Interview zu gefährdeten Nahost-Flugrouten: „Es besteht erhöhtes Risiko“

Die Europäische Agentur für Luftfahrtsicherheit (EASA) warnt vor russischen Marschflugkörpern, die vom Kaspischen Meer aus syrische Ziele beschießen.

Wir sprachen mit Jörg Handwerg, Sprecher der Vereinigung Cockpit (VC), über die aktuellen Risiken der Nahost-Flugrouten.

Herr Handwerg, wie gefährlich sind die Marschflugkörper für Flugzeuge? 

Jörg Handwerg: Wie wir der Presse entnehmen können, fliegen die bisher von Russland eingesetzten Raketen in sehr niedriger Höhe, damit wäre das unmittelbare Bedrohungspotential gering. Da die Situation jedoch dynamisch ist und keiner sagen kann, was dort morgen passiert, besteht auf diesen Flugrouten sicherlich ein erhöhtes Risiko.

Der Osten der Ukraine wird bereits umflogen, jetzt gilt eine Warnung über dem Luftraum des Kaspischen Meers, dem Iran und dem Irak. Wie regieren die Fluggesellschaften aktuell auf die Warnung? 

Handwerg: Die Fluggesellschaften reagieren sehr unterschiedlich. Zum Teil wird der Luftraum gemieden, zum Teil noch überflogen. Das liegt vielleicht auch daran, dass es für einige Gesellschaften kaum Auswirkungen hat, eine bestimmte Region nicht zu überfliegen, für andere sehr starke.

Sollten Flugzeuge auf Grund der Warnung den Luftraum des Kaspischen Meers, dem Iran und dem Irak meiden? 

Handwerg: Das ist eine Entscheidung, die wir nicht treffen können, da nicht genügend Informationen vorliegen. Als Piloten tragen wir zwar die Verantwortung für einen sicheren Flug, haben aber kaum Möglichkeiten an unabhängige Informationen zu kommen. Wir müssen uns darauf verlassen, was der eigene Arbeitgeber uns mitteilt. Jedes Unternehmen entscheidet für sich. Und bei allen Entscheidungen von Unternehmen spielen auch immer finanzielle Überlegungen eine Rolle. Es fehlt eine internationale oder nationale Behörde, die völlig unabhängig darüber entscheidet, ob ein Luftraum durchflogen werden darf oder nicht. Deshalb kommt es zu unterschiedlichen Entscheidungen von Unternehmen zu Unternehmen, was natürlich die Passagiere verunsichert.

Gibt es, um Flugzeuge zu schützen, nur die Möglichkeit den Luftraum zu sperren? 

Handwerg: Der Luftraum muss nicht gesperrt werden, jedes Unternehmen kann auch in Eigenverantwortung vom kürzesten Flugweg abweichen und Alternativrouten wählen.

Kann eine Maschine, die nach Südasien oder in den Mittleren Osten unterwegs ist, diese Gebiete überhaupt umfliegen? 

Handwerg: Die Erde ist rund, deshalb finden sich immer andere Routen, die aber meist länger und teurer sind. Beim Umfliegen kann es zu Ballungen in bestimmten Gebieten kommen, die dann für Verzögerungen sorgen. Zusätzliche Flüge, die eine andere Routen aufnehmen könnte, sind deshalb begrenzt, und bei der heutigen Dichte des Flugverkehrs ist nicht unendlich viel Platz.

Kann ein Pilot entscheiden, welche Route er fliegt? 

Handwerg: Der Pilot kann im Flug plötzlich wegen Wetterbedingungen Abweichungen von seinem Flugplan bei der Flugsicherung erfragen. Größere Abweichungen, die eventuell auch Überfluggenehmigungen anderer Länder beinhalten, muss er über das Unternehmen beantragen lassen. Im Vorfeld wird die Route bereits geplant und dem Piloten vorgelegt. Wenn er zu diesem Zeitpunkt bereits abweichen will, ist dies nur möglich, wenn das Unternehmen das auch akzeptiert. In der Praxis gab es schon bei einer großen deutschen Fluglinien Fälle, wo Piloten vom Flug abgesetzt wurden, weil sie sich weigerten, ein bestimmtes Krisengebiet zu überfliegen, da es ihnen nicht sicher schien. Es wird also Druck ausgeübt, die Einschätzung des Unternehmens zu akzeptieren - für die VC ein inakzeptabler Vorgang.

Jörg Handwerg (47) ist Vorstandsmitglied für die Vereinigung Cockpit. Er ist Flugkapitän, nachdem er zuvor knapp 15 Jahre Copilot war. Handwerg saß bereits im Cockpit verschiedener Airbus- und Boeingmaschinen. Gerne beschäftigt er sich mit moderner Technik, liebt das Reisen und die Abwechslung, die der Pilotenberuf mit sich bringt. Am liebsten fliegt er nach Italien, Südfrankreich oder Asien.

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