Terrorexperte hält Europas Strände für potenziell gefährdet

Interview zu Terror-Risiken an Europas Stränden: „Auf jeden Fall eine Gefahr“

Alarmierender Bericht: Italienische Behörden sollen einen Warnhinweis verfasst haben, nach dem Terroristen Urlauber an den Stränden in Italien, Spanien und im Süden Frankreichs ins Visier nehmen. Unser Bild entstand an der Küste von Ligurien. Foto: dpa

Nach einem Medienbericht könnten auch südeuropäische Strände Ziele von Anschlägen werden. Wir sprachen darüber mit dem Terrorismusexperten Guido Steinberg.

Im Juni 2015 waren 39 Touristen bei einem Anschlag am Strand eines Luxushotels in Tunesien getötet worden. Nun sollen Attentäter auch die Strände Italiens und Spaniens ins Visier nehmen. Bislang gibt es keine offiziellen Stellungnahmen, nur den Bericht einer großen Boulevardzeitung. Für wie realistisch halten Sie solche Szenarien? 

Guido Steinberg: Seit dem Anschlag in Tunesien wissen wir, dass terroristische Organisationen auch Urlauber an Mittelmeerstränden zum Ziel nehmen. Insofern gibt es auf jeden Fall eine Gefahr. Ich habe aber einige Zweifel an dem vorliegenden Bericht.

Warum? 

Steinberg: Der Gefahrenbericht soll von italienischen Behörden stammen. Die haben sich schon 2015, als es eine große Welle von Bootsflüchtlingen aus Libyen gab, mit einigen sehr unsinnigen Warnhinweisen zur Terrorismusgefahr hervorgetan. Zweitens ist das Szenario, dass fliegende Händler aus dem Senegal auf Anweisung von Boko Haram diese Attentate durchführen, etwas skurril.

Weshalb? Boko Haram hat sich doch dem IS angeschlossen. Haben wir nicht zu lange Afrika als potenziellen Terrorhort unterschätzt? 

Steinberg: Für Europa gibt es im Moment vor allem zwei konkrete Bedrohungen: Das sind an erster Stelle der IS im Irak, Syrien, Ägypten und Libyen. Und dann kommt natürlich Al-Qaida hinzu, die im Januar 2015 für die Anschläge auf Charlie Hebdo verantwortlich war, und zwar aus dem Jemen heraus.

Bei Boko Haram haben wir es zunächst einmal mit einer nigerianischen Gruppierung zu tun, die in Nigeria und seinen Nachbarländern aktiv geworden ist. Sie hat sich das IS-Label gegeben, das ich allerdings nicht ernst nehme. Ich halte sie für eine eigenständige Organisation.

Wir müssen also unser Augenmerk auf andere Bewegungen richten? 

Steinberg: Ja, die Gefahr für Europa geht in erster Linie von der arabischen Welt aus, einschließlich Nordafrika. Europa ist gefährdet, weil erstens Organisationen wie der IS und Al-Qaida uns angreifen wollen. Und zweitens, weil sie über Rekruten aus europäischen Ländern verfügen, die in der Heimat eingesetzt werden können. Das ist bei Boko Haram nicht der Fall. Wenn Anschläge in Italien, Spanien oder Frankreich geschehen, dann weil IS-Rückkehrer und Unterstützer aus den jeweiligen Ländern handeln.

Die könnten aber künftig auch europäische Strände als Anschlagssziel wählen, oder? 

Steinberg: Selbstverständlich. Für den Anschlag auf britische Touristen in Tunesien letztes Jahr war ein in Libyen ausgebildetes IS-Mitglied verantwortlich. Für die Organisation sind europäische Strände ein mindestens ebenso attraktives Anschlagsziel.

Gibt es in Europa ein Defizit an zentralen, übergeordneten Sicherheitsstellen? 

Steinberg: Es gibt schon europäische Behörden, wo Informationen zusammengeführt werden: Europol für die Polizei und andere Stellen für die Nachrichtendienste. Man kann also schon davon ausgehen, dass, wenn wichtige Informationen etwa aus Italien geliefert werden, die überall dort in Europa ankommen, wo sie gebraucht werden.

Mein Eindruck ist eher, dass der Unterschied an Professionalität und politischer Unabhängigkeit, an Ausstattung und Kompetenzen unter den europäischen Diensten sehr groß ist. Einige wie die Franzosen arbeiten sehr professionell, mit viel Geld, Personal und geringen rechtlichen Einschränkungen, andere arbeiten nicht so gut.

Wenn also von Warnungen die Rede ist, muss man immer auch darauf schauen, wer da eigentlich spricht. Eine entsprechende Meldung der Franzosen oder der Briten hätte ich ernster genommen als die italienische.

Wie terrorgefährdet ist die EM im Juni in Frankreich? 

Steinberg: Es hat immer wieder Terrorplanungen gegen Fußballspiele gegeben, zuletzt am 13. November in Paris. Wir müssen damit rechnen, dass sich ähnliche Vorkommnisse wiederholen. Es scheint aber so zu sein, dass für all die Anschläge, die nach Charlie Hebdo verübt wurden, ein und dieselbe Struktur von Franzosen und Belgiern nordafrikanischer Abstammung verantwortlich war. Deren Mitglieder sind fast alle tot oder in Haft. Insofern muss es nicht sein, dass bei der EM eine neue Gruppe für den IS oder Al-Qaida bereitsteht.

Dr. Guido Steinberg (47) ist Islamwissenschaftler und Terrorismusexperte an der Stiftung für Wissenschaft und in Berlin. Der gebürtige Trierer studierte in Köln und Damaskus Geschichte, Islamwissenschaft und Politik. Steinberg arbeitete bis 2005 als Terrorismusreferent im Kanzleramt. Auch als Buchautor wurde er bekannt; zuletzt erschien als Taschenbuch „Kalifat des Schreckens. IS und die Bedrohung durch den islamischen Terror“.

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