Interview mit Frauenhilfsorganisation: „Gewalt gibt es immer und überall“

Protest: Nach den sexuellen Übergriffen in der Silvesternacht demonstrierten Frauen und Männer vor dem Dom in Köln gegen Rassismus und Sexismus. Foto:  dpa

Eine massenhafte sexuelle Belästigung wie Silvester in Köln sei hierzulande ein neues Phänomen - Gewalt gegen Frauen aber nicht, sagt die Kölner Hilfsorganisation Gewaltlos.de.

Frau Pinkert, Ihre Hilfsorganisation erreichen pro Jahr etwa 2000 Anfragen von Frauen, die in irgendeiner Weise Gewalt erfahren haben. Ist Ihnen ein Phänomen wie die Übergriffe von Köln an Silvester schon einmal begegnet?

Beate Pinkert: Die Kombination von sexueller Belästigung und Diebstahl ist nichts Neues, das gibt es seit Jahren. Dass sie aber derartig gehäuft auftritt, hatten unsere Beraterinnen noch nie gehört. Das gab es in Deutschland so noch nicht.

Haben sich Frauen, die die Übergriffe in Köln erleben mussten, an Ihre Organisation gewandt?

Pinkert: Ja. Sie haben beklagt, dass die Polizei ihre Anzeige nicht aufgenommen hat. Wir haben ihnen geraten, an wen sie sich wenden können, oder auch einen Kontakt hergestellt, wenn es erforderlich war. Wobei man sagen muss, dass die Polizei in Köln leider auch nicht die Kapazitäten hatte, sich bei dieser Masse in dieser Nacht um jeden einzelnen Fall zu kümmern.

Sie haben in Ihrer Beratungspraxis mit einer ganzen Bandbreite sexueller Gewalt zu tun.

Pinkert: Das ist in der Tat ein Schwerpunkt, vor allem im häuslichen Umfeld, aber daneben gibt es unter anderem auch rituelle Gewalt, Stalking, Mobbing - uns begegnet alles.

Vor diesem Hintergrund: Antatschen, wie es in Köln passiert ist, ist keine Straftat. Sollte das Gesetz geändert und Antatschen als Straftat gewertet werden?

Pinkert: Das ist eine wirklich schwierige Frage. Wir sind dafür, dass ein Nein der Frauen ein Nein ist, und was dann gegen ihren Willen ist, strafbar ist. Wichtig ist, dass man den Frauen glaubt, die etwas zur Anzeige bringen, und dass man schnell reagiert.

Nach Köln wird in einigen Beiträgen ein Zusammenhang hergestellt zwischen dieser Art von Belästigung und bestimmten Nationalitäten. Können Sie in Ihrer Beratungspraxis einen solchen Zusammenhang erkennen?

Pinkert: Nein, das können wir nicht bestätigen. Nach einer Studie der EU von 2014 ist jede dritte Frau in Europa, auch in Deutschland, von Gewalt betroffen. Wir können auch aus unserem Chat heraus nicht sagen, dass Muslime eher zu Gewalt neigen. Es ist aber so, dass gerade in liberaleren Gesellschaften besonders viele sexuelle Belästigungen angezeigt werden. In Dänemark zum Beispiel sagen besonders viele Frauen, sie seien schon belästigt worden - das liegt allerdings auch daran, dass die Däninnen sich eher trauen, das anzuzeigen. Trotz allem ist europaweit von einer erheblichen Dunkelziffer ausgehen.

Neigen jüngere Männer eher zu Gewalt als ältere?

Pinkert: Nein, das geht wie bei den sozialen Schichten querbeet.

Haben Sie nach Großereignissen wie dem Kölner Karneval mehr Anfragen von Frauen?

Pinkert: Nein, eher an Weihnachten oder anderen Feiertagen. Da geht es vermehrt um häusliche Gewalt. Feiertage sind familiäre Brennpunkte, da ist mehr los im Chat.

Im Moment verkauft sich Pfefferspray gut. Viele Menschen fühlen sich offenbar nicht sicher, wenn sie aus dem Haus gehen.

Pinkert: Ein großer Teil von Gewalt gegen Frauen spielt sich in Familien, in Beziehungen oder am Arbeitsplatz ab. Dabei begegnet uns ein hohes Maß an Brutalität. Das ist das, was uns das ganze Jahr beschäftigt. So gesehen ist Köln ein Sonderfall, der Gewalt gegen Frauen in den Fokus bringt. Es gibt sie aber immer und überall.

Zur Person

Beate Pinkert (38) ist Diplom-Volkswirtin und Geschäftsführerin der Kölner Beratungsstelle Gewaltlos.de. Diese hilft per Internet bundesweit Frauen, die Gewalt erfahren haben. Pinkert stammt aus dem Rheinland, ist verheiratet und Mutter von drei Kindern. Sie lebt mit ihrer Familie in Köln.

Anonyme Beratung im Online-Chat

Die Internet-Beratung von gewaltlos.de ist anonym. Nutzer loggen sich in einen Chat ein und sprechen dort in einer „Lobby“ mit Beraterinnen, die zum Teil ehrenamtliche Mitarbeiterinnen sind. Je nach Bedarf gehen dann Fachkräfte mit den Ratsuchenden in einen anderen virtuellen Raum und sprechen dort mit ihnen. Nutzer müssen sich nicht zu erkennen geben. Das Ziel ist aber, dass sie Beratungsangebote vor Ort annehmen. Die jüngste Nutzerin war laut Beate Pinkert zwölf Jahre alt.

Gewaltlos.de ist ein Angebot des Sozialdienstes katholischer Frauen. www.gewaltlos.de

www.facebook.com/gewaltlos.de

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