Interview mit Medienforscher über Guttenberg: „Das ist einfach zu viel.“

Über die Plagiatsvorwürfe gegen Karl-Theodor zu Guttenberg, der seine Doktorarbeit gefälscht haben soll, sprachen wir mit Medienforscher Dr. Stefan Weber.

Was hat Karl-Theodor zu Guttenberg aus Ihrer Sicht falsch gemacht?

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Dr. Stefan Weber: Zum wissenschaftlichen Grundwerk gehören die Kennzeichnung eines Zitats mit Anführungszeichen und der Literaturbeleg im Text. Im Fall Guttenbergs reden wir nicht nur von einigen nicht korrekten Zitaten. Seine Einleitung hat er plump aus der FAZ abgeschrieben, ohne Anführungszeichen und Literaturbeleg im Text. Die Quelle nennt er überhaupt das erste Mal am Ende im Literaturverzeichnis. Er muss aber direkt am Text auf die Literatur verweisen, tut er das nicht, und zwar wiederholt, dann ist seine Arbeit ein Plagiat.

Mit welchen Folgen hat Guttenberg zu rechnen?

Weber: Bei ihm geht es um die Fragen: Täuschungsabsicht - ja oder nein? Wenn ja, Titelaberkennung - ja oder nein? Darüber hinaus muss, im schlimmsten Fall für ihn und im besten Fall für die Wissenschaft, diese Arbeit aus den Bibliotheken eingezogen werden und auch das Buch von Guttenberg vom Markt verschwinden.

Nach all dem, was über Guttenbergs Dissertation bekannt geworden ist, sollte ihm aus ihrer Sicht der Titel aberkannt werden?

Weber: Ein klares Ja. Es wurden ja bereits jetzt, einen Tag nach Bekanntwerden der Vorwürfe, fast 30 Plagiatsstellen gefunden im Umfang von jeweils bis zu 100 Zeilen am Stück. Das ist einfach zu viel. Und die Täuschungsabsicht ist am Text selbst nachweisbar, etwa durch das minimale Umschreiben unzitierter Originaltexte.

Ist Guttenberg ein Einzelfall?

Weber: Ich habe bislang mehr als 300 Arbeiten überprüft. Rund 80 davon enthielten Plagiatstellen, mindestens einen Absatz lang. Elf Arbeiten waren so deutlich plagiiert, dass in der Folge der Grad widerrufen wurde. Dabei handelte sich um einen Bachelor -, vier Magister- und sechs Doktorgrade. Zwei Fälle waren in Deutschland, neun in Österreich. Ich begutachte nur die Arbeiten, die bereits angenommen wurden, nie solche im Entstehungsstadium.

Was sagen die ursprünglichen Begutachter dazu?

Weber: In den meisten Fällen ziehen sie leider den Kopf ein. Es ist natürlich unangenehm für die Betreuer, wenn ich aufdecke, dass sie die Arbeiten nicht genau oder im schlimmsten Fall gar nicht gelesen haben.

Können Sie Beispiele geben?

Weber: Ich habe Fälle von Diplomarbeiten geprüft, bei denen die ersten 50 Seiten so plump aus dem Internet kopiert wurden, dass selbst doppelte Leerzeichen und Tippfehler übernommen wurden. Damit kann ich den Nachweis erbringen, dass der Betreuer die Arbeit nicht gelesen hat. Sonst wäre ihm sofort aufgefallen, dass ein völlig anderer Schreibstil vorliegt, als auf den nächsten 50 Seiten.

Aus Ihrer Erfahrung, wie viele Fälle von Plagiaten in wissenschaftlichen Arbeiten treten auf?

Weber: Ein Prozent der Arbeiten enthalten so viele Plagiate, dass man den Titel widerrufen müsste. Das ist eine Schätzung aus einer meiner Studien in Österreich, eine Stichprobe von 125 Diplomarbeiten in den Jahren 2002 bis 2007.

Wie untersuchen Sie die Arbeiten?

Weber: In zwei Stufen. Mit der Buchsuche* von Google überprüfe ich die Arbeit, indem ich Textpassagen eingebe. Wenn sich Treffer für bestimmte Literatur ergeben, überprüfe ich anhand der Bücher die Passagen. In manchen Fällen stellt sich dann heraus, dass seitenweise abgeschrieben wurde.

Ich sage immer, das Internet schlägt jetzt zurück. Zwischen 1999 und etwa 2005 war es eher einfach, ein Plagiat zu erstellen. In den vergangenen drei Jahren wurde es aber auch immer einfacher, das Plagiat zu entdecken, mit Hilfe des Internets.

Buchsuche mit Google

Mit der Suchmaschine books.google.de kann man neben der Suche nach Buchtiteln auch Zitate und ganze Textpassagen identifizieren. Gibt man in der Suchmaske Sätze oder Stichpunkte ein, findet das Programm die Bücher, aus denen das Zitat stammt.

Zur Person:

Dr. Stefan Weber wurde 1970 in Salzburg geboren. Er ist Medienwissenschaftler und Publizist. Seit 2002 befasst er sich wissenschaftlich mit Plagiaten. 2005 habilitierte er an der Universität Wien. Er lebt mit seiner Lebensgefährtin und seinen beiden Kindern in Dresden und Salzburg.

Von Susanne Weidner

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