Expertin: "Der Druck wäre weg"

1000 Euro für alle - jeden Monat: Grundeinkommen ohne Gegenleistung? 

+

Jeden Monat ein festes Einkommen für jeden: Wäre so etwas in Deutschland möglich? Finnland jedenfalls will so ein Grundeinkommen einrichten. Darüber sprachen wir mit der Arbeitssoziologin Dorothee Spannagel.

Das bedingungslose Grundeinkommen ist keine Erfindung der Finnen. Dorothee Spannagel vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut der Hans-Böckler-Stiftung erläutert die Chancen und Risiken.

Wie hoch sollte ein Grundeinkommen Ihrer Meinung nach in Deutschland sein?

Dorothee Spannagel: In Deutschland wird meistens über ein bedingungsloses Grundeinkommen von etwa 1000 Euro diskutiert.

Was ist mit dem Satz für Eltern, die Kinder haben?

Spannagel: Jeder Erwachsene erhält das volle Grundeinkommen. Für Kinder sind meist geringere Sätze wie etwa die Hälfte des Erwachsenenbetrags vorgesehen.

Sollte der Satz bundesweit gleich sein, die Lebenshaltungskosten je nach Städten sind ja unterschiedlich?

Spannagel: Im Allgemeinen geht jedes Modell von einem bundesweiten Einheitsbetrag aus, oft gestaffelt nach Alter. Bei einigen sind aber Zuschüsse für erhöhten Bedarf etwa bei chronischer Krankheit oder Behinderung vorgesehen. Das können aber auch Mietzuschüsse sein, etwa in einer Stadt wie München. Mir ist aber kein Modell bekannt, das von unterschiedlichen Höhen ausgeht je nachdem ob man auf dem Land oder in der Stadt wohnt.

Wie sollte ein solches Modell finanziert werden?

Spannagel: Es gibt mehrere Quellen. Man geht davon aus, dass das Einkommen dann die Sozialversicherungen ersetzt, und man hat dadurch enorme Einsparung. Genauso spart man bei der Entbürokratisierung, mit dem Wegfall von Verwaltungen spart die Regierung enorm viel Geld. Es gäbe kein Arbeitslosengeld mehr, und die Verwaltungskosten werden eingespart. Es kann aber auch durch eine Besteuerung des Erwerbseinkommens finanziert werden. Von denjenigen, die dann arbeiten gehen, deren Einkünfte würden besteuert.

Im Modell von Götz Werner, Gründer der Drogeriemarkt-Kette dm, und einigen anderen Modellen ist zudem eine Konsumsteuer vorgesehen. Diese ähnelt einer erhöhten Mehrwertsteuer und würde vor allem niedrigere Einkommensschichten stärker belasten.

Wie steht es dann um die Arbeitsmotivation?

Spannagel: Das ist die zentrale Streitfrage bei der viele Gegner sagen, jeder würde dann nur noch faul in der Sonne liegen. Ich halte das für sehr unwahrscheinlich. Die Arbeitsmotivation würde wohl nicht nennenswert sinken. Für die meisten Menschen ist deren Erwerbsarbeit mehr, als nur den Lebensunterhalt zu verdienen. Sie strukturiert den Tag, gibt gesellschaftliche Integration und soziale Kontakte. Bei einem Grundeinkommen würde man vielleicht nicht mehr jedes Projekt übernehmen oder die Arbeitszeit etwas reduzieren.

Welche Folgen hat das Modell für unsere Wirtschaft?

Spannagel: Werner und viele andere Befürworter eines bedingungslosen Grundeinkommen gehen von einem höheren Innovationsschub für unsere Wirtschaft aus. Menschen können sich mehr ausprobieren, die Grundsicherung ist ja da, der Druck wäre weg. Jeden Monat bekommt man 1000 Euro, und das stärkt wiederum den Konsum. Das Grundeinkommen kann auch das Lohngefüge verändern - wer würde dann noch bei der Müllabfuhr arbeiten? Die Arbeit müsste dann nach dem gesellschaftlichen Wert entlohnt werden. Ein Risiko ist, dass Arbeitgeber dann die Löhne senken, weil die Grundexistenz ja da ist.

Wie wirkt sich das auf die Gesellschaft aus?

Spannagel: Momentan funktionieren Rente und Krankenversicherung nach solidarischem System. Mit dem Grundeinkommen würde sich das System individualisieren. Darunter leiden Behinderte oder chronisch Kranke, denn deren Bedarf liegt über dem Grundeinkommen. Wenn Mehrbedarf für solche Gruppen nicht berücksichtig wird, dann haben manche Pech gehabt. Das ist eine weitere große Gefahr, die benannt werden muss.

Zur Person:

Dr. Dorothee Spannagel (35) ist promovierte Soziologin. Seit 2014 arbeitet sie beim Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut der Hans-Böckler-Stiftung. Schon seit ihres Studiums in Tübingen und Heidelberg setzt sie sich mit Arbeitssoziologie auseinander.

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken, um Missbrauch zu vermeiden.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.