Über Ursachen und Konsequenzen

Interview zur Völkerwanderung nach Europa: "Dichtmachen klappt nicht"

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Der Weg in den Westen: Mit der Hoffnung auf ein neues Leben sind im Nirgendwo zwischen Serbien und Ungarn Tausende Flüchtlinge weitergezogen. Der Zaun ist fertig, mit dem Budapest den Menschen den Weg versperren will.

Europa steht vor einem beispiellosen Zustrom an Migranten aus unterschiedlichen Erdteilen. Was sind die Ursachen, warum hat der Westen mit seiner bisherigen Entwicklungshilfepolitik falsch gehandelt, und wie kann man die Krisenländer befrieden - darüber sprach HNA-Nachrichtenredakteur Ullrich Riedler mit dem Historiker und Publizisten Michael Wolffsohn.

Politik heißt steuern und nicht gesteuert werden, sagen Sie und werfen der Politik Versagen in den Krisengebieten vor. Zudem sei der Flüchtlingsstrom vorhersehbar gewesen. Warum? 

Michael Wolffsohn: Schauen wir uns die Herkunftsregionen wie den Balkan an. Er ist seit 1991 in völliger Unordnung und Umordnung, die 1999 unterbrochen wurde. Bis dahin hatten wir Flüchtlingsströme, dann intervenierte die internationale Gemeinschaft, allen voran die USA und auch Deutschland, um die Region, wie es hieß, zu befrieden. In erster Linie ging Deutschland aber auf den Balkan, damit der Balkan nicht zu uns kommt.

Wieso hätte man den Flüchtlingsstrom aus dem Nahen Osten kommen sehen sollen? 

Wolffsohn: Auch diese Region ist in den letzten Jahren in einer völligen Um- und Unordnung, zum Beispiel im Irak und in Syrien. Die verschiedenen ethnischen und konfessionellen Gruppierungen sind sich in einem Punkt einig: Sie wollen nicht in demselben Staat leben. Jetzt zerbrechen der Irak und Syrien - jeder gegen jeden.

Menschen wollen überleben, also fliehen sie aus diesen Gebieten. Das war vorhersehbar. Es gab eine Möglichkeit, diese Unordnung etwa in Bezug auf den Irak umzuordnen und zu ordnen.

Wie? 

Wolffsohn: Indem man ein föderalistisches, bundesstaatliches Gemeinwesen entwickelt hätte. Die Kurden im Norden, die Sunniten in der Mitte und die Schiiten im Süden. Das wäre sicher friedensfördernd gewesen. Hinzu kommt Afghanistan: seit Jahrzehnten ein kaputter Staat. Auch wir haben dazu beigetragen und uns lange eingeredet, mit der internationalen Gemeinschaft Afghanistan stabilisieren zu können. Aber in der zentralistischen Form ist Afghanistan nicht zu ordnen.

Warum gibt es diesen Exodus aus Afrika? 

Wolffsohn: Auch für Afrika gilt: Die bestehenden Staaten sind künstliche Staaten, in denen von Anfang an die religiösen, ethnischen Gruppen und Stammesgruppierungen nicht unter einem Dach leben wollten. Das wurde ihnen aufgepfropft. Und die jeweilige Führungsgruppierung hat die jeweiligen Staaten zur Selbstbedienung und Verfolgung von Minderheiten benutzt.

Zweitens haben wir es in Afrika von Nord nach Süd seit Jahrzehnten mit der Ausbreitung eines militanten Islam zu tun. Auch hier gilt: Weil die Menschen dort nicht in Frieden leben können, kommen sie zu uns.

Was folgt daraus? 

Wolffsohn: Man muss diese staatlichen Totgeburten umstrukturieren, und auch hier ist Föderalismus ein politisches Mittel. In „Zum Weltfrieden“ zeige ich das genau. Das heißt, dass man wirklichen Föderalismus - in Nigeria gibt es ihn nur auf dem Papier - einführt und den einzelnen Gruppierungen Selbstbestimmungen gibt. Das alles hätte man längst machen können und müssen. Nicht einfach Entwicklungshilfe an ohnehin korrupte Institutionen und Personen zahlen, sondern ein staatlicher Umbau ist nötig, einschließlich administrativer Hilfe.

Die ehemalige Ausländerbeauftragte des Berliner Senats, Barbara John, hat für den Balkan ein großes Hilfsprogramm von der EU gefordert. Das wäre der falsche Weg? 

Wolffsohn: Helfen ist das Anheften von Pflastern auf ein Krebsgeschwür. Es ist geholfen worden, und es wird hoffentlich auch noch mehr geholfen. Aber man muss wissen, wie man die Unordnung in eine neue Ordnung schafft. Daran hapert es. Es wird von der Fiktion ausgegangen, dass die bestehenden Staaten im Prinzip stabil sind und daher nur wieder stabilisierbar gemacht werden müssen. Das ist ein Irrtum.

Solche Umstrukturierungen von Staaten, wie Sie sie vorschlagen, brauchen Zeit. Also wird der Flüchtlingsstrom noch eine ganze Weile anhalten. Wie lange dauert es, bis alle Staaten in Europa ihre Grenzen dichtmachen? 

Wolffsohn: Dichtzumachen wird nicht klappen. Wir erleben eine Völkerwanderung. Und Völkerwanderungen gab es in der Menschheitsgeschichte immer wieder. Und dagegen haben sich die Einheimischen stets versucht abzuschotten. Sei es durch die Chinesische Mauer oder den Limes. Das hat alles nichts genützt.

Was ist also zu tun? 

Wolffsohn: Wir müssen im Hier und Heute mit Sinn und Verstand helfen und nicht einfach Löcher stopfen. Die Ansiedlung der Flüchtlinge muss Teil einer Raumordnung sein. Man muss sie in den bevölkerungsschwachen Gebieten unseres Landes ansiedeln. Außenpolitisch muss die internationale Gemeinschaft die Staaten der Krisen- und Kriegsregionen föderalistisch umbauen. Das heißt: Frieden durch Föderalismus.

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