Miriam Rürup, Direktorin des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden

Interview: KZ-Überlebende suchten „nach Halt und Hoffnung“

Chanukka-Fest in Bergen Belsen: Nur 1,5 Kilometer entfernt von den Massengräbern des Konzentrationslagers entstand 1945 in einem Camp für „Displaced Persons“ (DP) eine der ersten jüdischen Gemeinden Deutschlands nach dem Krieg. Foto: Wiener Library , London, aus der NDR-Dokumentation „Warten auf die Heimat“

Ausgemergelte Überlebende und Berge von Leichen - die Bilder aus den befreiten Konzentrationslagern der Nazis haben sich eingebrannt ins kollektive Bewusstsein. Für die Häftlinge, die das Glück hatten, die letzten Wochen der SS-Herrschaft zu überleben, war das eigene Leben gerettet, und doch war die Zukunft ungewiss: Wer kümmerte sich um sie? Wohin sollten sie gehen?

Millionen von ehemaligen KZ-Häftlingen, Zwangsarbeitern und andere Verschleppten waren in der unmittelbaren Nachkriegszeit als „Displaced Persons“ (DP) in Camps interniert. Internationale Hilfsorganisationen kümmerten sich um sie und versuchten, Familien wieder zusammenzuführen.

Darüber sprachen wir mit Dr. Miriam Rürup, der Direktorin des Hamburger Instituts für die Geschichte der deutschen Juden.

Wie ging die Rückkehr der überlebenden Juden vonstatten? 

Miriam Rürup: Die Infrastruktur in Deutschland war so zerstört, dass sich niemand auf eigene Faust auf den Heimweg machen konnte. Vor allem aber waren die meisten überlebenden KZ-Insassen dafür körperlich viel zu schwach, viele mussten noch monatelang in Lagern bleiben, wo sie von internationalen Hilfsorganisationen unterstützt wurden.

Ein weiteres Problem war, dass die meisten KZ-Insassen keine Papiere hatten, mit denen sie nachweisen konnten, wo man hin musste. Und eine große Zahl wollte überhaupt nicht zurückkehren: Ihre Familien waren ermordet, man wusste nicht, wer jetzt in den ehemaligen Wohnungen wohnte, man wollte nicht im Land der Mörder leben.

Die Rückkehr der überlebenden Juden zu organisieren, war für die Alliierten nicht das einzige Problem?

Rürup: Nein, sie hatten noch während des Krieges aufgelistet, welchen Gruppen geholfen werden musste: Neben den KZ-Insassen waren das rund sechs Millionen Zwangsarbeiter und zwei Millionen Kriegsgefangene. Von diesenacht Millionen so genannten Displaced Persons waren im September 1945 noch 1,2 Millionen auf deutschem Boden, den anderen hatte man die Rückkehr in ihre Heimatländer ermöglicht.

Was bedeuteten die durch Verfolgung und Internierung in Konzentrationslagern erlittenen Traumata für die Überlegungen der überlebenden Juden, nach Deutschland zurückzukehren beziehungsweise hierzubleiben? 

Rürup: Tatsächlich wurde in den ersten Monaten und Jahren davon ausgegangen, dass nach dem Erlebten kein Jude mehr in Deutschland bleiben wollte. Und auch nur wenige polnische Juden wollten zurück, weil sie in ihrer Heimat sogar mit Pogromen rechnen mussten. Deshalb wanderten Tausende nach Palästina aus. Es blieben dann aber doch viele Juden hier in Deutschland.

„Viele Juden haben schnell eine neue Familie gegründet um klarzumachen: Das Geschehene lassen wir so nicht stehen.“

Welche Erklärung gibt es dafür? 

Rürup: Sie hatten hier lange in Frieden gelebt, sie beherrschten die Sprache, sie wollten in das alte soziale und berufliche Umfeld zurückkehren. Sie suchten nach etwas, was ihnen Halt und Hoffnung nach der Katastrophe gab, und das war nun mal oft Deutschland als emotionale Heimat, nicht so sehr Deutschland als Staat. Viele blieben deshalb bewusst als Staatenlose hier leben und beantragten auch keinen Pass.

Wie wurden die Juden von der nichtjüdischen Bevölkerung aufgenommen, die ja selbst in zertrümmerten Städten leben und oft Hunger erleiden musste? 

Rürup: In der direkten Nachkriegszeit wurden die Rückkehrer bestenfalls skeptisch beäugt. Als völlig mittellose Displaced Persons erhielten sie bessere Verpflegungsrationen, was zum Beispiel für Unmut sorgte. Das lässt aber außer Acht, dass diese Menschen traumatisiert und heimatlos waren und dringend auf jegliche humanitäre Hilfe angewiesen waren.

Und wie sah es später aus?

Rürup: Ich bin immer wieder überrascht über Berichte, wie unsensibel Behörden gegenüber Juden auftraten. Ein ständiges Konfliktfeld war der Schwarzmarkt, an dem sich auch Juden beteiligten. In München und Stuttgart gab es immer wieder Razzien und Verhaftungen. Da fehlte der Polizei oft moralische Sensibilität.

Hat es nach der deutschen Kapitulation eigentlich Racheakte gegeben, wie sie in den von Nazi-Deutschland besetzten Gebieten vorkamen?

Rürup: Die Fantasie von Rache gab es durchaus. Aber die Furcht der nichtjüdischen Bevölkerung war erheblich stärker als die tatsächliche Rachegefahr. Zumal die überlebenden Juden dazu physisch und emotional kaum in der Lage waren. Rache drückte sich eher symbolisch aus. Zum Beispiel, wenn überlebende Juden ausgerechnet auf dem Hof des ehemaligen „Stürmer“-Herausgebers Julius Streicher einen Kibbuz gründeten.

Heute erhält jedes Unfallopfer und jeder Afghanistanheimkehrer relativ schnell psychologische Hilfe - wie sah das nach 1945 für die traumatisierten Juden aus?

Rürup: Solche Hilfe gab es nicht. Es gab in den Lagern für Displaced Persons zwar erste Hilfen in sozialer und psychologischer Hinsicht, aber das war nicht mit professioneller Hilfe heute zu vergleichen. Was es aber schnell gab, war, dass die Juden der Trauer eine Struktur gaben: Man fand sich zum Gedenken an die Opfer, zum Gottesdienst und zum Totengebet zusammenfanden.

Gab es auch Schuldgefühle?

Rürup: Ja. Vor allem in Israel findet man noch heute viele Menschen, die es schlecht aushalten, allein überlebt zu haben, die sich fragen: Warum hatte ich Glück und meine Angehörigen nicht? Viele andere haben schnell eine neue Familie gegründet um klarzumachen: Das Geschehene lassen wir so nicht stehen.

Nahmen die Juden sogleich an dem wieder entstehenden gesellschaftlichen Leben teil oder blieben sie lieber unter sich?

Rürup: Das war sehr unterschiedlich. In Frankfurt nahmen Juden von jeher am gesellschaftlichen Diskurs teil. Eines aber war für alle Juden stets klar: Die Debatte über Vergangenheitsbewältigung müssen die deutschen Nichtjuden unter sich führen.

Juden in Deutschland

1933 bei Machtantritt der Nazis lebten 500 000 Juden in Deutschland. Etwa zwei Drittel wanderten - vor allem nach den Novemberpogromen 1938 - aus. Bei Kriegsausbruch lebten etwa 220.000 Juden in Deutschland.

15.000 von ihnen überlebten - in Konzentrationslagern, versteckt im Untergrund oder weil Ehepartner Nichtjuden waren.

1990 beim Zusammenbruch der kommunistischen Systeme lebten in Deutschland nur noch 30 000 Juden. Durch Zuwanderung vor allem aus Osteuropa sind in den jüdischen Gemeinden inzwischen wieder 102 000 Juden registriert.

Zur Person

Miriam Rürup

Dr. Miriam Rürup (41), in Karlsruhe geboren, studierte in Göttingen, Tel Aviv und Berlin Geschichte, Soziologie und Europäische Ethnologie. Sie promovierte 2007 mit einer Arbeit zum Thema "Ehrensache. Jüdische Studentenverbindungen an deutschen Universitäten (1886 - 1937)". Rürup arbeitete unter anderem beim Deutschen Historischen Institut in Washington, wo sie zur Geschichte der Staatenlosigkeit geforscht hat. Seit 2012 ist sie Direktorin des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden in Hamburg. Sie ist verheiratet und lebt in Hamburg und Berlin.

Stichworte

Displaced Persons

Der Begriff Displaced Person (englisch für eine "Person, die nicht an diesem Ort beheimatet ist") wurde im Zweiten Weltkrieg vom Hauptquartier der alliierten Streitkräfte geprägt. Damit wurde eine Zivilperson bezeichnet, die sich kriegsbedingt außerhalb ihres Heimatstaates aufhielt und ohne Hilfe nicht zurückkehren oder sich in einem anderen Land neu ansiedeln konnte. DPs waren also vor allem ehemalige KZ-Insassen, Zwangsarbeiter und Zwangsverschleppte der nationalsozialistischen Herrschaft, die vornehmlich aus osteuropäischen Staaten, aber auch aus ganz Europa stammten und sich bei Kriegsende in Deutschland bzw. in den befreiten Konzentrationslagern der Nazis aufhielten.

Heute bewahrt vor allem der in Bad Aroslen beheimatete International Tracing Service (ITS) die Erinnerung an die Namen der Opfer der Nazi-Verfolgung. Der Suchdienst beantwortet Anfragen von Überlebenden und Familienangehörigen und nutzt das Archiv für die Forschung und Bildung. In den Archivräumen des ITS werden 30 Millionen Dokumente verwahrt. www.its-arolsen.org

Luxemburger Abkommen

Das Luxemburger Abkommen (auch Wiedergutmachungsabkommen genannt) ist ein am 10. September 1952 geschlossenes Übereinkommen zwischen der Bundesrepublik Deutschland auf der einen Seite sowie Israel und der Jewish Claims Conference (JCC) auf der anderen. Inhalt des Abkommens waren Zahlungen, Exportgüter und Dienstleistungen im Gesamtwert von 3,5 Milliarden DM, um die Eingliederung mittelloser jüdischer Flüchtlinge zu unterstützen, sowie die Selbstverpflichtung der Bundesrepublik zur Rückerstattung von Vermögenswerten.

Die Jewish Claims Conference ist immer wieder kritisiert worden, weil sie das Geld nicht an die jüdischen Opfer ausgezahlt habe. Die JCC wies zu ihrer Rechtfertigung darauf hin, dass es nicht um individuelle Entschädigungsleistungen gegangen sei, sondern um Globalzahlungen. Daher die Mittelvergabe an Krankenhäuser, Altersheime und Kultusgemeinden.

Entschädigung

Die Entschädigung der Nazi-Opfer kam nur langsam in Gang, und sie blieb in Teilen unbefriedigend. Ein erster Schritt war 1953 das Bundesergänzungsgesetz, eine Regelung für die Entschädigung der an Leben, Körper und Gesundheit, Freiheit, Eigentum und Vermögen erlittenen Einbußen. Allerdings waren nur deutsche Staatsangehörige antragsberechtigt. In dem Gesetz wurde die Entschädigungssumme auf fünf Mark pro Tag "Freiheitsentzug", der in einem KZ, Ghetto oder Zuchthaus verbracht wurde, festgelegt.

Seit 1998 wurden in den USA zahlreiche Sammelklagen auf Entschädigung von Zwangsarbeitern eingereicht. Der ungewisse Ausgang solcher Klagen führte 2000 zur Gründung der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft. Diese soll das Kapital von 10 Milliarden DM, das von Industrie und Bund aufgebracht wurde, an Zwangsarbeiter in osteuropäischen Staaten, Israel und den USA auszahlen.

Von Wolfgang Blieffert

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