Interview zur Griechenkrise: „Wir wollen auch mal 300 Milliarden“

Schuldenschnitt für Griechenland? Alles schon da gewesen. Zuletzt schaffte es der damalige Griechenpremier Antonis Samaras (Foto) mit den europäischen Partnern im November 2012, die Gläubiger zu einem Verzicht auf hohe Forderungen zu bewegen. Foto: dpa

„Griechenland ist keineswegs reif für die Währungsunion“ - mit diesem Satz sorgte der damalige Präsident der Hessischen Landeszentralbank, Dr. Hans Reckers, im April 2000 für Kursstürze an der Athener Börse.

HNA-Nachrichtenchef Tibor Pézsa hat Reckers angerufen und ihn nach seiner heutigen Sicht gefragt.

Herr Reckers, was würden Sie Angela Merkel im Umgang mit Griechenland raten?

Hans Reckers: Wir brauchen eine faire Vereinbarung mit Griechenland und weitere Schritte zur politischen Union Europas. Der Schaden jetzt konnte entstehen, weil das Währungsgebiet des Euro nicht mit einem Staatsgebiet übereinstimmt. Eine Währung braucht einen Staat als Rahmen. Deshalb wurde ja immer gesagt, wir können eine Währung erst einführen, wenn wir eine politische Union haben. Also einen europäischen Bundesstaat.

Mit Griechenland dabei? 

Reckers: Ja. Ich fände es gut, wenn Griechenland im Euroraum bleiben würde.

Zu allen Bedingungen? 

Reckers: Natürlich nicht. Das geht nur, wenn Griechenland jetzt kooperiert und die Finanzverpflichtungen für das Land begrenzt werden. Und wir brauchen weitere Schritte in Richtung einer politischen Integration Europas, weil der jetzige europäische Staatenverbund auf Dauer nicht hinreichend stabil als Rahmen für den Euro wirken kann.

Was ist in der jetzigen Krise das Wichtigste? 

Reckers: Das Wichtigste ist die Tatsache, dass Griechenland jetzt für künftige Fälle ein Präzedenzfall ist. Das heißt, die Euroländer müssen mit Athen eine Lösung finden, die auch in künftigen Jahren mit anderen Ländern abgeschlossen werden könnte. So ein Verhandlungsergebnis bekommt man nicht in wenigen Tagen. Aber wenn es solch eine Lösung nicht gibt, kommt in wenigen Jahren ein anderes europäisches Land und sagt: Wir wollen dann auch mal 300 Milliarden Euro haben.

Halten Sie es für einen Konstruktionsfehler, dass Bundesbankpräsident Jens Weidmann im Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) von Vertretern kleinerer Länder wie Malta, Zypern und Griechenland mühelos überstimmt werden kann?

Reckers: Nein, ich halte es für richtig, dass jedes Land im Euroraum eine Stimme hat. Wir leben in unnormalen Zeiten. Wenn wir beispielsweise das Nullzinsniveau nicht hätten, würde unser Finanzsystem sofort zusammenbrechen. Wichtig ist das, was die EZB tut. Die jeweiligen Zentralbankpräsidenten im EZB-Rat müssen im Interesse der gemeinsamen Währungsstabilität zusammenwirken. Sie sind keine Interessenvertreter ihrer jeweiligen Herkunftsländer.

Den Eindruck hat man allerdings nicht immer. 

Reckers: Die Eurostaaten wären gut beraten, diese Krise als Chance für einen entschlossenen Schritt in Richtung einer politischen Union zu ergreifen. Sonst wird der Euro auch in Zukunft weitere Probleme haben. Die Öffentlichkeit hat glaube ich nicht hinreichend erkannt, dass wir seit Jahren in einer absoluten Ausnahmesituation sind. Man sieht es an den niedrigen Zinsen. In China sind die Börsen um 25 Prozent eingebrochen. Auch deswegen besteht Grund zu Besorgnis. Und daher müssen die europäischen Regierungen sehr überlegt handeln.

Ein Ausscheiden Griechenlands aus der Eurozone ist denkbar, es wäre aber kein gutes Signal. Es ist hohe Zeit, für den Euro einen stabilen Rahmen zu schaffen. In diese Richtung zielt ja auch der sogenannte Präsidentenvorschlag für eine vollendete europäische Wirtschafts- und Währungsunion.

Der gebürtige Salzbergener (Emsland/Niedersachsen) Dr. Hans Reckers (62) war Präsident der Landeszentralbank Hessen (1999-2002) und Mitglied des Zentralbankrates, als er wegen Kritik an der Euroaufnahme Griechenlands von Bundesbankchef Ernst Welteke gemaßregelt wurde. Der promovierte Jurist arbeitete zuvor in den Bundesministerien für Finanzen, Verteidigung und dem Bundeskanzleramt. Der Christdemokrat und verheiratete Vater von vier Kindern war von 2002 bis 2009 Vorstandsmitglied der Bundesbank. Heute arbeitet Hans Reckers als Rechtsanwalt in einer internationalen Wirtschaftskanzlei in Berlin.

In unserer Donnerstagsausgabe veröffentlichen wir den zweiten Teil unseres Gesprächs mit Hans Reckers. Darin schildert er, wie der damalige Bundesfinanzminister Hans Eichel und der Bundesbankchef Ernst Welteke seine öffentlich geäußerte Kritik an der Eurotauglichkeit Griechenlands im Jahr 2000 unterbanden.

 

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