"Eine simulierte Nähe"

Interview: Das Netz verändert unsere Sicht auf Freundschaft

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Zweifelhafter Trend: Beim Sexting versenden Jugendliche erotische Fotos oder Nacktbilder von sich per Smartphone an Freunde oder laden die Bilder in sozialen Netzwerken hoch. Das Foto zeigt das Bild einer jungen Erwachsenen auf einem Smartphone.

Waghalsiger, witziger, freizügiger: Im Internet scheinen Jugendliche sich stets gegenseitig überbieten zu wollen. Doch woran liegt das? Darüber sprachen wir mit Dr. Oliver Zöllner vom Stuttgarter Institut für Digitale Ethik. Dort sollen Standards für das Miteinander im Netz entwickelt werden.

Auf Facebook stacheln sich Jugendliche zum Alkoholtrinken an, und junge Frauen präsentieren sich leicht bekleidet: Was macht die digitale Welt mit uns, Herr Zöllner? 

Oliver Zöllner: Die Frage muss eigentlich lauten: Was machen wir mit den digitalen Medien? Was verleitet Menschen dazu, sich so selbst zu entblößen?

Woher kommt ihrer Meinung nach der Drang zur Selbstdarstellung? 

Zöllner: Vermutlich wird damit ein Bedürfnis nach Anerkennung und Nähe befriedigt. Die digitalen Medien geben vor, dieses Bedürfnis bedienen zu können.

Entsteht durch soziale Netzwerke tatsächlich Nähe? 

Zöllner: Das ist nur eine simulierte Nähe. Also ein Ersatznähe für etwas, was man anderweitig nicht bekommt. 

Heißt das im Umkehrschluss, dass wir in der realen Welt keine Nähe mehr finden? 

Zöllner: Natürlich haben Menschen nach wie vor ihren Freundeskreis und ihre Familie. Soziale Netzwerke erweitern diesen Kreis. Das grundsätzliche Bedürfnis nach Anerkennung, Freundschaft und Zuneigung wird eben auch dort gestillt.

Internettrends wie jüngst die Biernominierung erwecken den Eindruck, dass auf dem Weg zu möglichst viel Anerkennung nicht mehr zwischen gut und schlecht unterschieden wird. Trügt der Eindruck? 

Zöllner: Gut und schlecht sind Kategorien, mit denen man dabei nicht arbeiten kann. Nur weil etwas anders ist als früher, darf es nicht verdammt werden. Vielmehr ändern sich einzelne Begriffe wie der der Freundschaft.

Wie sieht Freundschaft demnach aus? 

Zöllner: Es gibt im Internet viele falsche Freunde. Jemand, den ich nicht kenne, ist nach der klassischen Definition nicht mein Freund. In sozialen Netzwerken hingegen ist es normal, möglichst viele Kontakte zu haben. Es entstehen unterschiedliche Level von Freundschaften.

Das heißt, bei der digitalen Freundschaft geht es mehr um Quantität als Qualität? 

Zöllner: Zum Teil Ja. Was damit sicher stark verbunden ist, ist die Ökonomisierung der Gesellschaft. Alles dreht sich darum, welche Noten ich habe, wie hoch mein Attraktivitätsfaktor ist und eben auch: Wie viele Freunde habe ich? Je mehr Freunde, umso bedeutsamer, besser und interessanter bin ich.

Warum ist das vor allem für Jugendliche so wichtig? 

Zöllner: Die jungen Leute haben ganz stark das Gefühl, sie müssten mitmachen. Sie denken, wenn sie nicht mitmischen, werden sie ausgegrenzt.

Was muss sich ändern, damit Jugendliche nicht mehr das Gefühl haben, immer noch einen draufsetzen zu müssen? 

Zöllner: Dazu braucht es schon in der Schule eine fundamentale Auseinandersetzung mit dem Thema digitale Medien. Schülern muss das Gefühl genommen werden, immer dabei sein zu müssen und mit anderen im Wettbewerb zu stehen. Darüber sind sich viele junge Menschen gar nicht im Klaren. In Schulfächern wie Medienkunde und Ethik kann das gut aufgegriffen werden.

Welche Grundregeln gelten in einer vernetzten Welt? 

Zöllner: Ganz klassische Höflichkeitsmaßgaben: Sich nicht beleidigen oder anpöbeln. Außerdem muss man sich nicht an jeder Diskussion und jedem Trend beteiligen. Auch im Internet können Dinge einfach mal ignoriert werden.

Zur Person

Dr. Oliver Zöllner ist Professor am Institut für Digitale Ethik an der Universität Stuttgart. Der Kommunikationswissenschaftler gehört zu den drei Köpfen des Instituts. Der 45-Jährige ist außerdem Honorarprofessor für Medienwissenschaften an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf. Zöllner ist verheiratet und hat ein Kind.

Von Verena Koch

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