Interview zum JU-Vorschlag

Sonderabgabe für Kinderlose: „Eltern werden allein gelassen“

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Kinder mit Anoraks, Fahrrädern und Schutzhelmen. Für Familien ist praktisch alles teurer: der Urlaub, das Auto, das Wohnen, das tägliche Leben, die Mobilität.

Der Vorsitzende der Jungen Union, Paul Ziemiak, hat eine neue Familienpolitik gefordert, auch eine Sonderabgabe für Kinderlose.

Darüber sprach HNA-Nachrichtenchef Tibor Pézsa mit Dr. Johannes Resch vom Verband Familienarbeit.

Herr Dr. Resch, eine Sonderabgabe für Kinderlose, um Nachteile von Eltern auszugleichen - wie finden Sie diesen Vorschlag? 

Johannes Resch: Nicht gut. Es geht ja nicht um eine Sonderbelastung Kinderloser. Es geht darum, dass sie sich wie Eltern an der Finanzierung ihrer eigenen Alterssicherung beteiligen.

Tun sie das nicht? Sozialversicherungspflichtig beschäftigte Kinderlose zahlen ebenso Rentenbeiträge wie Eltern. 

Resch: Das schon. Aber die Rentenbeiträge werden umgehend von den heutigen Rentnern verbraucht. Die eigenen Renten der heute Erwerbstätigen werden ausschließlich von deren Kindern finanziert. Die Voraussetzungen dafür werden also auch ausschließlich durch Kindererziehung erarbeitet.

Also ist die Ungerechtigkeit systembedingt? 

Resch: Ja, bei einer kapitalgedeckten Altersvorsorge bekommt der Rentner verzinst das Geld zurück, was er früher eingezahlt hat. Beim Umlageverfahren der gesetzlichen Rentenversicherung wird aber nichts angespart. Da sind die Kinder das einzige Kapital, das die späteren Renten ermöglicht.

Wenn die Kinder nur die Altersversorgung ihrer Eltern sichern müssten... 

Resch: … dann wäre ein echter Generationenvertrag einzuhalten. Denn wenn es weniger Kinder gibt, haben sie auch weniger Eltern zu versorgen. Da aber die Kinder neben ihren Eltern auch noch die kinderlosen Rentner mitfinanzieren müssen, ist die nachfolgende Generation überfordert. Unser System benachteiligt also nicht nur die Eltern, sondern auch die jeweils junge Generation.

Viele Menschen wünschen sich Kinder und können sie nicht bekommen. Würden die nicht doppelt bestraft, wenn sie für Kinderlosigkeit bezahlen müssten? 

Resch: Es geht nicht um Bestrafung. Völlig unabhängig vom persönlichen Schicksal geht es um eine faire Lastenverteilung. Heute erarbeiten allein die Eltern die Voraussetzungen für die Renten ihrer Generation, erhalten aber keine entsprechende Gegenleistung.

Wann ist das Problem entstanden? 

Resch: Eine falsche Weichenstellung erfolgte schon unter Adenauer mit der Rentenreform 1957. Damals wurde der Gewinn aus der Kindererziehung entschädigungslos vergesellschaftet - nach dem Motto: Kinder kriegen die Leute sowieso. Das hat Adenauer bei den Alten viele Stimmen gesichert und ging so lange gut, so lange sich die Eltern übertölpeln ließen. Aber wenn alle von der Kindererziehung profitieren, dann sollten sich auch alle an den Kosten beteiligen. Weil das systematisch ignoriert wurde, musste es zu einer relativen Verarmung der Familien kommen, die auch statistisch nachweisbar ist.

Familien werden aber doch vielfach gefördert, etwa durch die beitragsfreie Mitversicherung oder das Kindergeld. Auch die Pflegeversicherung ist für Kinderlose ein bisschen teurer als für Eltern. Reicht das alles zusammen nicht? 

Resch: Nein, unterm Strich haben wir eine hohe Kinderlosenförderung. Frei nach Jürgen Borchert holt der Staat den Familien die Sau vom Hof und spendiert stolz zwei Koteletts zurück. Der Lastenausgleich für Familien gleicht nur etwa ein Drittel des Nachteils aus, der für Eltern durch unser Alterssicherungssystem geschaffen wurde.

Wie stellen Sie sich eine gerechtere Verteilung vor? 

Resch: Dass Kinder heute ein Armutsrisiko sind, ist eine Folge unseres Sozialsystems. Deshalb muss die Korrektur auch hier ansetzen. Die Umlagesysteme für Kindererziehung und für Rentner müssen einen gleichen Umfang haben, weil sich beides bedingt wie Arbeit und Lohn. Das heutige System hat Kinderlosigkeit zu einer Art Geschäftsmodell für ein leichtes Leben auf Kosten der Eltern gemacht. Die Betrogenen in diesem System sind die Eltern mehrerer Kinder. Die Schuld dafür darf aber nicht den Kinderlosen zugeschoben werden. Schließlich haben sie nicht allein unsere Gesetze gemacht.

Was schlagen Sie vor?

Resch: Wichtig ist, dass es keine Bevorzugung gibt, weder von Kinderlosen noch von Eltern. Ich bin für eine staatliche Grundsicherung für Erziehende und Kinder sowie eine erwerbsbezogene Grundsicherung im Alter und eine kinderzahlbezogene Elternrente. Kinderlose müssten sich anders als Eltern eine Zusatzrente selbst ansparen.

Dr. Johannes Resch (74) ist stellvertretender Vorsitzender des Verbands Familienarbeit. Der Verband entwickelte sich aus der 1979 gegründeten Deutschen Hausfrauengewerkschaft e.V. und hat zum Ziel, die Leistung von Arbeit in den Familien sichtbarer zu machen. Der gebürtige Sachse, der 1958 als Siebzehnjähriger mit seinen Eltern in den Westen floh, arbeitete nach dem Medizinstudium in Mainz und Tübingen als Neurologe und Psychiater, später bis zu seiner Pensionierung 2006 als Leitender Arzt am Versorgungsamt Karlsruhe. Resch ist verheiratet und Vater dreier erwachsener Kinder. 

www.johannes-resch.de

www.familienarbeit-heute.de

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