Oft Folge großer Not, aber nicht einer Religion, sagt Terre des Femmes

Interview zu Frühehen: „Diese Armut wird vererbt“

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Beim Scheidungstermin: Das Foto aus dem Jahr 2008 zeigt die jemenitischen Kinderbräute (von rechts) Nojud Ali (damals 8 Jahre), Rim Anas al-Numiri (12) und Arwa Abdu Mohammed (9) bei ihrer Scheidung in der jemenitischen Hauptstadt Sanaá. Im Jemen gibt es kein Mindestheiratsalter.

Ein Gericht in Bamberg hat die Vormundschaft für ein 15-jähriges Flüchtlingsmädchen dessen Ehemann übertragen - der Fall sorgte für Schlagzeilen. Deutschland braucht bei Kinderehen eine klare Linie, sagt Myria Böhmecke von Terre des Femmes.

Kinderehen sind in Deutschland in den Blick geraten, weil unter den Flüchtlingen auch Minderjährige sind, die im Kindesalter verheiratet wurden. Wie viele Mädchen sind von Frühehen betroffen? 

Myria Böhmecke: Nach Zahlen von Unicef sind weltweit pro Tag 41.000 Mädchen davon betroffen. Für Deutschland gibt es keine konkreten Zahlen. Auf der Basis einer Studie des Bundesfamilienministeriums für das Jahr 2008 lässt sich schätzen, dass etwa 1000 Minderjährige wegen einer Zwangsheirat pro Jahr in Deutschland Beratung suchen. Wir gehen aber von einer hohen Dunkelziffer aus.

In welchen Weltgegenden kommen Frühehen am häufigsten vor? 

Böhmecke: Es gibt Länder, bei denen Frühehen an die 70 Prozent der Eheschließungen ausmachen, das sind vor allem afrikanische Länder - Niger, Tschad, Guinea, Zentralafrikanische Republik. In asiatischen Ländern sind Frühehen ebenfalls verbreitet, aber auch in Südamerika. Das heißt: Frühehen sind nicht - wie häufig dargestellt - ein islamisches Problem, sondern ein Problem von streng patriarchalischen Gesellschaften. Wir kennen das Problem aus Indien, wo der Islam nicht ausschließlich die vorherrschende Religion ist. Frühehen sind unter anderem eine Folge sehr großer Armut, aber nicht einer bestimmten Religion.

Warum genau verheiraten die Eltern ihre Kinder so früh? 

Böhmecke: In den Ländern mit der höchsten Rate an Frühehen haben die Mütter durchschnittlich fünf bis sechs Kinder, die sie alle durchbringen müssen, was schwierig ist, wenn man überhaupt kein Einkommen hat. Sie versuchen vor allem die Mädchen früh zu verheiraten, weil sie einen Brautpreis bekommen und zum anderen die Mädchen nach ihrer Vorstellung möglichst gut versorgt wissen wollen. Eine andere Ursache ist, dass Mädchen in vielen Ländern weniger Anerkennung haben als Jungen. Töchter werden weniger wertgeschätzt als Söhne. Außerdem spielt häufig die Familienehre eine Rolle: Je früher ein Mädchen verheiratet wird, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass sie jungfräulich in die Ehe geht und somit die Ehre der Familie gewahrt bleibt.

Warum kommen immer mehr Flüchtlingsmädchen hier als Ehefrauen an? 

Böhmecke: Zum einen kommen die Flüchtlinge aus Ländern, in denen eine frühe Verheiratung tatsächlich nicht ungewöhnlich ist. Schon vor dem Krieg in Syrien wurden dort 13 Prozent der Mädchen in einem Alter unter 18 Jahren verheiratet. Laut SOS Kinderdörfer sind es inzwischen über 50 Prozent. In den Flüchtlingslagern im Libanon, im Irak, in der Türkei nimmt der Heiratshandel zu. Die Eltern sehen in den Ehen auch eine Möglichkeit, die Mädchen zu schützen. Außerdem bekommen sie meist Brautgeld.

Welche Folgen haben Frühehen für die Mädchen?

Böhmecke: Die Folgen sind häufig häusliche und sexualisierte Gewalt sowie massivste Abhängigkeit vom Mann. Die Mädchen brechen meist die Schule ab, machen meist keine Ausbildung, bekommen sehr früh Kinder. Die häufigste Todesursache für 15- bis 19-jährige Mädchen weltweit ist Schwangerschaft und Geburt. Aus Unicef-Studien wissen wir auch, dass häusliche Gewalt in Frühehen eine große Rolle spielt. Das Problem ist auch, dass diese Armut vererbt wird. Auch die Töchter aus diesen Ehen werden wieder früh verheiratet werden.

Welche Handhabe hat der deutsche Staat bei frühverheirateten Flüchtlingen? 

Böhmecke: Grundsätzlich werden Eheschließungen, die im Ausland nach dort geltendem Recht vorgenommen worden sind, hier anerkannt - es sei denn, sie verstoßen gegen die „ordre public“, also unsere allgemeine Rechtsordnung. Genau das ist der Fall, wenn 13-Jährige oder Jüngere heiraten. Bei 14- bis 17-Jährigen entscheidet das Gericht im Einzelfall. Weil frühverheiratete Flüchtlingsmädchen meistens ohne die Erziehungsberechtigten einreisen, müssten sie hier als unbegleitete minderjährige Flüchtlinge behandelt, also in die Obhut des Jugendamtes genommen werden. Dann müssen Gespräche geführt werden, das Familiengericht wird eingeschaltet und ein Vormund bestellt.

Wie wäre die Sanktionsmöglichkeit, wenn das Paar trotzdem zusammenlebt? 

Böhmecke: Unserer Ansicht nach dürfen Ehen von unter 18-Jährigen generell nicht anerkannt werden, weswegen in Deutschland auch die Ausnahme für 16-jährige Mädchen gestrichen werden sollte. Wir brauchen eine ganz klare Linie. In den Niederlanden werden Ehen mit Minderjährigen nicht anerkannt, was auch bedeutet: Wenn das Mädchen die Ehe nicht will, kann es sich leichter trennen.

Zur Person:

Myria Böhmecke ist Referentin für das Thema „Gewalt im Namen der Ehre“ bei der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes in Berlin. Böhmecke stammt aus Hannover und hat dort Religionswissenschaften und Pädagogik studiert. Zu Alter und Privatleben macht sie keine Angaben.

Hintergrund: Die Rechtslage in Deutschland

In Deutschland darf man ab einem Alter von 18 Jahren heiraten, in von einem Gericht erlaubten Ausnahmefällen auch ab 16 Jahren (Ehemündigkeitsalter). Im Ausland geschlossene Ehen, die nach den dortigen Gesetzen gültig sind, werden in Deutschland grundsätzlich anerkannt. Dies gilt allerdings nicht für Mehrfachehen (Polygamie).

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