Interview zum Tornado-Einsatz in Syrien: Partner in der Koalition der Willigen

Steht immer wieder in der Kritik: Das Mehrzweckkampfflugzeug Tornado der Bundeswehr wird derzeit in Syrien eingesetzt. Foto:  dpa

Der Einsatz deutscher Aufklärungs-Tornados in Syrien ist umstritten. Für den Politologen Hans-Georg Ehrhart ist er ein Ausdruck von Solidarität.

Herr Ehrhart, wie berechtigt ist die Kritik am Tornado-Einsatz in Syrien bezüglich der Tauglichkeit der Flugzeuge?

Hans-Georg Ehrhart: Diese Kritik ist unberechtigt, weil die Tornados in erster Linie hochauflösende Fotos machen sollen. Und die macht man tagsüber. Die Tatsache, dass die Tornados aus technischen Gründen anfangs nachts nicht operieren konnten, ist zwar richtig, aber das Hauptgeschäft konnte von Anfang an erledigt werden.

Aber warum müssen es gerade deutsche Tornados sein? Die USA und Frankreich haben beispielsweise modernere Waffensysteme.

Ehrhart: Das hat zwei Gründe: einen technischen und einen politischen. Die Deutschen sind, gerade was diese Fotos angeht, besonders gut - das ist der technische. Und der politische ist der, dass man vor dem Hintergrund der Solidarität, die man Frankreich beweisen wollte, gesagt hat, wir machen da mit. Wir bomben zwar nicht mit, aber wir kooperieren und geben entsprechende Unterstützung durch hochauflösende Fotos - unterstützen also die Zielauswahl. Damit verbunden ist dann auch die Aussage: Wir sind in der Koalition der Willigen dabei. Verglichen mit den anderen - die Amerikaner setzen rund 180 Flugzeuge ein, die Franzosen ungefähr 40 und die Briten 34 - ist der deutsche Beitrag gering mit sieben Flugzeugen. Aber es ging darum, dabei zu sein. Zu demonstrieren, wir sind ein Teil der Koalition und fliegen auch Operationen mit.

Also hat der deutsche Einsatz eher symbolische Bedeutung?

Ehrhart: Das kann man symbolisch, man kann es aber auch solidarisch nennen. Für die anderen Staaten ist so etwas wichtig, weil sie dann darauf verweisen können, wie groß die Anzahl der Unterstützer ist, die sich in der Realität viel kleiner darstellt. Von den 60 bis 70 Koalitionspartnern sind es nur wenige, die wirklich in der Luft operieren. Und davon ist Deutschland jetzt ein Partner.

Warum ersetzt man die mit Soldaten besetzten Flugzeuge nicht durch unbemannte Drohnen und schließt so aus, dass jemand zu Schaden kommt?

Ehrhart: Es werden schon Aufklärungsdrohnen im Kriegsgebiet eingesetzt, aber die haben nicht die speziellen Fähigkeiten der deutschen Tornados mit ihren hochauflösenden Kameras. Weitgehend besteht auch die Meinung, dass gerade der Beitrag der deutschen Tornados besonders wichtig sein könnte.

Die angestrebte Einsatzfähigkeit der Waffensysteme der Luftwaffe von 70 Prozent wird weit verfehlt. Woran liegt das?

Ehrhart: Das liegt daran, dass über Jahre nachlässig gehandelt worden ist. Es hat unter dem vorherigen Verteidigungsminister Thomas de Maizière die Devise gegeben, dass 70 Prozent Ausstattungsstand ausreichen. Das soll jetzt geändert werden, es sollen wieder 100 Prozent werden. Wenn man über viele Jahre die Maßgabe hat, dass 70 Prozent ausreichen, führt das dazu, dass die Systeme nicht auf dem neuesten Stand gehalten werden können, weil man sparen muss.

Die Mängel der Einsatzfähigkeit sind also eine Geldfrage?

Ehrhart: Diese grundsätzliche Entscheidung ist vor vielen Jahren getroffen und immer wieder kritisiert worden. Das soll jetzt mit der Aufstockung des Verteidigungshaushaltes um jährlich etwa acht Milliarden Euro für die nächsten 15 Jahre ausgeglichen werden. Und das ist eigentlich das Geld, das in diesen Bereich fließen soll, um all das nachzuholen, was versäumt worden ist. Zudem werden die Waffensysteme, die vor vielen Jahren bestellt worden sind und jetzt so langsam einlaufen wie der A400M Transportflieger, damit bezahlt.

Wurde das Geld, das zur Verfügung stand, falsch investiert?

Ehrhart: Das kommt darauf an, auf welche Art Konflikt man sich vorbereitet. Die Waffensysteme wurden alle vor vielen Jahren bestellt - für einen Konflikt, der gar nicht mehr existiert und die jetzt in ganz andersartigen Konflikten benutzt werden. Und die Frage ist natürlich, ob das die Systeme sind, die man in 20 oder 30 Jahren braucht. Da habe ich meine Zweifel, dass das zukunftsorientiert ist.

Zur Person:

Hans-Georg Ehrhart (60) wurde in Bonn geboren und studierte Politische Wissenschaften, Soziologie und Philosophie. 1986 promovierte er zum Thema „Die deutsche Frage aus französischer Sicht“. Seit 1989 ist Ehrhart wissenschaftlicher Referent am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik der Universität Hamburg. Der Politologe leitet dort zudem das Zentrum für Europäische Friedens- und Sicherheitsstudien.

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