Interview zu Merkel: „Imperialismus mit Tarnkappe"

Nur die Macht im Blick? Gertrud Höhler jedenfalls beschreibt die Kanzlerin so. Foto: dpa

Die Kritik an Kanzlerin Merkel und ihrer Flüchtlingspolitik wird lauter. Darüber sprachen wir mit der Publizistin Gertrud Höhler, Autorin eines kritischen Buches über Angela Merkel.

Angela Merkel bediene die Sehnsucht der Deutschen nach Sorglosigkeit, schreiben sie in ihrem Buch „Die Patin“. Nun propagiert sie mit ihrer „Wir schaffen das“-Rhetorik einen Kurs, der zunehmend auf Ablehnung stößt. Hat Merkel ihren politischen Instinkt verloren? 

Gertrud Höhler: Im Gegenteil: Sie sieht die Besorgnis der Bürger und versucht, diese Sorgen zu übertönen durch ihre Humanitas-Melodie: Wir schaffen das, wir sind die Besten auf der Welt, jetzt nicht in Technik, Industrie und Autos, sondern bei Empathie und Freundlichkeit. Diese Rhetorik ist aber eine gigantische Unterschätzung von Problemen, die uns noch Jahrzehnte begleiten werden. Sie bringt sogar - was bei ihr ja äußerst selten ist - Gott ins Spiel, der uns das Problem auf den Tisch gelegt habe.

Warum hat sie dieses Bild gewählt? 

Höhler: Weil das Schicksalhafte bei den Deutschen immer gut ankommt. Das hat auch zu tun mit Merkels eigenem Hang zum Fatalismus. Sie nimmt sehr oft hin, was scheinbar nicht zu ändern ist. So wurde den Bürgern auch im Fall der russischen Aggression gegen die Krim und die Ostukraine das Gefühl vermittelt, man könne außer ein paar Sanktionen eh nichts tun. Dabei hätte mehr Widerstand geleistet werden müssen, aber das wollte Merkel weder Putin noch ihren Bürgern zumuten.

Was treibt die Kanzlerin in der Flüchtlingsfrage an? 

Höhler: Es ist wie stets bei ihr der absolute Wille zur Macht. Sie betreibt einen Imperialismus mit Tarnkappe. Sie marschiert nirgendwo ein, sondern lässt einwandern, und erreicht damit Anerkennung im Weltformat. Sie erweist sich erneut als Königin im Wahrnehmen von Gelegenheiten, die ihr weiteren Machtzuwachs bescheren.

Aber viele Beobachter erwarten doch eher das Gegenteil. Merkels Haltung stößt doch zunehmend auf Skepsis. 

Höhler: Mehr als Euro-Rettung und Milliardenhilfe für Griechenland greift die Flüchtlingskrise ins persönliche Erleben der Bürger ein. Die Probleme rücken den Menschen nah auf den Leib. Aber wir sollten nicht vergessen, dass Merkel mächtige Verbündete hat, denken Sie nur an die Medien mit ihren vielen herzzerreißenden Geschichten über Flüchtlinge und ihr Schicksal.

Aber über Probleme und Schwierigkeiten mit Flüchtlingen wird doch ebenso berichtet. 

Höhler: Ja, aber die Deutschen möchten vor allem ihr historisches Schuldkonto abtragen und sagen: Wir waren die Ungeheuer des 20. Jahrhunderts, und wir sind jetzt eben die Weltmeister der Werte, der Menschenrechte und der Anteilnahme.

Abwarten und beobachten war stets die Kernkompetenz der Kanzlerin, haben Sie in ihrem Buch geschrieben. In der Flüchtlingsfrage passierte das Gegenteil, sie wartete nicht ab, sondern handelte. Warum tat sie das? 

Höhler: Das sehe ich etwas anders. Sie hat erst gehandelt, als die Flüchtlingsprobleme in Ungarn entstanden. Ausgerechnet in Ungarn, das 1989 als erstes Land die Zäune aufmachte. Diese Assoziation hat Merkel genutzt, um als Retterin dazustehen und die verunglückte Formulierung von den freundlichen Gesichtern in die Welt zu setzen.

Was ist daran falsch, ein freundliches Gesicht zu zeigen? 

Höhler: Sie hat das verbunden mit der Ankündigung, die Flüchtlingskrise werde Deutschland weiter verändern. Das empfinden manche Bürger als bedrohlich. Zumal wenn sie Geschichten hören von Dörfern, die fast so viele Flüchtlinge aufnehmen sollen wie sie Einwohner haben.

Ein anderes kommt hinzu: Auch nach 25 Jahren ist die deutsch-deutsche Einheit nicht überall gelungen. Und da täuscht Merkel die Menschen, wenn sie vorgaukelt, man könne Hunderttausende Flüchtlinge quasi von Mittwoch auf Donnerstag zur Integration veranlassen, indem man sagt: Du bekommst jetzt das Grundgesetz auf Arabisch. Wir müssen viel mehr versuchen, eine Kulturbrücke zu schlagen.

Spricht aus Merkels Haltung nicht eine innere Verpflichtung zu christlicher Nächstenliebe? 

Höhler: Wenn ich für Menschen in Not Verantwortung übernehme, ist das eine Christenpflicht. Aber wenn die schiere Masse kein verantwortungsvolles Handeln ermöglicht, mache ich mich schuldig.

Sie haben stets die These vertreten, Angela Merkel habe sich die CDU praktisch unterworfen. Ist die Partei angesichts der Proteste gegen die Flüchtlingspolitik der Bundeskanzlerin doch lebendiger als vermutet? 

Höhler: Wenn so ein Hammer wie die Flüchtlingspolitik kommt, dann werden die letzten Lebensgeister einer Partei mobilisiert. Aber wir werden noch erleben, dass sich letztlich die Erkenntnis durchsetzt, dass ohne Merkel keine Wahlen zu gewinnen sind, auch wenn sie über Jahre einen Grundwert der Partei nach dem anderen kühl über Bord geworfen hat. Und dann wird in der CDU wieder ein fauler Friede geschlossen.

Zur Person 

Prof. Dr. Gertrud Höhler (74), in Wuppertal geboren, ist Literaturwissenschaftlerin, Publizistin, Politik- und Unternehmensberaterin. Mehrfach kritisierte sie den Regierungsstil der Bundeskanzlerin, der sie eine schleichende Zersetzung politischer Werte in Deutschland vorwarf. Höhler ist ledig und hat einen Sohn.

Zuletzt von ihr erschienen: „Die Patin. Wie Angela Merkel Deutschland umbaut“, Orell-Füssli-Verlag, 21,95 Euro

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