HNA-Interview

Spuren der Griechenland-Krise bei Politikern: „Belastung ist  sichtbar“

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Sichtlich erschöpft: (rechts) Bundeskanzlerin Angela Merkel (60, CDU) vorgestern in Belgrad. Nachdem sie am Dienstag nach den Verhandlungen zu Griechenland um 23 Uhr in Brüssel eine Pressekonferenz gegeben hatte, startete sie am Mittwoch zu einem zweitägigen Staatsbesuch auf den Balkan, bevor am heutigen Freitag wieder über Griechenland beraten wird. In der Ukraine-Krise legte Merkel einmal innerhalb einer Woche 20.000 Kilometer zurück. Ihr Tag beginnt üblicherweise um 6 Uhr – Ende offen.

Die Griechenland-Krise hinterlässt Spuren bei den europäischen Spitzenpolitikern. Einigen sieht man die Anstrengung inzwischen an. Welche Eigenschaften Politiker mitbringen müssen, um ihren Job zu schaffen, erläutert Politikberater Dirk Metz.

In der Griechenland-Krise müssen die Politiker einen außergewöhnlichen Verhandlungsmarathon bewältigen. Gehen Spitzenpolitiker mit Stress anders um als normale Arbeitnehmer? 

Dirk Metz: Eindeutig ja. Der Beruf des Politikers, insbesondere, wenn er mit hoher Regierungsverantwortung versehen ist, bedeutet nicht nur eine geistige Herausforderung. Es gehört auch eine ausgezeichnete körperliche Konstitution dazu.

Kann man sich das antrainieren? 

Metz: Eine gute Konstitution sollte man schon mitbringen, diese ist auch ein Kriterium im Ausleseprozess in der Politik. Wer in solche Ämter kommt, hat ja in der Regel zuvor andere politische Ämter innegehabt. Der Mensch kommt schließlich nicht als Bundeskanzlerin zur Welt. Das sind Entwicklungsschritte, in denen Politiker lernen, mit solchen Situationen und den damit verbundenen Belastungen umzugehen. Die Fitness gehört dazu.

Sportliche Aktivitäten sind von der Kanzlerin aber nicht bekannt. 

Metz: Die Belastbarkeit muss da sein, man muss diese Belastungen erst einmal aushalten können. Wie sich jemand dann fit hält, ist eine andere Sache. Der eine regeneriert beim Sport, der andere in einem Konzert. Angela Merkel hat nicht von Anfang an einen 16-Stunden-Tag gehabt, sie hat sich an dieses Höchsttempo auch gewöhnen können. Der Politiker-Beruf birgt aber gesundheitliche Risiken.

Bei Sitzungsmarathons wie jetzt in Brüssel: Was essen die Politiker, was trinken sie? 

Anspannung: EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker (60) am 1. Juli in Brüssel.

Metz: Ich habe erlebt - das mag in früheren Jahrzehnten anders gewesen sein -, dass Politiker sich bei Alkohol sehr, sehr zurückhalten, damit sie konzentriert sind, und auch mit Maßen essen. Wichtig ist ebenfalls: Politiker müssen abschalten können, und sie müssen schnell schlafen können. Roland Koch zum Beispiel konnte quasi auf Knopfdruck einschlafen. Das wird auch von Helmut Kohl erzählt.

In der Griechenland-Krise strömen den ganzen Tag unablässig Informationen auf die Spitzenakteure ein. Warum sind sie nicht nach einigen Stunden geistig erschöpft? 

Metz: Diese Ämter erfordern eine hohe Konzentrationsfähigkeit, die Fähigkeit, sich schnellstmöglich in Akten und Zahlen einzuarbeiten - und dabei wichtig von unwichtig unterscheiden zu können. Und dann denkt man über die Belastung nicht mehr groß nach, sondern ist Teil eines Hamsterrades.

Welche Aufgaben übernehmen in solchen Situationen Berater und Assistenten? 

Ernst: Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (72, CDU) am 1. Juli im Bundestag.

Metz: In Krisen müssen ständig Termine hin und hergeschoben werden, da helfen Mitarbeiter. Sie müssen in laufenden Verhandlungen ebenfalls sehr schnell wichtige Informationen organisieren, Zahlen und Fakten prüfen. Es ist wichtig, Mitarbeiter mit hohem Sachverstand schnell einschalten zu können.

Die Politiker stehen im Moment unter medialer Dauerbeobachtung. Werden sie dafür trainiert? 

Metz: Spitzenpolitiker lernen das in aller Regel nicht in Schulungen, sondern durch das Sammeln von Erfahrung. Eine Angela Merkel weiß natürlich, wie sie zu gucken hat, wenn sie aus einem Konferenzraum kommt. Wenn die Lage schwierig ist, wird sie ganz sicher das Publikum nicht anstrahlen, selbst wenn jemand einen Scherz gemacht haben sollte. Politiker wissen in aller Regel, dass sie auch mit ihrer Optik in solchen Situationen Botschaften senden.

Warum halten sie eine solche Anspannung durch? Ist Politik eine Sucht? 

Metz: Es ist eine Aufgabe, die man wollen und die einem Spaß machen muss. Sie müssen Freude am Mitgestalten und am Entscheiden haben. Ich denke aber, dass Merkel, Schäuble, Gabriel und Steinmeier die enorme Verantwortung, die auf ihnen lastet, im Moment besonders spüren und wahrnehmen. Sie wissen, dass es für Europa und für Deutschland um unglaublich viel geht. Das ist eine Situation, da wäre keiner von diesen Vieren so verantwortungslos, um zu sagen: Die Belastung ist mir zu hoch, ich schmeiße die Brocken hin. So etwas macht nur Herr Varoufakis.

Ist die Griechenland-Krise die normale Härte eines Politikerlebens? 

Metz: Es ist im Moment eine extrem belastende Situation. Aber: Das Politikerleben ist oft anstrengend. Die Belastung ist derzeit noch höher, aber der Unterschied ist vor allem: Die Belastung ist jetzt für uns alle sichtbar.

Zur Person 

Dirk Metz

Dirk Metz (58), gelernter Zeitungsjournalist, war von 1999 bis 2010 Staatssekretär in der Hessischen Staatskanzlei und Regierungssprecher. Der Politologe arbeitet heute als Kommunikationsberater in Frankfurt. Der gebürtige Südwestfale ist verheiratet und seit dieser Woche Aufsichtsratmitglied des FC Schalke 04.

Live-Ticker zur Griechenland-Krise

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