Historiker spricht über die Flüchtlingsprobleme

Interview zur Aufnahme von Flüchtlingen: "Die Augen nicht verschließen"

„Gemeinsam schaffen wir‘s“: Slogan der CDU zur Flüchtlingspolitik auf einem Wahlplakat der Nachkriegszeit. Zu sehen ist es im Bonner Haus der Geschichte. Foto: Blieffert

In der gegenwärtigen Debatte über die Aufnahme von Migranten wird immer wieder darauf verwiesen, dass Deutschland schon einmal Millionen Flüchtlinge aufgenommen und integriert habe. Aber sind diese beiden Ereignisse wirklich vergleichbar? Danach fragten wir Manfred Hettling, Historiker an der Uni Halle.

Herr Professor Hettling, wie ist es in einem vom Krieg zerstörten Land gelungen, etwa zwölf Millionen Flüchtlinge und Vertriebene zu integrieren? 

Manfred Hettling: Dies konnte in erster Linie gelingen, weil es sich bei Flüchtlingen und Vertriebenen einerseits sowie aufnehmenden Menschen andererseits um Angehörige ein und derselben Nation handelte. Alle teilten eine Vielzahl von Gemeinsamkeiten und Erfahrungen: Sprache, Schulbildung, das Erleben staatlichen Rechts in der Weimarer Republik und staatlichen Unrechts im Nationalsozialismus, sie hatten zwei Weltkriege gemeinsam geführt und erlebt und gemeinsam eine Vielzahl von Toten zu beklagen.

Hierzu kam über zwei Jahrzehnte das sogenannte Wirtschaftswunder, das die Integration natürlich erleichterte. Das alles zusammen ist eine völlig andere Grundlage für Integration, als wir es heute bei uns und in anderen europäischen Ländern erleben.

Viele Vertriebene und Flüchtlinge erzählen heute aber auch, sie seien oft als ungebetene Fremde stigmatisiert worden. Stimmt diese Beobachtung?

Hettling: Das hat es gegeben, sollte aber nicht generalisiert werden. Oft war auf dem Lande Integration schwieriger als in den Städten, und oft hat es Spannungen gegeben etwa zwischen zuwandernden Protestanten und einheimischen Katholiken, oder umgekehrt.

„Damals konnte man auf gemeinsamen historischen Erfahrungen und kulturellen Prägungen aufbauen.“

Aber angesichts der Dimensionen - 10 Millionen Flüchtlingen gingen in den Westen, wo etwa 50 Millionen Menschen wohnten - konnte Integration gar nicht spannungsfrei ablaufen. In zehn, zwanzig Jahren schliffen sich Unterschiede und Probleme jedoch ab, weil man auf gemeinsamen historischen Erfahrungen und gemeinsamen kulturellen Prägungen der geteilten nationalen Zugehörigkeit aufbauen konnte.

War Integration nach 1945 also einfacher, leichter? 

Hettling: Sie war nach der Kriegsniederlage und dem Sieg über das nationalsozialistischen Verbrechenssystem, und der alliierten Besatzung vor allem unvermeidbar. Dieser äußere Druck ergänzte die selbstverständliche innere Gemeinsamkeit als Nation. Auf dieser Basis fanden Flüchtlinge und Ansässige nach 1945, trotz aller Spannungen, zusammen.

Können wir aus den Erfahrungen von damals etwas für die heutige Bewältigung des Flüchtlingsstroms lernen?

Hettling: Wir sollten vor allem nicht die Augen vor der Verschiedenartigkeit der Probleme verschließen. Und da sind wir dann schnell bei der anderen Sprache, generell bei kulturellen Unterschieden, bei Problemen mit Menschen, die aus nichtindustrialisierten und nicht modernisierten Gesellschaften kommen. Hinzu kommt aktuell der Eindruck eines Steuerungs- und Gestaltungsverlusts des Staates, auch deshalb wächst das unbehagliche Gefühl, der Politik entgleite das Problem. All das birgt Konfliktpotenziale, die es so nach dem Krieg nicht gab.

Hat dieses Unbehagen nicht auch damit zu tun, dass die einzelnen Staaten überfordert zu sein scheinen, Europa aber keine Lösungen findet? 

Hettling: Es wird in der gegenwärtigen Debatte zu schnell vom Ende des Nationalstaates geredet, von einer Verflüssigung von Grenzen. Ich halte das für illusionär und problematisch, weil unser Sozialstaat, unser Rechtsstaat, unsere Demokratie aus dem Nationalstaat entstanden und an ihn gebunden sind. Bei allen Problemen, die Nation und Nationalismus uns in den in letzten 200 Jahren bereitet haben: Eine gesicherte, friedliche Existenz ohne Nationalstaaten kann ich mir nicht vorstellen. Als Beispiel nur: Wenn heute von europäischen Lösungen geredet wird, sind das mehr Hoffnungen, unter denen in den einzelnen Nationen auch sehr Unterschiedliches verstanden wird, als Realität.

Müssen sich Migranten für eine erfolgreiche Integration der deutschen Nation, der deutschen Kultur zugehörig fühlen? Oder reichen bloße Kenntnisse von Staat, Kultur und Gesetzen? 

Hettling: Letzteres bezweifele ich. Es besteht in Deutschland aber eine gewisse Furcht über etwas zu diskutieren, was man früher unter dem Stichwort Assimilierung zusammengefasst hätte. Erfahrungen aus klassischen Einwanderungsstaaten zeigen jedoch, dass es ohne gemeinsame Zugehörigkeits- und Verbundenheitsgefühle auf beiden Seiten schnell zu Entsolidarisierungen kommen kann.

Von manchen Migrationsforschern und Politikern wird argumentiert, eine erfolgreiche Integration hänge primär von der Bereitschaft der aufnehmenden Gesellschaft ab, in die Eingliederung finanziell und ideell zu investieren. Werden dadurch nicht die Zuwanderer aus ihrer Verantwortung zur Integration entlassen? 

Hettling: Wenn zusammenwachsen soll, was zusammen ist, müssen beide Seiten wollen, das heißt ihren Anteil daran haben. Integration verlangt Zuwanderern und Ansässigen um so mehr ab, je größer die zu überwindenden Verschiedenheiten sind. Auch deshalb brauchen wir ein Einwanderungsgesetz mit klaren Bedingungen und Kriterien, um Zuwanderung gestalten und regulieren zu können. Diesen Anspruch kann ein Staat nicht aufgeben.

Manfred Hettling (59), in Ulm geboren, ist seit 2001 Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Martin-Luther-Universität in Halle, Arbeitsschwerpunkte Geschichte der bürgerlichen Welt und des politischen Totenkults. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.

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