Interview: Minijob kann bei Trennung zur Falle werden

Frauen, die der Familie zuliebe Teilzeit arbeiten, gehen ein Risiko ein: Sie sind bei einer Trennung materiell schlechtergestellt. Das zeigt eine Studie von Regierungsberaterin Irene Gerlach. Wir sprachen mit ihr.

Ein Ergebnis Ihrer neuen Studie ist, dass Leiharbeiter ein höheres Risiko haben, geschieden zu werden. Wie erklären Sie sich das? 

Prof. Dr. Irene Gerlach: Zeitarbeit wirkt vor allem bei nicht ehelichen Lebensgemeinschaften stark trennungsfördernd, und zwar unabhängig von Alter und Geschlecht der Zeitarbeiter. Diesen statistischen Zusammenhang konnten wir eindeutig zeigen. Man könnte natürlich das Ganze umdrehen und fragen, ob es nicht ein bestimmter Typ von Menschen ist, der Zeitarbeit macht. Das haben wir aber noch nicht untersucht.

Sie erwähnen die nicht ehelichen Gemeinschaften. Sieht das bei Ehen anders aus? 

Gerlach: In Sachen Zeitarbeit nicht. Im Hinblick auf Teilzeitarbeit und geringfügige Beschäftigung sieht das deutlich anders aus. Einmal senken Teilzeitarbeit und Minijobs bei Männern in Ehen die Trennungswahrscheinlichkeit. Bei Frauen wirken Teilzeitarbeit und geringfügige Beschäftigung tatsächlich sogar stabilisierend auf Ehen. Das kann damit zusammenhängen, dass Ehen mehr auf Dauer angelegt sind und sich das Paar auf Arbeitsteilungsmuster geeinigt hat, die dann wiederum das Zusammenleben festigen.

Und das gilt auch, wenn es der Mann ist, der einen Teilzeitjob annimmt?

Gerlach: Ja, das ist das Interessante. Das wird daran liegen, dass man in diesen Ehen bewusste Arrangements getroffen hat, dass sich die Männer an der Familienarbeit beteiligen. Man muss aber hinzufügen, dass es eine kleine Minderheit von Männern ist, die dazu bereit ist, und dass dies in der Regel gut gebildete Männer sind, deren ebenfalls gut gebildete Ehefrauen gut verdienen.

Nach wie vor sind es auch heute mehrheitlich Frauen, die Teilzeitarbeit oder Minijobs annehmen. Da hat sich in den letzten fünfzig Jahren wenig verändert. Woran liegt das?

Gerlach: In den 1990er-Jahren hat es zwar einen deutlichen Zuwachs an Müttererwerbstätigkeit gegeben, ein Plus von etwa zehn Prozent. Aber: Das war mehrheitlich Teilzeitbeschäftigung. Das ist nach wie vor die klassische Vereinbarkeitslösung: der Mann bleibt Haupternährer, die Frau geht in Teilzeit.

Können Sie einen Grund für diese Aufteilung erkennen? 

Gerlach: Der allerwichtigste ist: Eine Vollzeittätigkeit für beide Partner war bis vor Kurzem nicht möglich, weil wir einfach die Infrastruktur nicht hatten. Das hat sich geändert mit dem Recht auf einen Betreuungsplatz seit 2013. Wir haben ja in den letzten Jahren schon gesehen, dass die Elternzeitdauer massiv zurückgegangen ist, seitdem es das neue Elterngeld und die verkürzte Elternzeit gibt.

Frauen, die für die Familie in Teilzeit gehen, arbeiten - Erwerbs- und Familienarbeit zusammengenommen - laut Ihrer Studie deutlich mehr als die Männer. Wenn die Partnerschaft nicht hält, ist die Frau doppelt benachteiligt. 

Gerlach: Diese Botschaft der Studie liegt mir besonders am Herzen. Wir haben Minijobs und Teilzeit in der Sozialpolitik jetzt lange genug als prekäre Beschäftigungsverhältnisse diskutiert, aber nicht familienpolitisch. Da diese Lösungen aber vor allem von Frauen mit kleinen Kindern bewusst gewählt werden, muss das hohe sozialpolitische Risiko in Betracht gezogen werden.

Was heißt das genau? 

Gerlach: Die Scheidungswahrscheinlichkeit ist relativ hoch, bei den Ehen aus den Achtziger- und Neunzigerjahren liegt sie bei 40 Prozent. Das heißt, dass diese Frauen direkt aus der geringfügigen Beschäftigung in die Abhängigkeit von Hartz IV geraten.

Viele Frauen gehen davon aus, dass im Falle einer Trennung der Mann für sie zahlen muss. Was sagen Sie denen? 

Gerlach: Der muss schon lange nicht mehr auf Dauer zahlen. Das neue Unterhaltsrecht, das seit 2008 in Kraft ist, ist im öffentlichen Bewusstsein nicht richtig angekommen. Die Aussage dieses Gesetzes ist: Frauen sorgt für euch selber, der Mann zahlt nur, bis das jüngste Kind maximal drei Jahre ist. Hier ist Aufklärung vonnöten.

Auf der anderen Seite: Was geht den Staat die Gestaltung des Privatlebens an? 

Gerlach: Es muss bewusst gemacht werden, welche Folgen diese Entscheidungen haben können. Ein Minijob kann zu einer Falle werden, wenn die Ehe doch zu Bruch geht. Wenn man sich die biografischen Risiken ansieht, ist das auch für die Politik ein Thema, etwa um geeignete Beratungsformen und -kanäle zu finden.

Zur Person:

Prof. Dr. Irene Gerlach (59) ist seit 2011 Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirats für Familienfragen beim Bundesfamilienministerium. Die gebürtige Krefelderin studierte Soziologie und Psychologie. Ihr Forschungsschwerpunkt ist die Rolle von Unternehmen bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Sie ist Mitbegründerin des Forschungszentrums Familienbewusste Personalpolitik der Uni Münster. Seit 2008 hat sie eine Professur für Politikwissenschaft an der Evangelischen Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe (Bochum) inne, deren Prorektorin sie auch ist. Gerlach ist verheiratet und hat zwei Söhne.

Von Tatjana Coerschulte

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.