„Freiheit besiegt die Angst“

HNA-Interview: Margot Käßmann über den Sinn des Reformationstages

Kassel. Am Reformationstag erinnern sich evangelische Christen an den Thesenanschlag Martin Luthers 1517 an die Tür der Wittenberger Schlosskirche. Dieses Ereignis gilt als Beginn der Reformation. Über die Bedeutung des Reformationstages sprachen wir mit Margot Käßmann, EKD-Botschafterin für das Reformationsjubiläums 2017.

Ob Supermarkt oder Einkaufszentrum: Überall beschleicht einen das Gefühl, die Nacht vom 31. Oktober auf den 1. November gehöre den Hexen, Geistern und Gespenstern. Warum wird dagegen der Reformationstag nur wenig wahrgenommen?

Margot Käßmann: Es ist in der Tat ein Trauerspiel. Für unser Land ist der Reformationstag kulturell bedeutsam. Er steht ja für den Freiheitsgedanken. Das ist wichtiger als irgendwelche Angst-Mythen. Luther hat den Menschen klargemacht: Freiheit besiegt die Angst vor Hexen, Hölle und Teufel.

Hat sich die Bedeutung des Tages sozusagen ins Gegenteil umgekehrt?

Käßmann: Wer etwas gegen Halloween sagt, gilt immer gleich als Spaßverderber. Dabei gibt es den Brauch erst seit über 20 Jahren. 1991 war es so, dass Karneval- und Fastnachtsfeiern wegen des ersten Irak-Krieges abgesagt wurden. Daraufhin hat die Spielwarenindustrie überlegt, wie können wir noch ein Geschäft machen zwischen Sommerpartys und Weihnachtsfeiern.

Wie kann sich die evangelische Kirche wehren?

Käßmann: Naja, wir versuchen auch ein bisschen humorvoll darauf einzugehen. Es gibt inzwischen orangefarbene Bonbons mit einem augenzwinkernden Luther. Nur so ist es möglich damit umzugehen.

Der Reformationstag wird im Jubiläumsjahr 2017 wahrscheinlich ein bundesweiter Feiertag. Die Mehrheit der Bundesländer ist zumindest dafür. Was halten sie davon? 

Käßmann: Ich befürworte das, weil wir ja an ein Ereignis erinnern, das unser Land und darüber hinaus die ganze Welt geprägt hat. Feiertage sind Tage zum Feiern, aber auch zum Besinnen. Der 31. Oktober müsste immer Feiertag sein, wie in den fünf ostdeutschen Flächenländern.

Die Reformation stehe für einen Aufbruch von Freiheit, sagen Sie. Wofür steht der Reformationstag denn noch? 

Käßmann: Er steht dafür, dass der Einzelne auch in Verantwortung genommen wird, das eigene Gewissen zu schärfen. Er steht für Bildung für alle, was sehr aktuell ist. Luther wollte, dass jedes Mädchen, jeder Junge, gleich welcher Herkunft, Lesen und Schreiben lernt, und er steht sicher auch für Sprache und den Umgang mit diesem Kulturgut.

Was meinen sie damit, dass jeder in Verantwortung genommen wird? 

Käßmann: Luther stand vor dem Reichstag zu Worms, 1521, sollte widerrufen und er hat gesagt: Wenn ich nicht von der Bibel und durch die Vernunft widerlegt werde, stehe ich zu meinen Thesen. Ein Individuum stellte sich wegen seiner Gewissensüberzeugungen gegen Kaiser und Reich, wie es symbolisch heißt, das mutet schon sehr modern an

Das heißt, der Tag hat auch damit zu tun, dass wir die Verantwortung übernehmen für unser eigenes Handeln. 

Käßmann: Ja, für das eigene Reden und Handeln aus dem Gewissen heraus.

In den Gottesdiensten wird an Luthers Erkenntnis erinnert: Der Mensch wird allein durch die Gnade Gottes von seinen Sünden freigesprochen. Ist der Fokus auf die Sünde noch zeitgemäß? 

Käßmann: Wahrscheinlich würde heute niemand mehr Luthers Frage wiederholen: Wie finde ich einen gnädigen Gott? Aber seine Antwort ist genauso relevant wie damals – vielleicht sogar noch relevanter, weil er gesagt hat: Nichts, was du tust oder leistest, macht dich aus, dein Lebenssinn ist dir schon von vornherein zugesagt. Und das ist in einer Welt, wie wir sie heute erleben, einer Welt der Erfolgreichen und des Leistungsdrucks, auch eine Freiheitsbotschaft, die heißt: Auch wenn du nicht so schön bist wie Heidi Klums Models, wenn du deinen Arbeitsplatz verlierst, alt und pflegebedürftig bist, dein Leben hat einen Sinn.

Aber ist das Freisprechen von Sünden für die heutigen Menschen überhaupt noch ein Thema? 

Käßmann: Sünde meint die Entfremdung von Gott, von sich selbst und vom erfüllten Leben. Viele Menschen kämpfen mit Belastungen, etwa durch Scheitern, Fehler, oder Angst, die Lebenszeit nicht richtig genutzt zu haben. Die Freiheit Luthers war, dass wir unser Lebenskonto gar nicht in die roten Zahlen bringen können, sondern, dass unserem Leben die schwarzen Zahlen durch Gott schon gutgeschrieben sind. Er macht uns frei von Leistungsansprüchen.

Liegt der Bedeutungsverlust des Reformationstages auch daran, dass er anders als Weihnachten oder Ostern kein Familienfest ist? 

Käßmann: Wir müssten ihn vielleicht ein bisschen mehr zu Thanksgiving machen wie in den USA, wo die Familie tatsächlich zusammen kommt. Ich denke, wir schaffen es 2017, die Botschaft Luthers wieder so zu übersetzen, dass die Menschen sehen: Das geht mich persönlich etwas an.

Das Interview führte Nina Nickoll

Hintergrund: Martin Luther und seine 95 Thesen

Mit Gottesdiensten und Konzerten feiern evangelische Christen am 31. Oktober den Beginn der kirchlichen Erneuerung (lateinisch: Reformation) durch Martin Luther (1483-1546). Unser Foto zeigt sein Denkmal auf dem Marktplatz in Wittenberg. Dort soll er am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche geschlagen haben.

Hier sehen Sie die 95 Thesen im Wortlaut.

Darin kritisierte er den Ablasshandel zum Sündenerlass, mit dessen Einnahmen der Petersdom erneuert werden sollte. Luther sah darin einen Missbrauch und rief zur Rückbesinnung auf Kernaussagen Evangeliums auf. Dies gilt als Beginn der Reformation in der Welt und somit des Protestantismus. Bis heute ist umstritten, ob Luther tatsächlich 95 Thesen an die Tür genagelt hat. Mit seinen Bibelübersetzungen machte er biblische Inhalte dem einfachen Volk zugänglich. Protestanten verwenden die neuaufgelegte Lutherbibel bis heute. (dpa/nni)

Hintergrund: Zahl der Christen in Deutschland

Zwei Drittel der rund 80 Millionen Deutschen gehören einer der beiden großen Kirchen an. 24 Millionen davon sind Katholiken, 23 Millionen Menschen Mitglieder der evangelischen Kirche (Stand Ende 2012). Mehr als ein Drittel der Deutschen ist entweder konfessionslos oder andersgläubig. Die Zahl der Muslime schätzte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 2009 auf vier Millionen Menschen. 

Zur Person: Margot Käßmann

Prof. Margot Käßmann (56) ist Botschafterin des Rates der EKD für das Reformationsjubiläum 2017 und ehemalige hannoversche Landesbischöfin. 2009 wurde die promovierte Theologin als erste Frau an die Spitze der EKD gewählt. Von ihrem Vorsitz trat sie im Februar 2010 zurück. Sie war alkoholisiert über eine rote Ampel gefahren und dabei von der Polizei erwischt worden.

Käßmann, in Marburg geboren, war von 1985 an zwei Jahre Gemeindepfarrerin in Frielendorf-Spieskappel. Später war sie Studienleiterin an der Evangelischen Akademie Hofgeismar. Käßmann ist geschieden und Mutter von vier Töchtern.

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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