„Online-Schule hat klare Grenzen“ INTERVIEW Lehrer über Schwächen im System und Vorteile des Online-Lernens

Interview mit Lehrer über Schwächen im System und Vorteile des Online-Lernens

Das Schild der Theodor-Heuss-Schule in Göttingen.
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Theodor-Heuss-Gymnasium in Göttingen

Die Schulschließungen in Corona-Zeiten waren ein harter Schlag – für Schüler und Lehrer. Plötzlich musste digitalisiert, online unterrichtet und gelernt werden.

Göttingen - Hauke Pölert und Sebastian Stehlik vom Theodor-Heuss-Gymnasium engagieren sich seit Jahren für die Digitalisierung in Schulen. Mit den Lehrern sprachen wir über die Schwächen im deutschen Schulsystem und die (digitale) Schule von morgen.

Herr Pölert, Herr Stehlik, wie funktionierte der Unterricht im virtuellen Klassenraum mit digitalen Aufträgen, Erklärvideos und Digi-Lehrer?
Sebastian Stehlik: Auch wenn wir schon vorher viel digital unterstützten Unterricht praktiziert haben, waren die Schulschließung und die vollständige Verlagerung des Unterrichts in digitale Lernumgebungen eine große Herausforderung – für alle: Lehrer, Schülerinnen und Schüler sowie Eltern.
Hat die Corona-Krise Schwächen im deutschen Schulsystem offenbart?
Hauke Pölert: Unterschiedlich stark ausgeprägte Defizite in der Digitalisierung wurden schonungslos offengelegt. Das bezieht sich vor allem auf einheitliche Konzepte, schnelle Entscheidungswege im Bildungssystem sowie zielgerichtete Unterstützung der Einzelschulen bei der Schul- und Unterrichtsentwicklung. Hinzu kommt, dass die seit Jahren geplanten Bundesmittel des Digital-Pakts viel zu langsam in den Schulen ankommen. Deutlich wurde, dass das Fehlen einheitlicher Konzepte in den Ländern einen flächendeckenden, echten Online-Unterricht fast unmöglich oder von einzelnen Schulkonzepten abhängig macht.
Eine Schule mit Konzept hatte also Vorteile?
Pölert: Ja, während manche Schulen von einer Woche zur anderen auf ausgefeilte Online-Konzepte umstellen und im Rahmen der Möglichkeiten „normal“ weiterarbeiten konnten, erreichten andere Schulen ihre Schüler nicht mehr. Laut einer Umfrage haben zwei Drittel der deutschen Schulen kein Gesamtkonzept für Fern- oder Hybridunterricht, eine Kombination von Fern- und Präsenzunterricht.
Lehrer mit Blog für Digitales Lernen: Hauke Pölert
Das ist ernüchternd. Gibt es Ansätze zum Positiven?
Pölert: Die Politik hat schnell reagiert, die Entwicklung gewinnt an Dynamik und die Stadt als Schulträger bemüht sich, schnell und unkompliziert zu unterstützen. Prinzipiell ist Online-Unterricht möglich – auch das haben die vergangenen Wochen gezeigt. Wir alle haben in dieser Zeit unglaublich viele Erfahrungen sammeln können, was den Einsatz von Lernanwendungen, Videokonferenzen, Messenger- und Lernmanagement-Systemen angeht. Vieles wird bleiben und den Unterricht nachhaltig verändern, auf einiges werden wir aber auch gerne verzichten – wie auf zusammenbrechende Server und Datenschutz-Glaubenskriege bei Videokonferenzsystemen.
Warum ist Präsenzunterricht so wertvoll?
Pölert: Pädagogik ist Beziehungsarbeit. Ohne digitale Medien, ohne offene Foren, Messenger, Videokonferenzen für persönliche – digitale – Interaktion wäre diese Ebene im Fernunterricht nicht abbildbar, der Kern ginge verloren – denn Pädagogik ist mehr als ein Arbeitsblatt. Ich denke, dass alle, die der Einsatz von Videokonferenzen begeistert, gleichzeitig nichts mehr als die Rückkehr in den Klassenraum, das persönliche Miteinander, wünschen. Dennoch könnten Online-Anwendungen, Videokonferenzen und Messenger auch künftig in vielen Bereichen Entlastung bringen und Entwicklungen ermöglichen. Stehlik: Trotz Vorteilen, wie offenem, selbstständigem und kreativem Lernen hat die Online-Schule klare Grenzen im Vergleich zur Arbeit mit Schülern von Angesicht zu Angesicht: Einigen Schülern fehlt besonders das gemeinschaftliche Arbeiten in der Gruppe.
Schüler sind privat stark digital unterwegs, nun auch beim Lernen und Kommunizieren. Droht die digitale Überlastung?
Pölert: Weniger ist mehr: Das gilt auch für Online-Aktivitäten in Krisenzeiten und sollte auch für Unterrichtsentwicklung danach gelten. Die digitale Überlastung der Schüler und Eltern sowie auch vieler Lehrer sollte einem fokussierten Einsatz weichen – offene Fragen, spannende Lernprojekte und kreative Aufgaben brauchen meist kein aufwendiges Tool-Repertoire.
Gibt es Blaupausen für die Kombination von Online- und Präsenzunterricht?
Pölert: Es gibt für diesen Hybrid-Unterricht als Planungsgrundlage Blended-Learning-Konzepte. Dabei geht es darum, Präsenz- und Online-Phasen im Unterricht zu verknüpfen und die jeweiligen Vorteile zu nutzen. Aber: Für die Zeit nach Corona daraus zu schließen, der klassische Unterricht würde infrage gestellt, es würde ernsthaft um ein Entweder-oder von Präsenz- und Online-Lernen gehen, wäre falsch. Die spannende Frage ist die nach der Ausgestaltung des Sowohl-als-auch.
Ist das in deutschen Schulen zügig umsetzbar?
Pölert: Die Vielzahl der Online-Plattformen, Tools und Methoden zeigt: In Deutschland fehlen integrierte, einheitliche Lösungen für Online-Unterricht oder Blended Learning. Auch das ist je nach Bundesland sehr unterschiedlich. Während Bremen seit einiger Zeit die Schulen mit dem sehr ausgereiften, europaweit genutzten Lernmanagement-System „itslearning“ ausgestattete und Mecklenburg-Vorpommern kürzlich ad hoc allen Schulen einen „itslearning-Zugang“ bereitstellte, warten wir in Niedersachsen noch auf die öffentlich stark bezuschusste Bildungscloud. Eine Lösung, deren Mehrwert gegenüber verfügbaren, bewährten Systemen fraglich ist. Stehlik: Ich nehme den gepriesenen Föderalismus im Bildungssystem eher als hemmend wahr, was die schnelle Entwicklung von pragmatischen und funktionierenden Digital-Lösungen angeht. Jedes Bundesland probiert eigene Wege aus, steckt dort viel Geld hinein und nutzt – von außen betrachtet – wenig Synergien.
Herr Pölert, Sie sind in sozialen Medien unterwegs, was bekommen sie über Ihren Blog und Youtube-Kanal mit?
Pölert: Seit den Schulschließungen hat sich eine stärkere Dynamik entwickelt, aber auch eine große Unsicherheit angesichts der Herausforderungen, die der schnelle Wandel mit sich bringt. Beratung, Fortbildung, Austausch und gemeinsame Entwicklungsarbeit mit anderen Lehrpersonen sind wichtiger als zuvor. Online-Anwendungen erleichtern die Zusammenarbeit natürlich stark. Viele Initiativen entstehen in der Zusammenarbeit von Lehrern aus ganz Deutschland, so im #twitterlehrerzimmer, unabhängig von Schulform und Hierarchien, in ständigem Austausch und mit einfachen und laufend anpassbaren Publikationsformaten wie Blogs, Barcamps, Youtube-Videos oder eBooks. Unser Fazit: Es ist offensichtlich, dass das Jahr 2020 Impulse mit sich bringt, welche die weitere Schulentwicklung maßgeblich beeinflussen werden.
Werden sich Unterricht und Schule verändern?
Pölert: Digitale Medien ermöglichen individuelle Zugänge, differenzierte Lernwege und neue Unterrichtsziele – das erfahren gerade viele Lehrer, die digitale Tools hoch motiviert nutzen. Das wird den Unterricht all jener, die sich auf unterschiedlichen Ebenen für ihre Schüler engagieren, nachhaltig verändern. Leitlinie sollte immer sein, dass nicht die Technik, sondern die persönliche pädagogische Beziehung von zentraler Bedeutung für Lern- und letztlich Bildungserfolg ist. Auch wenn Digitalisierung und Online-Lernanwendungen gute und wichtige neue Möglichkeiten bieten, soll es nicht nur um das Lernen gehen, sondern um Bildung. Dann braucht der Mensch den Menschen.
Digitalexperte: Lehrer Sebastian Stehlik

Die Lehrer

Hauke Pölert und Sebastian Stehlik sind Lehrer am Göttinger Theodor-Heuss-Gymnasium und haben dort, wo seit 2016 eine konsequente Entwicklung zur Schuldigitalisierung läuft, am Leitfaden „Multi-Mediales-Lernen“ mitgearbeitet. Am THG gibt es ab Jahrgang 7 zudem das in Niedersachsen einzigartige Profil „Leben in einer digitalisierten Welt“. In der Corona-Zeit boten sie mit Kollegen intern Lehrerfortbildungen an. Pölert betreibt den Blog „unterrichten.digital“ und macht YouTube-Videos. Er ist Preisträger des Bundeswettbewerbs „Bildung in der digitalen Welt.“

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