Islamwissenschaftler fordert umfassende Anstrengungen in der Einwanderungspolitik

Interview zu Integration: "Deutsch lernen muss selbstverständlich sein"

Ralph Ghadban

Integration bedeutet mehr als nur Sprachkurse, sagt der Islamwissenschaftler Dr. Ralph Ghadban. Neben politischen Fehlern sieht er die Schuld für Anpassungsprobleme auch bei muslimischen Gemeinden, die sich in ihre eigene Welt zurückziehen.

Was ist aus Ihrer Sicht das größte Versäumnis der deutschen Einwanderungspolitik?

Zur Person

Dr. Ralph Ghadban, 1949 im Libanon geboren, ist Dozent an der Evangelischen Fachhochschule Berlin. Nach seinem Philosophiestudium in Beirut siedelte er 1972 nach Westberlin über, wo er Islamwissenschaften studierte und als Politologe promovierte. Von 1977 bis 1992 engagierte er sich in der Sozialarbeit mit arabischen Berlinern, unter anderem als Leiter der Beratungsstelle für Araber beim Diakonischen Werk Berlin. Bei der Islamkonferenz arbeitete Ghadban als politischer Berater. (ntz)

Ralph Ghadban: Es gab jahrzehntelang überhaupt keine Einwanderungspolitik. In den 1960er-Jahren hat man Millionen von Gastarbeitern nach Deutschland geholt, ohne einen Plan, was man mit ihnen macht, wenn sie nicht gerade am Fließband stehen.

Warum waren die langfristigen Probleme nicht absehbar?

Ghadban: Die Politik hat erwartetet, dass die Gastarbeiter irgendwann in ihre Heimatländer zurückkehren. Bis 1998 hat man behauptet, Deutschland sei kein Einwanderungsland. Dabei braucht man nach wie vor ausländische Arbeitskräfte – nur statt am Fließband arbeiten sie nun an Computern und Robotern.

Immerhin wurde dafür auch ein Zuwanderungsgesetz ausgearbeitet.

Ghadban: Die Diskussionen darüber haben sieben Jahre gedauert. 2005 kam dann ein Gesetz heraus, das sich hauptsächlich auf das Erlernen der Sprache konzentriert. Das ist doch keine Integrationsarbeit!

Sind ausreichende Sprachkenntnisse nicht der wichtigste Grundstein der Integration?

Ghadban: Ja, aber Sprache kann nicht alles sein. Es ist völlig selbstverständlich, dass die Leute Deutsch lernen müssen. Integration verlangt aber umfassende, energische Aktionen und kann nicht auf Freiwilligkeit basieren.

Wie sähe aus Ihrer Sicht eine umfassende Einwanderungspolitik aus?

Ghadban: Man muss sich an Einwanderungsländern wie den USA und Kanada orientieren, die unter anderem mit einer Quote arbeiten. Diese Länder werben gezielt qualifizierte Ausländer an, die sie brauchen, und ihre Einbürgerung wird beschleunigt.

Das bedeutet: Bessere Integration durch Vorauswahl?

Ghadban: Ja, die Muslime in Europa haben ein Integrationsproblem, in Nordamerika haben sie das Problem nicht. Durch die strengeren Regeln ist dort eine gebildete Mittelschicht eingewandert, die einen höheren Akademiker-Anteil hat als die einheimische Bevölkerung. hier in Europa stammen die Muslime eher aus den Unterschichten.

Fehlender Integrationswille ist also kein generelles Problem einer muslimisch geprägten Kultur?

Ghadban: Auf keinen Fall. Die vereinfachenden und rassistischen Thesen von Sarrazin hat man Ende des 19. Jahrhunderts vertreten. Es ist beschämend, dass man solche Töne heute noch hört. Das ändert aber nichts daran, dass die Probleme, die er anspricht, real sind: Es existieren bestimmte Gruppen, die wenig qualifiziert sind und sich in einer Parallelgesellschaft verbarrikadieren. Die sind schon fast nicht mehr erreichbar.

Was bedeutet denn überhaupt Leben in einer muslimisch geprägten Parallelgesellschaft?

Ghadban: Um die religiösen Zentren haben viele Gemeinden eigene Einrichtungen für alle Bereiche des Lebens geschaffen: Freizeit, Erziehung, Sport, Sozialarbeit. Diese Gesellschaft verfährt nach einem Wertesystem, das nicht das unsere ist: Sie ist ultimativ nicht an den Menschenrechten ausgerichtet, sondern am Scharia-System. Es ist eine andere Welt, völlig abgegrenzt.

Wie kann man diese Grenze durchbrechen?

Ghadban: Unter anderem muss die Erziehung unter Aufsicht des Staates stattfinden, ohne Einfluss der Gemeinden.

Also einheitliche, säkulare Pflichtkindergärten für alle?

Ghadban: Zum Beispiel. Ein eigenes Gotteshaus ist das Recht jedes Menschen, die Moscheen müssen unterstützt werden. Problematisch sind aber die Sozialarbeitsmaßnahmen drumherum. Wenn die Erziehung dort stattfindet, völlig abgekoppelt von dem Land, in dem die Kinder leben, dann wachsen sie mit einem Wertesystem auf, das nicht mit unserem kompatibel ist.

Von Simon Neutze

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