"Araber ist nicht gleich Araber" 

Interview: Islamexperte Ferhad Ibrahim Seyder über die Angriffe von Köln

Nach den massiven Übergriffen auf Frauen in Köln ermittelt die Polizei gegen Dutzende Verdächtige, darunter Asylbewerber aus Algerien, Marokko, Syrien, dem Irak und Iran. Islamexperte Ferhad Seyder hält die Herkunft für entscheidend. 

Spielen Nationalität und Religion der mutmaßlichen Täter eine Rolle für die massenhafte Übergriffe von Köln in der Silvesternacht? Ja, sagt Ferhad Ibrahim Seyder. Für den in Syrien geborenen, kurdischen Politikwissenschaftler ist die Herkunft der Verdächtigen entscheidend. Das Muster ähnele Übergriffen auf Frauen, wie es sie bei der Revolution in Ägypten gegeben habe.

Herr Seyder, wächst mit der Zahl der muslimischen Männer die Gefahr sexueller Übergriffe?

Ferhad Ibrahim Seyder: Ich würde definitiv Ja sagen. In den arabischen Ländern wächst seit den 1980er-Jahren die Anzahl der Übergriffe auf Frauen. Vor allem in überfüllten Verkehrsmitteln werden sie belästigt. In den nordafrikanischen Staaten, vor allem in Ägypten und Algerien, ist Gewalt gegen Frauen im Alltag präsent, es herrschen Unordnung und Werteverlust. Zwar ist die Schulbildung in Syrien weit verbreitet, der Krieg könnte jedoch zu einer Transformation der Persönlichkeit der jungen Männer dort geführt haben. Araber ist nicht gleich Araber. Es gibt viele Unterschiede zwischen den einzelnen Gruppen.

Inwiefern ist die Religion Teil des Problems?

Seyder: Es ist sehr auffällig, dass viele Selbstmordattentäter ihre Taten in dem Glauben begehen, im Paradies mit 72 Jungfrauen belohnt zu werden. Die Frau ist für sie kein Partner, sondern ein entmenschlichtes Instrument der Sexualität. Diese Art des Denkens ist ein Grundtenor, der sich bei vielen Männern in der Region, nicht nur bei den Extremisten, wiederfindet. Und natürlich hat das etwas mit der Religion zu tun. Im Hinduismus, bei den Buddhisten oder Christen wird niemand mit so vielen Frauen belohnt.

Sie vergleichen die Kölner Silvesternacht mit Vorfällen in Ägypten während des Arabischen Frühlings. Können Sie das genauer erklären?

Seyder: In der Zeit der Revolution in Ägypten, im Frühjahr 2011, kam es auf dem Tahrir-Platz in Kairo zu regelrechten Vergewaltigungen, die genau so abgelaufen sind. Männer umzingelten Gruppen von Frauen, die dann nirgendwo mehr hin konnten. Es gibt authentische Beschreibungen von Opfern, die von ägyptischen Frauenrechtsbewegungen dokumentiert wurden. In Köln gingen die Männer nach demselben Schema vor. Da die Polizei diese Muster nicht kennt, unterstelle ich ihr, das übersehen zu haben.

Können Integrationskurse das Problem entschärfen?

Seyder: Ich glaube, die verordnete Integration kommt generell nicht an. Integration ist ein sehr langsamer Prozess. Vielleicht müssen die Behörden auch ihren Standpunkt überprüfen. In NRW etwa gibt es nordafrikanische Drogendealer, die wurden drei, vier Mal verurteilt - und sie sind immer noch geduldet. Ich frage mich: Wie kann das sein?

Es gibt Menschen, die würden Sie wegen Ihrer Meinung als Rassisten bezeichnen.

Seyder: Ich glaube, sie verschließen beide Augen und denken, sie hätten die Wahrheit gepachtet. Dunja Hayali, Moderatorin des ZDF-Morgen Magazins, hat gesagt, diese Taten kann man nicht mit einer bestimmten Kultur in Zusammenhang bringen. Aber sicher kann man das! Ich habe nichts übrig für die Rechten, aber in einem Punkt haben sie vielleicht recht.

In welchem?

Seyder: Das Abenteuer, einen Vielvölkerstaat in Deutschland zu gründen, könnte katastrophale Folgen haben. Vielvölkerstaaten zerfallen einer nach dem anderen. Das ist ein gescheitertes Modell. Merkel will einen Vielvölkerstaat, aber solch ein Staat produziert Konflikte. Das ist etwas ganz normales.

Sie werfen deutschen Medien und Politikern zu viel Political Correctness vor. Wie sollte ein Diskurs aussehen, der unserer besonderen Vergangenheit gerecht wird?

Seyder: Ich kann mich gut an die Diskussion erinnern, ob Berlin wieder Hauptstadt werden soll. Deutsche Journalisten warnten, das könnte im Ausland als neuer Übermut interpretiert werden. Dabei war es für das Ausland ganz normal, dass Berlin nach einer Wiedervereinigung wieder Hauptstadt wird. Kein anderes Land hätte es Deutschland für Übel genommen, wenn Merkel gesagt hätte: 200 000 ist unser Limit. Die deutschen Medien übertreiben mit den Projektionen der eigenen Seele. Ein Journalist ist kein Erzieher. Ein Journalist schreibt, wie die Dinge sind. Und er hat nichts zu verheimlichen.

Von Juri Auel

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