Interview mit Terror-Kenner Kraushaar: „Keine Indizien für neue RAF“

Nach Jahrzehnten im Untergrund haben die drei gesuchten Linksterroristen der Roten Armee Fraktion (von links) Burkhard Garweg (heute 47), Ernst-Volker Wilhelm Staub (61) und Daniela Klette (57) Spuren hinterlassen.

1998 löst sich die RAF auf, doch bei späteren Geldtransporter-Überfällen fand die Polizei DNA-Spuren abgetauchter Mitglieder. Wir sprachen mit Wolfgang Kraushaar darüber.

Herr Dr. Kraushaar, hat Sie die Nachricht von dem Raubüberfall der drei gesuchten RAF-Terroristen überrascht? 

Kraushaar: Ja, aber die Nachricht hat offensichtlich Hand und Fuß, weil die Identität der drei Täter durch DNA-Vergleiche festgestellt werden konnte. Es handelt sich demnach unbestreitbar um Personen, die zur so genannten dritten Generation gehören.

Ist das ein Zeichen für die Reaktivierung der RAF, die sich 1998 für aufgelöst erklärt hat? 

Kraushaar: Nein, diese Behauptung halte ich für unangemessen. Es gibt keinerlei Indizien dafür, dass wir es hier mit einer neuen RAF zu tun haben könnten. Es hat ja auch schon nach einem Überfall in Duisburg 1999 ähnliche Spekulationen gegeben, die sich dann nicht bewahrheitet haben. Die Bundesanwaltschaft hatte zwar ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Bildung einer terroristischen Vereinigung eröffnet, es stellten sich aber ganz offensichtlich keine weiteren Indizien dafür ein.

Kann es sein, dass die drei sich die Rente sichern wollen? 

Kraushaar: Wahrscheinlich wollten sie mit dem Geld aus dem Überfall, der ja scheiterte, ihren Lebensunterhalt bestreiten. Es kann sein, dass sie in diesem Zusammenhang noch auf ehemalige, bislang unentdeckte Waffenlager der RAF zugreifen konnten.

Was weiß man über die dritte Generation der RAF? 

Kraushaar: Man weiß nach wie vor viel zu wenig über die Struktur und die personelle Stärke dieser sogenannten dritten Generation. Die drei jetzt Identifizierten gehören aber mit hoher Wahrscheinlichkeit dazu. Zuverlässig weiß man es bei Birgit Hogefeld, die wegen ihrer terroristischen Taten lange Zeit im Gefängnis saß, bei Wolfgang Grams, der 1993 bei einem Zugriff der Polizei in Bad Kleinen zu Tode kam und bei Eva Haule, die ebenfalls verurteilt wurde und bis 2007 im Gefängnis saß.

Bei den drei jetzt Tatverdächtigen gibt es eine Reihe von Indizien dafür, dass sie an einem versuchten Sprengstoffattentat auf die Deutsche Bank in Eschborn 1990, bei dem Anschlag auf die JVA Weiterstadt 1993 und die beiden Überfälle auf Geldtransporter 1999 in Duisburg und im vergangenen Jahr in Stuhr beteiligt gewesen sind.

Ist die RAF für Sie ein abgeschlossener Teil der bundesrepublikanischen Geschichte? 

Kraushaar: Nicht ganz, es kann ja - wie das Verfahren gegen Verena Becker von 2010 bis 2012 in Stuttgart gezeigt hat - immer noch Gerichtsverfahren geben. Die rechtliche Aufarbeitung ist nach wie vor nicht zu Ende. Aber aktive Versuche zur Wiederbelebung der RAF gibt es nach meiner Einschätzung nicht.

Was unterscheidet die RAF von heutigen linksautonomen Gruppierungen? 

Kraushaar: Die RAF war sehr streng und straff organisiert. Die Autonomen heute sind in der Regel eher Zusammenschlüsse von Einzelnen oder Kleingruppen unterhalb einer solchen Organisationsebene; sie stellen also aller Militanz zum Trotz keine terroristische Vereinigung im direkten Sinne dar.

Die RAF hatte nach einer logistischen Aufbauphase, für die sie Banküberfälle beging und Autos stahl, politische Terroranschläge begangen - 1972 gegen den Vietnamkrieg und später gegen den Axel-Springer-Verlag und schließlich gegen Repräsentanten der Justiz und der Wirtschaft wie Generalbundesanwalt Siegfried Buback, Dresdner-Bank-Chef Jürgen Ponto und Arbeitgeberpräsident Hans-Martin Schleyer, die alle 1977 ermordet wurden. Und 1989 folgte die Ermordung des Deutsche- Bank-Chefs Alfred Herrhausen und 1991 die des damaligen Treuhandchefs Detlev Karsten Rohwedder.

Die Linksautonomen heute nehmen auch für sich in Anspruch, politische Ziele zu verfolgen, wenn sie etwa bei der Eröffnung der EZB in Frankfurt für Krawalle sorgen. 

Kraushaar: Ja, aber die Taten der RAF hatten eine ganz andere Dimension. Sie haben Menschen entführt und hingerichtet, nicht nur die Repräsentanten des verhassten Systems, sondern auch deren Fahrer und Polizisten.

Rechnen Sie damit, dass es noch große RAF-Prozesse geben wird? 

Kraushaar: Das hängt ganz davon ab, ob man noch neue Zeugen oder Spuren findet, ausschließen kann man es jedenfalls nicht.

Wolfgang Kraushaar (67) ist Politikwissenschaftler bei der von Jan Philipp Reemtsma gegründeten Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur. Der in Bad Zwesten-Niederurff (Schwalm-Eder-Kreis ) geborene Kraushaar gilt als Chronist der Studentenbewegung und profunder Kenner der RAF. Er ist verheiratet und lebt in Hamburg.

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