Mediziner erklärt, warum Computerbranche gezielt Autisten einstellt

Interview über Autisten: „Smalltalk ist anstrengend“

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SAP sucht Autisten: Der Software-Konzern will bis 2020 Hunderte von ihnen als Spezialisten einstellen. Der Schritt könnte beispielhaft für andere Unternehmen sein.

Der Software-Konzern SAP will Hunderte Autisten zu Software-Testern und Programmierern ausbilden. Bis 2020 sollen ein Prozent der Beschäftigten Menschen mit einer solchen Störung sein. SAP hat derzeit 65.000 Mitarbeiter. Wir sprachen mit dem Arzt Prof. Kai Vogeley. 

Welches Interesse kann der Softwarekonzern SAP an der Einstellung von Autisten haben?

Prof. Kai Vogeley: Grundsätzlich: Dies ist eine tolle Nachricht, weil Menschen mit seelischen Behinderungen, die Schwierigkeiten haben, einen Zugang zum regulären Arbeitsmarkt zu finden, eine echte Chance erhalten. Diese Menschen haben psychische Störungen, die es ihnen oft schwer machen, eigenverantwortlich einen Haushalt zu führen und zu arbeiten.

Ist jeder Autist für die IT-Branche geeignet?

Vogeley: Nein. Autistische Menschen, die in der IT-Branche eingesetzt werden, sind meist besonders begabt und auch gut integrierbar. Aber auch wenn nicht alle hier einen Arbeitsplatz finden, hat die SAP-Aktion einen wichtigen Modellcharakter – nicht nur für Autisten, sondern auch für andere psychische Kranke.

Welche Stärken qualifizieren Autisten für die IT-Branche?

Vogeley: Häufig findet man bei Menschen mit Autismus Merkmale, die in Richtung Detailliebe gehen. Sie verfügen über eine hohe Aufmerksamkeit für Details und haben eine hohe Neigung, Dinge immer wieder auf die gleiche Weise zu tun. Dies ist von Nutzen beim Programmieren von Software.

Das machen Nicht-Autisten aber doch auch?

Was ist Autismus?

Die sogenannte autistische Störung beginnt in der Regel als Entwicklungsstörung im frühen Kindesalter. Erkrankte Kinder vermeiden zum Beispiel Körper- oder den Blickkontakt. Sie verstehen bestimmte Signale wie Lächeln oder Gesten oft nicht und kapseln sich deshalb ab. Sie reagieren auch heftig auf Veränderungen. Stattdessen wiederholen sie häufig Worte oder bestimmte Bewegungen.

Das heißt nicht automatisch, dass Autisten geistig behindert sind. Sie können normal intelligent sein oder sogar besondere Begabungen in bestimmten Bereichen entwickeln. Dazu gehören Mathematik, Technik und Musik. Autisten zeichnen sich beispielhaft durch eine besondere Akribie und Detailverliebtheit aus.

Das Asperger-Syndrom gilt als eine leichte Form des Autismus. Menschen mit dieser Ausprägung sind normal intelligent und entwickeln besondere Fähigkeiten, haben aber häufig wenig Interesse an ihren Mitmenschen. Das Bild des autistischen Genies, das gern in Filmen bemüht wird, sei allerdings ein Mythos, sagt Friedrich Nolte, Fachreferent beim Bundesverband zur Förderung von Menschen mit Autismus.

Woher Autismus kommt, ist unklar. Bekannt ist, dass es sich um eine Entwicklungs- und Wahrnehmungsstörung im Gehirn handelt. Laut dem Bundesverband zur Förderung von Menschen mit Autismus gibt es bislang noch kein Erklärungsmodell, das die Entstehung vollständig belegt. In Deutschland sind Schätzungen zufolge mehr als eine halbe Million Menschen mehr oder weniger stark betroffen. (dpa)

Vogeley: Nicht-autistische Menschen ermüden aber in der Regel schneller, wenn sie lange das Gleiche machen, suchen dann eher den Smalltalk in der Kaffeeküche, um kurz zu entspannen. Viele Autisten erleben dieses Sättigungsgefühl nicht. Sie können über Stunden unermüdlich die gleichen Aufgaben bearbeiten. Smalltalk ist dagegen anstrengend, weil diese Gespräche für sie keinen Sinn ergeben. Lieber würden sie sinnvolle Aufgabe verrichten. Smalltalk dient normalerweise der Beziehungsgestaltung, für Autisten ist er überflüssig: Eben hat man noch so gut über ein Computerprogramm gesprochen und nun über Urlaub – das verunsichert sie.

Haben sie ein besonderes Begabungsprofil, das sie für diese Branche empfiehlt?

Vogeley: Es ist eine Mischung aus einem besonderen mathematischen Verständnis und logischen Zusammenhängen, also all solchen Phänomenen, die auf Regeln beruhen. Dann bleibt kein Spielraum für Unvorhersebares oder unscharfe Deutungen. Dies gilt auch für die Kommunikation und die soziale Interaktion: Wie ein Gegenüber reagiert, ist für autistische Menschen nicht berechenbar.

Braucht man Coaches für die Arbeitsverhältnisse?

Vogeley: Wir stecken bei den Fragen, warum Arbeitsverhältnisse scheitern, erst in den Anfängen. „Coaching on the Job“ wäre ein wichtiges Element. Gut wäre auch eine Eignungsdiagnostik, die vorab klärt, wie belastbar die Personen sind und wie eingeschränkt sie in der sozialen Kommunikation sind. Von den Coaches könnten auch die Nicht-Autisten profitieren. Beide Seiten sollten die Qualitäten des jeweils anderen schätzen. Essentiell wäre auch die Schulung der nicht-autistischen Mitarbeiter und der Kollegen.

Gibt es eine andere Art von Smalltalk unter Autisten?

Vogeley: Zu dieser Frage kann man nur spekulieren. Es gibt aber Betroffene, die berichten, dass es wesentlich einfacher sei, mit anderen autistischen Menschen zu kommunizieren als mit Nicht-Autisten. Oder sie fahren ins Ausland, um sich zu erholen. Dort sind sie Ausländer, und Fehler in der sozialen Interaktion werden eher verziehen.

Wie sieht es denn mit der Frusttoleranz im Job aus?

Vogeley: Aus meiner klinischen Erfahrung würde ich erwarten, dass Autisten mit einem hohen Grad an Nachhaltigkeit arbeiten, dies gilt insbesondere für stereotype Formen der Arbeit.

Von Martina Wewetzer

In der gedruckten Ausgabe am Donnerstag lesen Sie neben einem Kommentar zum Thema auch:

  • Das plant SAP
  • Anlaufstellen für autistische Menschen in der Region

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