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Historikerin Ramona Bräu: Deutsche Besatzung im Zweiten Weltkrieg verursachte enorme Schäden

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Von: Tibor Pezsa

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Menschen der polnischen Zivilbevölkerung kehren auf einer Kutsche nach dem Zweiten Weltkreig in das zerstörte Warschau zurück.
Große Schäden: 1945, wie hier in Warschau, kehrte die polnische Zivilbevölkerung in zerstörte Städte zurück. © dpa/Archiv

Die Forderungen aus Polen über Kriegsreparationen könnten nun konkret werden. Die Historikerin Ramona Bräu hat die Kriegsfolgen in Polen untersucht.

Noch im Februar wird der Bericht einer polnischen Parlamentskommission erwartet. Wir sprachen mit der Historikerin Ramona Bräu, die seit 2017 bei den Arolsen Archives in Bad Arolsen arbeitet. Die Arolsen Archives sind ein Zentrum für Dokumentation, Information und Forschung über die nationalsozialistische Verfolgung, NS-Zwangsarbeit sowie den Holocaust 

Wie sehr wurde Polen unter der deutschen Besatzung zwischen 1939 und 1945 geplündert?

Das Ausmaß der Plünderungen war extrem. Das Kriegsziel der Nationalsozialisten war: Polen als Staat sollte ausgelöscht werden. Deswegen gab es weit über die militärisch bedingten Zerstörungen hinaus umfangreiche Schäden. Das Deutsche Reich hat in Polen auf jedwede Form staatlichen Besitzes zugegriffen und sehr umfangreich auch auf privates Eigentum.

Die Absicht, Polen als Staat auszulöschen, wurde ja von der Sowjetunion geteilt...

Ja, tatsächlich wurde Polen 1939 gemäß des geheimen Zusatzprotokolls des Hitler-Stalinpakts von beiden Seiten gemeinsam überfallen und aufgeteilt. Im vormaligen Osten Polens gab es unter den Sowjets Enteignungen und Verstaatlichungen nach dem Muster der sowjetischen Wirtschaftsstruktur. Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion im Sommer 1941 schlug das Deutsche Reich diese Gebiete seinem Herrschaftsbereich zu.

Aber nur bis 1945. Wie ging es weiter?

Der Siegeszug der Roten Armee versetzte Stalin in die Lage, die Westverschiebung Polens durchzusetzen. Das vormalige Ostpolen fiel den westlichen Sowjetrepubliken zu, die dort ansässigen Polen wurden vertrieben. Im westwärts verschobenen Polen wurde eine Regierung von Moskaus Gnaden installiert.

Die konnte vom „Bruderstaat“ im Osten keine Reparationen fordern?

Nein, das war politisch nicht möglich. Erste Berechnungen der polnischen Kriegsschäden wurden in Polen zwischen 1944 und 1947 durch verschiedene Kommissionen angestellt. Sie bezogen aber weder die vormaligen ostpolnischen noch die einst deutschen Gebiete ein. Letztere waren bei Kriegsende vielerorts nur noch Ruinenlandschaften. Städte wie Danzig, Stettin, Breslau, Glogau, Küstrin, Kolberg waren nahezu vollständig zerstört. Sie wurden von den Polen neu errichtet und umfangreich restauriert.

Wie kann denn der Verlust von Menschenleben in ökonomischer Hinsicht ermessen werden?

Nur pauschal. Das Leid der Familien von über 5 Millionen toten polnischen Staatsbürgern während der Kriegsjahre bleibt letztlich unfassbar. Die Grundlage solcher Berechnungen bilden rational kalkulierte Summen, die Einzelschicksale nicht widerspiegeln.

In welcher Weise entfaltete sich das deutsche Zerstörungswerk in Polen?

Die deutschen Besatzer haben Polen zunächst in Interessensphären aufgeteilt. Der westliche Teil Polens wurde annektiert, er wurde Reichsgebiet. Dort sollte Raum für Ansiedlungen von Deutschen entstehen. In diesen Gebieten wurden alle polnischen Staatsbürger komplett enteignet. Geplant war, die Betroffenen zu vertreiben. Für fast 500.000 Polen kam es auch so. Die Vermögenswerte wurden der deutschen Hauptreuhandstelle Ost zur Verwaltung übergeben. Daraus erhoffte man sich hohe staatliche Einnahmen, wozu es unter dem Strich aber nicht kam.

Und die polnischen Juden?

Sie waren von Anfang an einem noch größeren Verfolgungsdruck ausgesetzt. Sie wurden nicht nur enteignet wie alle anderen, sondern insgesamt vertrieben und gettoisiert, später ermordet.

Wie war die Situation im Generalgouvernement, also in dem nicht annektierten zentralpolnischen Gebiet mit Warschau?

Dort hatten deutsche Behörden auf jeglichen polnischen Besitz Zugriffsrecht, auch auf alle staatlichen Vermögenswerte wie etwa Häuser und Grundstücke, Wasserwerke und andere staatliche oder kommunale Infrastruktur. Der Schwerpunkt des deutschen Zugriffs im Generalgouvernement lag aber auf jüdischem Besitz und Eigentum. Mit dem Beginn des industriell betriebenen Massenmords verwerteten die Täter schließlich alles von ihren Opfern – Haare, Goldzähne, persönliche Gegenstände, Kinderspielzeug. Aber auch nichtjüdische Polen konnten jederzeit enteignet, erschossen, in ein KZ deportiert oder verschleppt werden.

Etwa zur Zwangsarbeit?

Ja, so geschah es Millionen von Polen. Nach dem Krieg gab es mehrere Abkommen zur Regulierung von Kriegsschäden. Etwa 1953 das Londoner Schuldenabkommen und den abschließenden Zwei-plus-Vier-Vertrag über die deutsche Einheit von 1990, der als Ersatz für einen Friedensvertrag gilt. Der Zwei-plus-Vier-Vertrag ermöglichte die deutsche Einheit und führte zu dem Europa, in dem wir leben. Gleichwohl blieb die Reparationsfrage bis dahin weitgehend ungeklärt, übrigens auch mit Blick auf die anderen im Krieg deutsch besetzten Gebiete Europas. Für den Aufschub einer abschließenden Regelung nach 1945 gab es Gründe; den aufziehenden Kalten Krieg etwa oder die Tatsache der Existenz zweier deutscher Staaten.

Nicht zuletzt doch auch die Gefahr neuen Hasses?

Ja, das Thema war und ist sehr sensibel, auch weil ökonomische Kalkulationen das ganze Leid immer nur begrenzt erfassen. Aber trotzdem denke ich, dass es nachvollziehbar ist, wenn Länder, die unter der nationalsozialistischen Besatzung litten, ihre Schäden kalkulieren, betrachten und vortragen. Natürlich sind damit auch Interessen im Hier und Heute verbunden. Dies sind komplexe Fragen an Politik und Gesellschaft, letztlich an uns alle, nicht an die Geschichtsforschung. Die Folgen beträfen ein vereintes Europa.

Sicher nicht nur gute...

Das mag sein. Aber es ist auch nicht an uns Deutschen, der heutigen polnischen Gesellschaft vorschreiben zu wollen, wie sie mit den Kriegsschäden und deren Folgen umzugehen hat. Ich glaube nicht, dass das seit dem deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrag von 1991 erreichte Miteinander durch die erneute Debatte um Reparationsforderungen infrage gestellt ist. Unsere Sache als Historiker ist es jedenfalls, die historischen Fakten so klar und detailliert wie möglich bereitzustellen. (Tibor Pézsa)

Bundeskanzler Willy Brandts Kniefall am 7. Dezember 1970 in Warschau am Denkmal für die Helden des jüdischen Ghettos.
Große Geste: Der damalige Bundeskanzler Willy Brandt bekennt am 7. Dezember 1970 in Warschau am Denkmal für die Helden des jüdischen Ghettos deutsche Verantwortung. © dpa/Archiv

Zur Person Ramona Bräu

Ramona Bräu (40) ist Historikerin mit dem Schwerpunkt Zeitgeschichte. Der Fokus ihrer Publikationen und Projekte liegt auf dem nationalsozialistischen Deutschland und dem besetzten Polen während des Zweiten Weltkriegs. Im Rahmen des Forschungsprojektes der Historikerinnen und Historiker zur Geschichte des Reichsfinanzministeriums im Nationalsozialismus entstand ihre Studie zur Plünderung Polens unter deutscher Besatzung. Seit 2017 ist sie bei den Arolsen Archives im nordhessischen Bad Arolsen tätig.

Ramona Bräu, Historikerin
Ramona Bräu, Historikerin bei den Arolsen Archives in Nordhessen. © Privat

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