Interview: Moderatorin von Radio Vatikan sieht Kurswechsel in katholischer Kirche

Schließt einen Rücktritt nicht aus: Papst Franziskus.

Rom. Es war lediglich eine Aussage, sie gilt jedoch als Revolution: Im vergangenen Jahr erklärte Papst Benedikt XVI., dass er auf sein Amt verzichten werde. Zum ersten Mal seit 700 Jahren wurde damit von diesem Recht Gebrauch gemacht. Papst Franziskus will diesen Schritt nun auch für sich nicht mehr ausschließen.

Sollten seine gesundheitlichen Beschwerden überhand nehmen. Wir sprachen mit Gudrun Sailer vom Radio Vatikan darüber, ob sich in der katholischen Kirche dadurch ein Kurswechsel andeutet. Einen Amtsverzicht des Papstes hat es bisher erst zweimal gegeben.

Deutet sich durch Franziskus’ Aussage ein Kurswechsel innerhalb der katholischen Kirche an? 

Gudrun Sailer: Man kann schon sagen, dass es einen Paradigmenwechsel gibt. In Zukunft werden die Päpste auf ihr Amt verzichten oder auch nicht. An und für sich ist der Vorgang normal, es steht nirgendwo geschrieben, dass ein Amtsverzicht verboten ist, im Gegenteil: Das Recht ist in der katholischen Kirche explizit vorgesehen.

Warum hat es dann 700 Jahre gedauert, dass mit Papst Benedikt XVI. erst zum zweiten Mal in der Geschichte ein Kirchenoberhaupt von diesem Recht Gebrauch gemacht hat? 

Zur Person:

Gudrun Sailer (44), geboren in St. Pölten (Österreich), hat Vergleichende Literaturwissenschaft, Romanistik und Philosophie in Wien, Innsbruck, Klagenfurt und Sevilla studiert. Seit 2003 arbeitet Sailer als Redakteurin bei Radio Vatikan in Rom. (cow)

Sailer: Mann muss zwischen dem Recht und der Tradition unterscheiden. Rechtlich ist eine Amtsaufgabe erlaubt: So steht es im kirchlichen Gesetzbuch, welches 1983 aktualisiert worden ist. Der Papst muss das allein frei entscheiden, angenommen werden muss der Verzicht von niemandem.

Die traditionelle Seite ist komplexer und prägend: Lange Zeit war die Kirche eine weltlich-politische Macht, die Päpste sind ebenso wenig wie die Könige zurückgetreten. Geändert hat sich das 1870 mit dem Verlust des Kirchenstaates, als der an das Königreich Italien angebunden wurde. Seitdem sind Päpste geistliche Herrscher, das Bild hat sich aber über die Zeit gerettet – bis zum vergangenen Jahr, als Benedikt XVI. sein Amt aufgab. Für Franziskus hat sich dadurch eine Tür geöffnet, die Institution des Amtsverzichtes ist für ihn normal.

Es scheint, als stünde Franziskus auch in anderen Bereichen Änderungen offen gegenüber: So kündigte er kürzlich Lösungen für das Zölibat-Problem an. 

Sailer: Die Frage nach dem Zölibat ist keine doktrinäre, sondern eine disziplinäre Frage. Einige Kirchen wollen uns weismachen, dass es richtig wäre, davon abzugehen. Der Papst hat die Zölibatsfrage zwar als ein Problem benannt, aber nicht als vordringliches.

Ein vordringliches wäre der Missbrauchsskandal, der ab und zu in einem Satz mit dem Zölibat fällt? 

Sailer: Der Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch Priester ist ein schmerzhaftes Thema. Benedikt XVI. wie auch Franziskus gehen das offensiv an und haben die Null-Toleranz-Linie durchgesetzt, in der Kirche weltweit. Wichtig ist aber, dass ein Zusammenhang zwischen Zölibat und Missbrauch ein Trugschluss ist. Viele Kinder werden in Familien missbraucht, da hilft es nicht, wenn Priester heiraten dürfen. Der Knackpunkt ist: Pädophile dürfen niemals Priester werden. Als ein anderes vordringliches Problem sieht der Papst übrigens den Glaubensmangel. Deshalb wendet er sich, mehr als Benedikt XVI. das getan hat, nicht nur an den Kern der Gläubigen, sondern vor allem an diejenigen, die unsicher sind.

Von Constanze Wüstefeld

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