Sportredakteur schildert Nacht im Stade de France: „Sehr beängstigend“

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Verunsicherte Zuschauer: Nach Ende des Spiels öffneten Ordner die Tore zum Innenraum, sodass die Besucher des Länderspiels Frankreich gegen Deutschland das Stadion auch über das Spielfeld verlassen konnten.

Kassel. Ausgangspunkt des Terrors in Paris war das Stadion, in dem das Länderspiel Frankreich und Deutschland stattfand. Gespräch mit einem Sportredakteur, der vor Ort war.

Herr Giannakoulis, Sie waren am Freitagabend im Stade de France. Als es während der ersten Halbzeit einen ersten lauten Knall gegeben hat, kam da bereits der Gedanke auf: Hier stimmt irgendetwas nicht? 

Giannakoulis: Der Knall war lauter als das, was ich sonst aus Stadien kenne, wenn Pyrotechnik zum Einsatz kommt – das schon. Dennoch habe ich die Verbindung zu etwas, was schlimmer ist als ein Böller in einem Stadion, nicht gezogen.

Hat sich die Gefühlslage verändert, als kurze Zeit später ein zweiter Knall zu hören war? 

Stefan Giannakoulis

Giannakoulis: Das mag unsensibel klingen: Aber ich habe in dem Moment nicht kapiert, was gerade passiert. Natürlich habe ich den zweiten Knall wahrgenommen, ich bin auch zusammengezuckt und habe gedacht: Mein Gott, ist das laut. Und trotzdem habe ich nicht daran gedacht, dass etwas Schlimmes passiert sein könnte. Ich habe noch notiert, dass Mario Gomez in der 43. Minute eine relativ gute Chance vergeben hat. Im Nachhinein klingt das unfassbar bescheuert.

Wie hat sich die Stimmung im Stadion dann entwickelt? 

Giannakoulis: Ich hatte den Eindruck, dass die meisten Zuschauer ganz normal Fußball geschaut und ihre Teams unterstützt haben. Im Nachhinein muss man sagen, dass es Momente gab, in denen es vielleicht etwas leiser gewesen ist im weiten Rund. Zu unterscheiden davon ist die Stimmung auf der Pressetribüne: Wir Journalisten waren in der zweiten Halbzeit eigentlich nur noch damit beschäftigt, irgendwie herauszubekommen, was passiert ist. Spätestens als dann die ersten Gerüchte aufkamen, dass Täter auch vorgehabt haben sollen, ins Stadion zu kommen, war es sehr verwirrend und beängstigend.

Gab es offizielle Durchsagen im Stadion? 

Giannakoulis: Die einzige offizielle Durchsage im Stadion gab es nach Abpfiff. Sie bezog sich darauf, welche Ausgänge geöffnet und welche geschlossen sind. Im Nachhinein halte ich das Vorgehen für absolut vernünftig und nachvollziehbar. Alles andere wäre eine Vorlage für eine Massenpanik gewesen. So ist alles relativ ruhig und geordnet abgelaufen.

In einigen Fernsehbeiträgen war aber auch von einer Panik die Rede, viele Menschen sind in den Innenbereich des Stadions geflohen. Wie haben Sie das empfunden? 

Giannakoulis: Alles, was ich unter Panik verstehe, habe ich an diesem Abend im Stadion selbst nicht empfunden. Wobei ich einschränken muss: Nah dran zu sein, heißt nicht unbedingt, besser informiert zu sein. Ich kann also sagen, was ich im Stadion gesehen habe. Aber ich kann nicht sagen, was 20 Meter vor dem Stadion abgelaufen ist.

Wie ging es in der Nacht weiter für Sie? 

Giannakoulis: Ich bin zunächst auf der Pressetribüne geblieben, später dann in den Presseraum gegangen, wobei es immer wieder Gerüchte gab – wie etwa, dass sich ein Täter noch im Stadion aufhalten würde. Die einzige offizielle Mitteilung, die wir Journalisten erhalten haben, kam vom Menschen vor dem Presseraum: Er sagte uns um 1 Uhr, er müsse den Raum jetzt schließen, weil der Raum immer um 1 Uhr geschlossen werde. Auch wenn der Raum dann geöffnet blieb, denke ich, ihm ging es wie vielen und mir persönlich auch. In unüberschaubaren Situationen klammert man sich an das, was man immer macht. Ich habe mich dann auch einfach hingesetzt und geschrieben, weil wir schlicht nicht wussten, was wir machen sollten.

Wie und wann haben Sie das Stadion verlassen? 

Giannakoulis: Gegen zwei Uhr stellte sich heraus, dass ein Bus noch mehrere deutsche Journalisten zum Hotel bringt. Dort habe ich zwar nicht gewohnt, aber ich bin freundlicherweise mitgenommen worden. Ich bin dann schließlich mit dem Taxi in Richtung meiner Unterkunft gefahren. Allerdings konnte das Taxi nicht in die Straße selbst fahren, weil sie abgesperrt war. Dort standen dann Soldaten mit Sturmgewehren. Sie haben die Straße gesichert. Ich schilderte ihnen meine Situation, und zwei von ihnen geleiteten mich nachts um 3 Uhr durch die dunkle Straße zu meiner Unterkunft – vorbei an weiteren Posten.

Sie sind am Samstag dann wieder nach Berlin geflogen. Lief da dann alles reibungslos? 

Giannakoulis: Die Sicherheitskontrollen am Flughafen waren verstärkt, aber alles war sehr gut organisiert, alle waren sehr freundlich. Es gab keine Probleme und keine Verzögerung.

Zur Person

Stefan Giannakoulis (46) ist in Aschaffenburg geboren. Er studierte in Münster Geschichte, volontierte bei dieser Zeitung. Heute arbeitet er als Sportredakteur bei NTV.de und lebt in Berlin. Giannakoulis ist verheiratet und hat eine neunjährige Tochter.

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