Interview zu koptische Christen: „Lage könnte noch schlimmer werden“

Göttingen. Die koptischen Christen sind in Ägypten mehrfach Opfer von Anschlägen geworden. Wir sprachen mit Ulrich Delius, Afrika-Experte bei der Gesellschaft für bedrohte Völker in Göttingen, über die Lage.

Beteiligen sich die koptischen Christen in Ägypten an den Protesten gegen das Regime Mubarak?

Ulrich Delius: Der Druck auf die Orthodoxe koptische Kirche in Ägypten hat in den letzten Tagen zugenommen, auch von Seiten der Kopten. Die koptische Kirche hat am Freitag erklärt, sie werde nichts unternehmen, wenn jemand individuell demonstriert. Aber sie wird als Kirche nicht dazu aufrufen.

Warum?

Ulrich Delius (52) ist Afrika-Experte bei der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) in Göttingen.

Delius: Hintergrund ist die Befürchtung, dass es noch schlimmer für die Kopten kommen könnte, sollte das Mubarak-Regime stürzen. Sie befürchten einen wachsenden Einfluss der Muslimbruderschaft. Es ist eine schwierige taktische Frage für sie, wie sie sich verhalten sollen.

Wie reagieren Kopten außerhalb Ägyptens?

Delius: Es herrscht eine enorme Diskrepanz zwischen einzelnen Kopten im Ausland und denjenigen, die die Kirche insgesamt im Blick haben, und wie es ihr im zukünftigen Ägypten gehen wird.

Viele Kopten im Ausland erwarten eine klarere Stellungnahme gegen das Mubarak-Regime. Organisationen wie Voice of the Copts zum Beispiel in den USA und in Australien, haben sehr weitgehende Forderungen an ihre Regierungen: USA und Australien sollen die diplomatischen Beziehungen abbrechen oder die Botschafter abziehen. Manche fordern, dass Mubarak vor das internationale Strafgericht in Den Haag soll.

Welche Folgen hat ein Machtgewinn der radikal islamischen Muslimbruderschaft für die Kopten?

Delius: Sollten die Muslimbrüder noch mehr politischen Einfluss bekommen, wird die Situation für die Kopten sehr schwierig werden. Bislang waren die Muslimbrüder eher am Rande der Proteste. Inzwischen beteiligen sie sich offiziell. Die Frage ist, setzen sie sich irgendwann an die Spitze, sollte es zu einer weiteren Gewalteskalation kommen?

Mit El Baradei versucht ein demokratisch orientierter Mubarak-Gegner, sich an die Spitze der Proteste zu setzen. Wie schätzen Sie seine Chance ein?

Delius: Das Mubarak-Regime scheint voll auf die Karte Gewalt zu setzen, mit Eindämmung, mit Zwang, mit der Sperrung des Internets, und mit der Einschränkung der Bewegungsfreiheit von El Baradei. Ob man ihm damit die Möglichkeiten nimmt, sich an die Spitze der Protestbewegung zu setzen oder ob man ihn durch diese Politik zu einem Märtyrer macht, ist sehr schwer einzuschätzen.

Welche Entwicklung kann Ägypten nehmen?

Delius: Sollte es zu mehr Toten kommen, sollte die Gewalt eskalieren, kann es sein, dass Personen wie El Baradei den Einfluss auf die Protestbewegung verlieren. Letztlich kann es zu einer Konfrontation zwischen Muslimbrüdern und Mubarak-Unterstützern kommen. Der liberale Flügel des demokratischen Ägyptens wird dann überholt.

Wird Mubarak Präsident bleiben?

Delius: Je mehr man auf Mubarak und den Faktor des Status quo setzt, desto größer ist die Gefahr, dass man in eine Eskalationsspirale hineinläuft. Davon kennt dann niemand den Ausgang. Im Zweifelsfall wird es kein guter für Ägypten und noch weniger für die Kopten sein.

Zur Person

Ulrich Delius (52) ist Afrika-Experte bei der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) in Göttingen. Nach seinem Jurastudium ging er zu der GfbV. Delius ist verheiratet und hat zwei Kinder.

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