Interview mit Präsidentin Maleh von Ärzte ohne Grenzen

Auf der Flüchtlingsroute: Sie hungern, frieren und sind erschöpft

Die Situation der Flüchtlinge an der deutsch-österreichischen Grenze ist kein Einzelfall: Vielerorts müssen die Menschen die Nacht bei Temperaturen am Gefrierpunkt unter freiem Himmel verbringen – manchmal sogar ohne Essen und warme Getränke. Foto: dpa

Die Lage der Flüchtlinge auf Westbalkanroute: Sie hungern, sind erschöpft und verbringen Stunden in der Kälte: Im slowenisch-kroatischen Grenzgebiet warten Tausende Flüchtlinge auf die Weiterreise Richtung Österreich. Margaretha Maleh war dort. Ein Interview.

Margaretha Maleh ist Psychotherapeutin und Präsidentin von Ärzte ohne Grenzen in Österreich. An der kroatischen Grenze in Brezice sowie im Grenzort Rigonce hat sie sich ein Bild von der Situation der Flüchtlinge gemacht.

Wie ist die aktuelle Situation an der slowenisch-kroatischen Grenze? 

Margaretha Maleh: Die Situation ist prekär. Die Menschen sind erschöpft von der langen Reise und müssen dann bei bis zu 3 Grad in der Nacht im Freien auf dem Boden übernachten, oft nur mit einer Decke über dem Kopf.

In welchem Zustand kommen die Menschen an den Grenzen an? 

Maleh: Mit grippalen Infekten, Husten und Schnupfen, Magen-Darm-Beschwerden. Viele leiden unter Durchfall und Erbrechen - was natürlich oft psychische Ursachen hat. Schwangere haben Blutungen, weil sie nächtelang unter freiem Himmel sein mussten. Die mangelnde Hygiene verursacht außerdem Hautirritationen - das trifft oft auf die Säuglinge zu, die mit nur einer Windel am Tag auskommen müssen. Ich habe eine Mutter mit ihrem Säugling gesehen, dessen Finger unbeweglich und blau angelaufen waren und der nicht mehr aufhören wollte zu weinen.

Wie läuft die Versorgung? 

Maleh: Die Menschen brauchen eine heiße Mahlzeit am Tag. Oft wird aber nicht mal ein heißer Tee angeboten, weil die Menschen in riesigen Gruppen von einem Lager ins nächste kommen. Man versucht zwar den Menschen Äpfel und Brot zu geben, trotzdem leidet jeder nach einer gewissen Zeit an Mangelerscheinungen und Erschöpfung.

Wirken sich Kälte, Hunger, Durst und Schlafentzug auf die Psyche aus? 

Maleh: Ja, wir treffen auf Menschen mit Schlafstörungen, Albträumen und Angststörungen. Besonders Kinder zeigen häufig Verhaltensauffälligkeiten. Immer wieder gehen ja auch Kinder auf der Flucht verloren, das sorgt für Ängste. Die Menschen fahren emotional auf der niedrigsten Sparflamme, damit sie es überhaupt schaffen. Das Schlimmste ist, dass die Menschen im Ungewissen gelassen werden: Was passiert als nächstes, wo gibt es etwas zu essen, wo Medizin? Und das löst Stress aus. Die Gefahr steigt, dass falsche Informationen verbreitet werden und die Menschen in Panik geraten.

Und dann?

Maleh: Manche verlieren die Kontrolle über sich, fangen an zu schreien, zu rennen, hämmern gegen alles, werden gewalttätig, weil sie diesen Druck nicht mehr kompensieren können.

Wie lange hält ein Mensch diese Situation aus? 

Maleh: Das ist individuell. Manche sind sowieso am Limit, viele haben in der Heimat schlimme Erfahrungen gemacht, andere auf der Flucht. Man darf das nicht unterschätzen.

Kann es zu Spätfolgen kommen? 

Maleh: Man weiß es ja aus anderen Kriegsnationen, dass Menschen sich im richtigen Umfeld und mit Unterstützung in relativ kurzer Zeit wieder mental und physisch erholen können. Eine psychische Störung kann aber auch auftreten, wenn ein Mensch nicht mehr ums Überleben kämpfen muss und Zeit hat, Trauer und Ängste zuzulassen.

Leiden Kinder, ältere Menschen und Schwangere besonders? 

Maleh: Die Gefahr besteht auch bei einem jungen Mann, der sich selbst überfordert. Ich habe einige junge Männer gesehen, die aus Erschöpfung zusammengebrochen sind. Weil sie neben ihrem eigenen auch das Gepäck eines anderen getragen haben zum Beispiel oder selbst nichts gegessen haben, um es jemand anderem zu geben.

Zur Person

Margaretha Maleh (63) ist Psychotherapeutin und Sozialmanagerin und ist seit Mai 2015 Präsidentin von Ärzte ohne Grenzen in Österreich. Zuvor war sie seit 2012 Vizepräsidentin. Sie stammt aus Tirol und hat zwei erwachsene Kinder.

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