Interview mit Putin-Experte Hubert Seipel: „Russland sieht sich bedroht“

Selbstbewusster Präsident Russlands: Wladimir Putin (63) vergangene Woche während seiner Ansprache im Moskauer Kreml-Palast. Fotos: dpa

Ohne Russland sind die Probleme um die Ukraine, Syrien und die IS-Bekämpfung nicht möglich. Aber was will Präsident Putin, was bewegt den russischen Präsidenten? Das fragten wir den Journalisten Hubert Seipel, der Putin mehrfach interviewt und jetzt ein Buch über ihn geschrieben hat.Von Wolfgang Blieffert

Präsident Putin mischt seit einigen Wochen sehr aktiv in Syrien mit. Worum geht es ihm dabei in erster Linie? 

Hubert Seipel: Da kommen mehrere Faktoren zusammen: Es geht Putin um den Erhalt der einzigen russischen Marinebasis im Mittelmeer im syrischen Tartus und die langjährige Partnerschaft mit Damaskus. Vor allem aber treibt ihn die Furcht vor einer weiteren Destabilisierung der Region um.

Was meint Putin damit? 

Seipel: Für ihn sind Libyen und Irak abschreckende Beispiele für zerfallene Staaten. Nach dem Krieg gegen den Irak und dem Sturz Saddam Husseins haben die Amerikaner die meisten Armee-Angehörigen entlassen, heute sind viele dieser Soldaten im sogenannten Islamischen Staat untergekommen. Angesichts des hohen Anteils muslimischer Bevölkerung im Süden in Russland möchte Putin auf gar keinen Fall, dass sich in benachbarten Regionen der militante Islamismus durchsetzt. Darum auch jetzt sein Festhalten an Syriens Machthaber Assad, den er aus taktischen Gründen stützt.

Die Sowjetunion ist in Afghanistan ebenso gescheitert wie der Westen. Müsste Putin nicht gewarnt sein angesichts solcher Erfahrungen, wenn er sich jetzt in Syrien engagiert? 

Seipel: So kann man es natürlich sehen. Putins Sicht ist aber eine andere. Er sieht den Zerfall der Sowjetunion nach 1991 und die blutigen Konflikte in und mit Tschetschenien. Er erinnert sich an die verheerenden Bombenattentate Ende der 90er-Jahre in Moskau. Im Grunde haben die Russen ihr 9/11, also Angriffe militanter Islamisten in russischen Städten, 1999 schon zwei Jahre vor den USA erlebt.

Deshalb sein Eingreifen in Syrien, wo er aber wohl darauf setzt, gemeinsam mit Franzosen und Amerikanern zum Ziel zu kommen. Am Ende wird eine politische Lösung stehen müssen, in die der Iran, die Türkei, Saudi-Arabien, Katar und Assads Syrien einbezogen sind. Nur auf den Sturz Assads zu setzen, hat nicht funktioniert. Deswegen haben wir jetzt über 250 000 Tote und Hunderttausende von Flüchtlingen in Deutschland.

Russland hat schon durch Rezession und EU-Sanktionen erhebliche wirtschaftliche Belastungen zu tragen, nun noch das militärische Engagement in Syrien. Ist das Land überfordert? 

Seipel: Russland hat Reserven und die Verschuldung des Landes ist im Vergleich zu anderen großen Staaten gering. Aber Sie haben recht. Der gefallene Ölpreis setzt Putin massiv unter Druck, weitere Reformen sind unumgänglich. Aber eine Staatspleite steht nicht bevor.

Der Abschuss der russischen Militärmaschine durch türkische Abfangjäger hat das Verhältnis beider Staaten auf den politischen Tiefpunkt sinken lassen. Gibt es tiefere Gründe dieser Verstimmung? 

Seipel: Der türkische Präsident hat sehr eigene Interessen und spielt ein doppeltes Spiel, auch wenn er früher einmal ein guter Freund Assads war. Erdogan hat lange den IS unterstützt und ihm Rückzugsgebiete eröffnet. Er hat die türkischen Grenzen für Öllieferungen geöffnet, mit denen sich der IS finanziert. Hunderte von Tankwagen rollten bis vor Kurzem ungehindert durch die Türkei. Andererseits hat Erdogan panische Angst vor einem Zerfall Syriens, weil dies wahrscheinlich zur Etablierung eines eigenen Kurdenstaats führen würde. Die Idee aber hasst Erdogan, und folglich hat er zuletzt die Kurden immer wieder bombardieren lassen. Die Kurden wiederum wurden von uns und den USA mit Waffen ausgestattet und kämpfen gegen den IS.

Der Abschuss der russischen Maschine wegen einer nur wenige Sekunden langen Verletzung des türkischen Luftraums hilft Erdogan bei der Profilierung im eigenen Land. Putin kann das schon aus innenpolitischen Gründen nicht akzeptieren und präsentiert sich deswegen der Türkei gegenüber unversöhnlich.

Die westliche Sicht auf Wladimir Putin lautet: Er will Russlands Großmachtposition wiederherstellen. Stimmt diese These eigentlich? 

Seipel: Die russische Perspektive sieht ziemlich anders aus. Was ist nach Auflösung der UdSSR Anfang der 90er-Jahre passiert? Die Nato hat sich bis an die Grenzen Russlands ausgeweitet, obwohl von US-Außenminister Baker bis zu seinem deutschen Kollegen Genscher immer das Gegenteil zugesagt worden war. Polen, Tschechien, die baltischen Staaten - alles inzwischen Nato-Mitglieder. Und die Ukraine war auch schon eingeladen worden, frei nach dem Motto des ehemaligen US-Außenpolitikers Zbigniew Brzezinski: Ohne die Ukraine ist Russland keine Großmacht mehr. Hier liegt das Kernproblem des neuen Ost-West-Konfliktes: Putins Russland sieht sich strategisch bedroht.

Dass Polen oder die baltischen Staaten sich in freier Selbstbestimmung für die Nato entschieden haben, passt nicht in Putins Weltbild? 

Seipel: Natürlich haben die Balten traumatische Erfahrungen mit den Russen gemacht. Aber die Nato ist eben keine Heilsarmee, sondern ein Militärbündnis. Und so wie US-Präsident Kennedy Anfang der 60er-Jahre gesagt hat, russische Raketen auf Kuba könnten viel zu schnell amerikanisches Festland erreichen, als dass die USA das akzeptieren könnten, so fühlt sich Russland heute durch die Nato bedroht.

Gilt das nicht auch umgekehrt? 

Seipel: Gegenfrage: Wo hat Putin bisher wirklich militärische Macht eingesetzt. Nach dem Umsturz in der Ukraine, aber sonst? Sobald Russland ein Nato-Land angreift, tritt automatisch die Beistandsklausel in Kraft und es gibt den 3. Weltkrieg. Das weiß auch der russische Präsident.

Der Westen sieht Putin oft als Hasardeur, als einen, der zu militärischen Muskelspielen neigt. Teilen Sie diese Einschätzung vor dem Hintergrund des Syrien-Engagements? 

Seipel: Nein. Werfen Sie doch mal einen Blick auf die Hitliste, wer weltweit jährlich das meiste Geld für das Militär ausgibt. Nach den USA und China liegt Russland da auf dem dritten Platz. In nackten Zahlen sind dies in Russland 85 Milliarden Dollar, in den USA etwa 610 Milliarden. Und dann kommen zu den USA noch die Nato-Verbündeten hinzu. Das ist ein ziemlich großes Ungleichgewicht.

Kommen wir noch zu Putins Auftreten im Innern. Was sollen wir eigentlich von seinem manchmal offen zu Markte getragenen Körperkult halten? Das kommt uns merkwürdig fremd vor. 

Seipel: Er ist nun ja auch russischer Präsident und nicht deutscher Bundeskanzler. Wenn er mit nacktem Oberkörper durch die Gegend reitet, dann zielt das - salopp gesagt - auf die russischen Wählerinnen von 35 bis 50. Das kommt übrigens auch bei russischen Männern gut an. Putin macht das allerdings zunehmend weniger, denn auch er wird älter.

Dieses Machogehabe ist auch nichts anderes als jene PR, die wir eben in den USA mit der Vorführung von Obamas Familienleben und der öffentlichkeitswirksamen Begnadigung von Thanksgiving-Truthähnen erleben. Jeder bedient sein Publikum.

Und die offene Ablehnung von Homosexuellen? 

Seipel: In Russland ist Homophobie Mainstream, hat die TAZ einmal getitelt. Als der Bundestag vor einigen Jahren auch dazu eine Resolution verabschiedete, argumentierte Putin, dass dies eine Auseinandersetzung innerhalb der russischen Gesellschaft ist, die sie selbst führen muss, und keine außenpolitische Forderung, die Berlin durchsetzen kann. In der Tat sollten wir uns daran erinnern, dass es lange dauerte, bis bei uns der berühmt-berüchtigte Paragraf 175 abgeschafft wurde. Und Putin rügt zu Recht eine Doppelmoral, da der Bundestag ja auch keine Resolution verabschieden würde, in der der Alltagsrassismus in den USA thematisiert wird.

Zur Person:

Hubert Seipel (65), in Alzenau-Wasserlos (Unterfranken) geboren, studierte Politik und Geschichte in Marburg, außerdem Politikwissenschaften an der London School of Economics. Als Dokumentarfilmer konnte er 2011/2012 als erster westlicher Journalist den russischen Präsidenten Putin über Monate begleiten. 2014 erhielt er den Deutschen Fernsehpreis für das weltweit erste TV-Interview mit Edward Snowden.

• Zuletzt von ihm erschienen: „Putin. Innenansichten der Macht“, Hoffmann und Campe,, 368 Seiten, 22,00 Euro

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.