Pfarrer Ralf Haska berichtet aus der Ukraine

Video von Demonstrationen in Kiew: „Sie wollen durchhalten“

+
Protest auf den Straßen Kiews: Rund um den Maidan, den zentralen Platz der Hauptstadt Kiew, haben Demonstranten Barrikaden errichtet.

Kassel. Demonstranten gegen Sicherheitskräfte - seit vor drei Wochen die ukrainische Regierung auf Druck Russlands ein Abkommen mit der EU abgelehnt hat, gehen in Kiew tausende Menschen auf die Straße. Wir sprachen mit Ralf Haska, Pfarrer der Evangelisch-lutherischen Gemeinde in Kiew.

Herr Haska, in der Nacht zu Mittwoch sollen Sicherheitkräfte begonnen haben, den zentralen Platz Maidan und besetzte Gebäude zu räumen. Wie ist die aktuelle Lage? 

Lesen Sie auch:

- Kiew vor dem Sturm: Ralf Haska ist mitten drin - wir telefonieren mit ihm

Ralf Haska: Die Sicherheitskräfte haben sich inzwischen zurückgezogen. Ich komme gerade von Maidan, dem Unabhängigkeitsplatz, und habe das beobachtet. Die Stimmung ist jetzt gelöst und freudig, dass man dort wieder demonstrieren kann. Heute Morgen wollten Berkut-Leute, also Sicherheitskräfte, das besetzte Rathaus stürmen. Sie sind mit Bussen vorgefahren, konnten diese aber nicht verlassen. Denn die Besetzer haben Wasser auf die Busse gesprüht. Es ist eisig kalt in Kiew, das Wasser ist sofort gefroren. Deshalb mussten sie den Rückzug antreten.

Gehen die Sicherheitskräfte gewaltsam vor? 

Haska: Wenn man eine Barrikade räumen will, macht man das nicht mit Samthandschuhen. Das habe ich bei der Barrikade vor unserer Tür gesehen. Es wird gedrängt und geschubst. Natürlich wurde auch geschlagen. Es hätte aber gewaltsamer zugehen können. Das lag aber auch an den Demonstranten, die sich haben zurückdrängen lassen und nicht zur Gewalt griffen. Gott sei Dank.

Die Rede war auch von Zeltstädten und Barrikaden. Wie kann man sich die Situation vorstellen? 

Haska: Das Zentrum von Kiew ist klein und die Demonstranten haben es fast vollständig lahmgelegt. Es gibt den großen Unabhängigkeitsplatz. Der und einige anliegende Straßen sind wegen der Barrikaden teilweise nicht befahrbar. Es sind Zeltstädte auf dem Platz und den Straßen aufgebaut. Ein paar hundert Meter entfernt gibt es den Palast des Präsidenten, dem auch unsere Kirche gegenübersteht. Der ist abgeriegelt durch die Polizei. Bis Montag waren hier auch noch Zelte und Barrikaden.

Wie lange können die Menschen das durchhalten? 

Ralf Haska (47) wuchs in der Nähe von Berlin auf, studierte Theologie in Naumburg (Saale) und in Berlin. Seit 2009 ist er in Kiew Pastor der Deutschen Ev.-luth. Gemeinde St. Katharina Kiew, einer Außenstelle der Evangelischen Kirche Deutschland. Er ist verheiratet und hat drei Kinder.

Haska: Das weiß ich nicht. Die Menschen wollen durchhalten - und sind bereit dazu. Selbst heute, als die Sicherheitskräfte schon fast vor der Bühne der Demonstranten auf dem Unabhängigkeitsplatzes standen und bedrohlich nahe gekommen sind, habe ich die Worte gehört: Die Menschen der Ukraine sind ein großes Volk, und wir lassen uns nicht in die Knie zwingen. Wir sind keine Sklaven.

Welche Rolle spielt Vitali Klitschko bei der Demonstration? 

Haska: Er ist im Moment einer aus der Opposition, die aus einer Dreiergruppe besteht: Dazu gehört Oleh Tjahnibok von der Einheitspartei, Arsenij Jazenjuk von der Vaterlandspartei und Vitali Klitschko mit der Udar-Partei. Wer welche Interessen hat, ist schwer zu durchschauen.

Wie haben Sie den Menschen dort geholfen? 

Haska: Wir sind bei den Menschen. Helfen ihnen mit Essen, Trinken, Schlafplätzen und Gottes Wort. Die Kirche ist offen und für alle da: sowohl für die Demonstranten als auch für die Miliz.

Von Max Holscher

Ein Video aus Kiew

Pfarrer Ralf Haska hat uns ein Video aus Kiew geschickt. Es zeigt, wie Sicherheitskräfte am Mittwoch versuchten, ein besetztes Regierungsgebäude in Kiew zu stürmen. Dabei setzten die Demonstranten, die das Gebäude besetzen, Wasserwerfer ein. Wegen der Kälte gefriert das Wasser dort sofort und die Sicherheitskräfte mussten sich zurückziehen.

Schlagworte zu diesem Artikel

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken, um Missbrauch zu vermeiden.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.