Nordhessens GdP-Vorsitzender Stefan Rüppel im Gespräch

Interview über Beruf des Polizisten: „Respektsperson und Fußabtreter“

„Sie wissen nie, von welcher Seite die Angriffe kommen“: Ein Demonstrant schlägt bei einer Protestveranstaltung in Lübeck im März 2011 einen Polizisten nieder. Foto:  dpa

Nach dem Terroranschlag in Stockholm mit vier Toten haben viele Schweden ihrer Polizei für deren Einsatz mit Blumen und Umarmungen gedankt. Diese Geste ist auch gut bei der hiesigen Polizei angekommen.

Am Freitag, 21. April, rufen wir den Dankeschön-Tag für Polizisten aus. Schicken Sie uns ihre Danksagung an online@hna.de oder kommentieren Sie unter diesem Artikel. Die gesammelten Einsendungen übergeben wir am Freitag der Polizei.

Was für Situationen Polizisten tagtäglich meistern müssen und wie die Menschen darauf reagieren, darüber sprachen wir mit Stefan Rüppel, Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP) in Nordhessen.

Was haben die TV-Bilder aus Schweden bei Ihnen ausgelöst?

Stefan Rüppel: Mit Stolz und Freude habe ich gesehen, dass die schwedische Bevölkerung ihrer Polizei gedankt hat. Das war sehr emotional.

Gibt es solche Begebenheiten auch hier?

Rüppel: Nachdem kürzlich darüber berichtet wurde, dass der Kabarettist Sebastian Pufpaff von der Kasseler GdP ausgezeichnet wurde, weil er die Menschen in seiner Sendung dazu animiert hat, sich bei der Polizei zu bedanken, wurden auch uniformierte Kollegen in Kassel angesprochen. Einer berichtete mir, dass ein älterer Mann und eine ältere Dame auf dem Friedrichsplatz zu ihm gekommen seien und sich bei ihm dafür bedankt hätten, dass er Polizist geworden ist.

Solch netten Gesten gehören aber nicht zum Berufsalltag.

Rüppel: Ich habe kürzlich den Satz gelesen, dass der Beruf als Polizist etwas zwischen Respektsperson und Fußabtreter ist. Das trifft es.

Welche Gruppen missbrauchen die Beamten besonders gern als Fußabtreter?

Rüppel: Das ist gar nicht mal der Einbrecher, der von uns auf frischer Tat erwischt worden ist. Straftäter in so einer Situation erkennen in der Regel, dass sie verloren haben. Mehr Probleme bereiten uns Verkehrs- und Personenkontrollen oder Familienstreitigkeiten. Das sind eigentlich harmlose Situationen, die schnell eskalieren können. Beamten, die zum Beispiel am Stern in Kassel, einem Drogenschwerpunkt, Personen kontrollieren wollen, werden oft rassistische Gründe von den Betroffenen vorgeworfen. Nach dem Motto: Ihr kontrolliert mich nur, weil ich Ausländer bin. Die Leute weigern sich, ihre Papiere zu zeigen, das schaukelt sich dann schnell hoch und kann in einer eigentlich unnötigen Festnahme münden.

Die Gewalt gegen Polizeibeamte hat weiter zugenommen. 2015 gab es in Nordhessen 155 Anzeigen wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte, 2016 waren es 220 Anzeigen. Gibt es Gruppen, die besonders wenig Respekt vor der Polizei haben?

Rüppel: Jüngere Südländer haben oft Schwierigkeiten damit, die Autorität der Polizei anzuerkennen. Ich komme noch mal zum Kasseler Stern zurück. Dort gibt es zum Beispiel oft Schwierigkeiten mit Nordafrikanern, die schwer im Drogengeschäft aktiv sind.

Polizisten sind oft auch mit voller Montur bei Fußballspielen eingesetzt, was sicher keine angenehmen Einsätze sind.

Rüppel: Das stimmt. Zum Event-Programm der Hooligans beim Fußball gehört es ja dazu, dass es rappeln muss. Es ist sehr unangenehm, wenn man als Polizist zwischen allen Fronten steht. Sie wissen ja nie, von welcher Seite die Angriffe kommen.

Sie haben eben einen gefährlichen Beruf.

Rüppel: Das haben die Terroranschläge in Stockholm, Berlin oder London gemein. Die Polizei geht dahin, wo andere weglaufen. Das macht den Beruf besonders. Man setzt natürlich auch sein Leben und seine Gesundheit ein.

Hat man da keine Angst?

Rüppel: Beim Einsatz direkt nicht. Die Angst kommt bei solch gefährlichen Situationen erst hinterher. Dann macht man sich erst klar, was alles hätte passieren können.

Befanden Sie sich persönlich schon in Lebensgefahr?

Rüppel: Mit 20 dachte ich, jetzt bist du tot. Damals war ich Streifenpolizist in Frankfurt und war nachts mit einem Kollegen auf der A 5 unterwegs, wo wir eine Unfallstelle absichern wollten. Zwei Autos waren ineinandergefahren. Ich habe noch einen Verletzten aus einem Wagen gezogen, als plötzlich von hinten mit Tempo 190 ein drittes Auto kam und in die zwei Autos krachte. Überall flogen neben mir die Trümmer. Noch heute, 20 Jahre später, träume ich manchmal davon. Bei Festnahmen, bei denen die Täter bewaffnet waren, hätte manchmal auch was schiefgehen können. Ich hatte aber immer einen Schutzengel dabei. Solche Erlebnisse hat aber schon jeder Polizist gehabt.

In jüngster Zeit kursieren Videos, in denen IS-Kämpfer darin unterrichtet werden, wie man am besten deutsche Polizisten überwältigen kann. Bekommt man da keine Zweifel, den richtigen Beruf gewählt zu haben?

Rüppel: Nein. Das ist nicht nur ein Beruf, sondern eine Art Berufung. Es gibt viele Kollegen, die den großen Wert ihrer Arbeit sehen. Natürlich ist es für die Angehörigen nicht immer einfach.

Ihr jüngster Sohn wird auch Polizist. Hatten Sie nichts dagegen?

Rüppel: Nein, ich bin überzeugt, dass es ein interessanter und wichtiger Beruf ist. Mein Vater war auch Polizist, das liegt bei uns in der Familie.

Zur Person

Stefan Rüppel

Stefan Rüppel (44) ist seit 2011 Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei in Nordhessen. Der Polizeihauptkommissar ist in Kassel geboren, wo er auch wohnt. Er ist Mitglied des Personalrats im Polizeipräsidium Nordhessen. Rüppel ist verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne. Sein jüngerer Sohn (20) macht eine Ausbildung bei der Polizei in Sachsen-Anhalt.

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