor auf der Welt würde unsere Währung dann überhaupt noch haben wollen?

Hickel: Wenn die Europäische Zentralbank als Gegenleistung für die Schulden des Fonds erstklassige Sicherheiten erhält, wäre der Wert des Euro nicht gefährdet. Diese Voraussetzung müsste aber tatsächlich erfüllt sein.

Letztlich sollte es darum gehen, die öffentlichen Schulden zu reduzieren. Müsste man, um dafür den nötigen Druck zu entfalten, verschwenderische Länder nicht auch aus der Euro-Zone ausschließen können?

Hickel: Wir sollten nicht zurück, sondern nach vorne gehen. Europa macht in diesen Monaten einen historischen Lernprozess durch. Wir sehen, dass wir mehr Kooperation brauchen, um unsere Währung und unseren Wohlstand zu schützen. Bricht ein Land weg, könnten andere folgen. Die hoffnungsvollere Alternative besteht darin, eine gemeinsame Lösung zu finden – und die muss auch Sparsamkeit beinhalten.

Von Hannes Koch

Zur Person

Rudolf Hickel (69) ist emeritierter Professor für Finanzwirtschaft der Universität Bremen. Zuletzt leitete Hickel dort das Institut für Arbeit und Wirtschaft. Der gebürtige Nürnberger setzte sich stets für eine nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik ein. Hickel ist Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von Attac.

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