„Es entstehen auch Sympathien“

Interview: Traumaexperte über Bewältigung von Entführungen

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Freiheit: Ein Plakat mit der Aufschrift „Bowe Is Free At Last“ (Bowe ist endlich frei) an der Scheibe eines Cafes in Idaho, wo Bowe Bergdahl früher jobbte.

Nach fast fünf Jahren Taliban-Gefangenschaft in Afghanistan wird der am Samstag freigekommene US-Soldat Bowe Bergdahl weiter in Landstuhl (Rheinland-Pfalz) auf sein Leben in Freiheit vorbereitet. Wir sprachen mit dem Traumatologen Georg Pieper über die Bewältigung solcher Entführungen.

Herr Pieper, in der TV-Serie Homeland wird ein US-Soldat im Irak von Al-Kaida-Terroristen entführt. In dieser Zeit entwickelt er Sympathien für deren Kampf und läuft zu den Taliban über. Halten Sie es für möglich, dass so etwas tatsächlich passieren kann?

Georg Pieper:  Das halte ich für sehr unwahrscheinlich, unmöglich ist solch ein Fall allerdings nicht. Denn wenn Entführungen sehr lange andauern, entstehen mitunter durchaus Beziehungen zwischen den Geiseln und deren Entführern.

Bei dem am Sonntag freigelassenen US-Soldaten Bergdahl verhält es sich ähnlich. Er war fünf Jahre in Taliban-Gefangenschaft. Dennoch soll er in dieser Zeit zum Islam konvertiert sein. Seine Entführer schenkten ihm zum Abschied gar einen Turban. Wie lässt sich so etwas psychologisch erklären? 

Pieper: Den Fall Bowe Bergdahl muss man sehr vorsichtig betrachten, da die Informationslage sehr vage ist. Es wird ihm ja sogar vorgehalten, dass es möglicherweise bereits vor seiner Entführung zu einer Fahnenflucht gekommen sei, er diese Ideen also schon vorher hatte.

Fakt ist allerdings, dass sich bei solch einer langen Entführungszeit durchaus Sympathien zwischen Gefangenen und Entführern entwickeln können und dass man dabei vielleicht auch seine politischen Einstellungen überdenkt. Ich halte so etwas aber für eher unwahrscheinlich. Ich habe selbst Patienten behandelt, die drei Jahre gefangen gehalten worden sind. Ihnen war stets bewusst, dass sie dort gegen ihren Willen festgehalten wurden.

Was verstehen Sie unter dem Stockholm-Syndrom, das bei solchen Fällen oft als Erklärungsmodell herangezogen wird? 

Pieper: Dabei geht es darum, dass Geiseln nach einer Weile das Gefühl bekommen, dass die eigentlichen Gefahren draußen lauern. Man fühlt sich mit den Entführern in einem Boot gegen die feindliche Außenwelt. Denn viele Geiseln haben Angst vor dem, was passieren kann, wenn beispielsweise das SEK sie befreien will.

Es gibt Geiseln, die sich dann sogar schützend vor ihre Entführer gestellt haben. Das liegt daran, dass sie durch den sehr starken Stress, in dem sie sich befinden, so etwas wie eine Gemeinschaft mit ihren Entführern erlebt haben, und sich dadurch mit ihnen mehr oder weniger solidarisieren.

Inwieweit wandeln sich nach einer Freilassung die Gefühle der Opfer gegenüber ihren Entführern? 

Pieper:  In der Regel bekommt man ziemlich schnell wieder einen klaren Kopf für die ungerechte Situation, in der man sich befunden hat. Es gibt auch viele Entführte die sich dann schämen, dass sie positive Gefühle für ihre Entführer entwickelt haben. Ich denke, dass das mit der Dauer der Entführung zu tun hat.

Gibt es umgekehrt Fälle, in denen Geiseln nach ihrer Freilassung weiter mit ihren Entführern in Kontakt standen? 

Pieper:  Nein, mir sind solche Fälle nicht bekannt. Im Gegenteil, die meisten schämen sich dafür, dass sie Gefühle für ihre Entführer entwickeln konnten. Darum ist es in einer Therapie um so wichtiger, dass man ihnen die Schuldgefühle nimmt und ihnen klar macht, dass sie sich in einer sehr unnormalen, sehr außergewöhnlichen Situation befunden haben, in der es relativ normal ist, wenn man mit den Entführern ein Gemeinschaftsgefühl entwickelt.

Was sollten Entführte nach ihrer Freilassung tun, um mit ihrem Trauma fertig zu werden? 

Pieper: In der Regel kommen Gefangene nach ihrer Freilassung sehr erleichtert in den Familienkreis zurück. Familie und Freunde sind aber häufig überfordert, mit der Situation umzugehen. Deshalb empfehle ich auf jeden Fall, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Zur Person:

Dr. Georg Pieper (60) ist Traumatologe und Psychotherapeut am Institut für Traumabewältigung in Friebertshausen (bei Marburg). Er behandelte unter anderem Opfer und Angehörige nach der Grubenkatastrophe von Borken (1988) und nach dem ICE-Unglück von Eschede (1998).

Von Daniel Göbel

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