Interview mit Schülervertreter Helge Feußahrens

Wenig Verständnis für Lehrer, die Fahrten verweigern

Fordern Klassenfahrten zurück: Schüler bei einer Demo im Januar in Hannover.

„Jammern auf hohem Niveau" - Konflikt an Niedersachsens Schulen: Gymnasiallehrer verweigern Klassenfahrten, weil ihre Arbeitszeit aufgestockt wurde.

Ein runder Tisch kam nicht zustande. Nun setzt die Schülerschaft auf eine Petition und Demonstrationen. Wir sprachen mit dem Vorsitzenden des Landesschülerrats, Helge Feußahrens.

Herr Feußahrens, wie aufgeheizt ist die Stimmung unter den Schülern?

Helge Feußahrens: Die Stimmung ist aktuell sehr am Überkochen. Wir hatten große Erwartungen an die Demonstration, die wir am 14. Januar in Hannover mitorganisiert haben. Wir hatten stark gehofft, dass man schnellstmöglich eine Lösung findet und die Schüler aus dem Konflikt heraushält, weil die für die Regelung gar nichts können.

Eigentlich sollten sich Schülerrat, Philologenverband und die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) Mitte Februar treffen, um gemeinsam an einer Lösung zu arbeiten. Was ist daraus geworden? 

Feußahrens: Dieser Tisch wurde von der GEW abgesagt, mit der Begründung: Man braucht die Schüler nicht. Die Philologen haben zunächst zugesagt und nach der Rückmeldung der GEW abgesagt. Es ist enttäuschend, dass die Gewerkschaften nicht mal den Schülern, die nichts für den Konflikt können, in die Augen schauen möchten.

Die Lehrer sagen, dass „aus pädagogischer Verantwortung“ keine Klassenfahrten mehr möglich sind. Können Sie das nachvollziehen?

Feußahrens: Wir können das gar nicht nachvollziehen. Die Lehrer jammern auf einem so hohen Niveau. Ein Arbeitnehmer in der freien Wirtschaft bekommt auch alle zehn, zwölf Jahre mal eine Stunden-Erhöhung. Die Lehrer an Gymnasien unterrichten im Vergleich zu anderen Schulformen deutschlandweit am wenigsten, verdienen jedoch mehr als beispielsweise Realschullehrer. Daher ist es für uns unverständlich, dass viele Lehrer diese Privilegstellung behalten möchten.

Ist es denn verständlich, dass die Lehrer für ihre Mehrarbeit auch mehr Geld fordern würden? 

Feußahrens: Ich finde es gut, wenn man nicht alles mit sich machen lässt. Aber die Schüler - eine dritte unbeteiligte Partei - in einen solchen Konflikt hineinzuziehen und ihnen das Größte zu nehmen, das sie an die Schulzeit erinnert, das finde ich unverantwortlich.

Warum sind Klassenfahrten so wichtig? 

Feußahrens: Vor allem in den fünften Klassen, die aus Schülern von verschiedenen Schulen zusammengewürfelt werden, spielen Klassenfahrten eine große Rolle. Gruppenbildung schafft man am besten in einer lockeren Umgebung. Außerdem gibt es immer noch viele Eltern, die ihren Kindern aus finanziellen Gründen keinen Urlaub bieten können.

Diese Familien haben über das Sozialamt die Möglichkeit, Geld für eine Klassenfahrt zu bekommen. Kinder, die sowieso schon benachteiligt sind, benachteiligt man durch diesen Boykott noch mehr.

Dürfen Lehrer drohen, keine Klassenfahrten anzubieten? 

Feußahrens: Leider Gottes ja. In Niedersachsen sind Klassenfahrten nirgendwo so niedergeschrieben, dass sie verbindlich wären. Klassenfahrten zu organisieren war bisher immer eine freiwillige Leistung der Lehrer. Dafür erhalten die Pädagogen fünf Anrechnungsstunden, was jedoch zu wenig ist.

Schüler verweigern zum Teil ihre freiwilligen Dienste wie den Tafel- oder Klassenbuchdienst. Wie reagieren die Lehrer darauf?

Feussahrens: Lehrer haben Schülern durch die Blume damit gedroht, dass sich die Noten der Schüler verschlechtern, wenn sie einen ihrer Dienste verweigern. Die Lehrer sitzen am längeren Hebel. Das sind Druckmittel, gegen die wir Schüler nichts tun können.

Was hat der Schülerrat jetzt vor?

Feußahrens: Wir werden versuchen, weiter den Dialog mit dem Kultusministerium zu suchen, sodass die Klassenfahrten wieder stattfinden können. Außerdem werden wir uns dafür einsetzen, dass die Lehrer für die Teilnahme an einer Klassenfahrt mehr Anrechnungsstunden bekommen.

Warum formiert sich gerade in Niedersachsen ein so großer Widerstand seitens der Lehrer?

Feußahrens: Wenn man über Jahre Privilegien genossen hat, gibt man diese ungern auf. Mir fehlt von den Lehrkräften jedoch das Verständnis für das Projekt: 80 Millionen Euro sollen durch die eine Stunde Mehrarbeit gespart werden.

Das Geld kommt der Inklusion und den Ganztagsschulen zugute, die in Niedersachsen schlecht ausgestattet waren. Die Lehrer wissen die Vorzüge des Programms nicht zu schätzen und sehen anscheinend nicht, dass es anderen Kollegen zugute kommt.

Zur Person:

Helge Feußahrens (20) ist Vorsitzender des Landesschülerrats Niedersachsen. In Diepholz geboren und aufgewachsen, macht er derzeit eine Ausbildung zum Kaufmann für Versicherung und Finanzen. Seit 2012 engagiert er sich im Landesschülerrat, seit Januar 2014 ist er Vorsitzender. (mli)

Hintergrund:

26-Stunden-Woche und Verpflichtung zu Klassenfahrten in Hessen

Hintergrund für den Protest ist ein Konflikt zwischen dem Kultusministerium und den Gymnasiallehrern. Seit die rot-grüne Landesregierung die Unterrichtsverpflichtung für Gymnasiallehrer um eine Stunde auf 24,5 Wochenstunden erhöht hat, weigert sich die Mehrheit der Lehrer, Klassenfahrten durchzuführen. Die Schüler wollen jetzt erreichen, dass Lehrer und Ministerium sich einigen, damit der Protest nicht mehr auf ihrem Rücken ausgetragen wird. Nach einer aktuellen Umfrage des NDR-Regionalmagazins „Hallo Niedersachsen“ haben 75 Prozent der Gymnasien in Niedersachsen Klassenfahrten eingeschränkt. In Hessen sind Lehrkräfte gesetzlich dazu verpflichtet, an Klassenfahrten teilzunehmen. Hessen liegt mit einer wöchentlichen Pflicht-Unterrichtsstundenzahl an Gymnasien mit 26 Stunden bundesweit im Mittelfeld. In Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt ist die Stundenzahl mit 23 Unterrichtsstunden am niedrigsten, in Bremen, Mecklenburg-Vorpommern, Bayern und Schleswig-Holstein mit 27 Stunden am höchsten.

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